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mit der Hand über die in Aufregung ſpielenden Muskeln ſeiner Lippen und Naſe. Defarge ſtand zwiſchen ihnen und dem Er⸗ zähler, dem er ſeinen Platz im Lichte des Fenſters angewieſen, und ließ ſeine Blicke von ihm auf die Drei und von den Dreien wieder auf ihn zurückgleiten.
„Macht nur weiter, Jacques,“ ſagte Defarge.
„Er bleibt einige Tage droben in ſeinem Käfig. Das Dorf ſchaut nur verſtohlen nach ihm hinauf, denn es fürchtet ſich. Aber es betrachtet immer aus der Ferne das Gefängniß auf dem Felſen, und Abends, wenn es ſich nach vollbrachtem Tagewerk zum Plaudern am Brunnen verſammelt, wenden ſich alle Augen dem Gefängniß zu. Früher pflegten ſie ſich auf das Poſthaus zu richten, jetzt aber iſt der Fels ihr Ziel. Sie flüſtern ſich am Brunnen zu, obgleich der Mann zum Tode ver⸗ urtheilt ſei, werde er doch nicht hingerichtet werden; ſie ſagen, es ſeien in Paris Bittſchriften eingereicht worden, welche aus⸗ einander ſetzten, der Tod ſeines Kindes habe ihn geiſteskrank ge⸗ macht; ſie ſagen, der König ſelbſt habe eine ſolche Bittſchrift in Empfang genommen. Was weiß ich? Es iſt möglich. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht.“
„So hört denn, Jacques,“ fiel ihm Nummer Eins dieſes Namens in's Wort.„Eine Bittſchrift iſt dem König und der Königin wirklich überreicht worden. Wir Alle, die wir hier zu⸗ gegen ſind, mit alleiniger Ausnahme von Euch, haben geſehen, wie der König ſie in Empfang nahm, als er mit der Königin an ſeiner Seite durch die Straßen fuhr. Defarge, den Ihr hier ſeht, war es, der unter Lebensgefahr mit der Schrift in der Hand vor die Pferde hintrat.“
„Und hört weiter, Jacques,“ ſagte die knieende Nummer Drei mit erſtaunlich gieriger Miene, als hungere ſie nach etwas, was weder Speiſe noch Trank war, die Finger wieder und wie⸗ der über die Lippen hinführend,„die Garde, Reiter und Fuß⸗ gänger, umgaben den Bittſteller und mißhandelten ihn mit Schlä⸗ gen.“ Hört Ihr's?“
„Ja wohl, ihr Herren.“
„Fahrt fort,“ ſagte Defarge.
„Andererſeits munkelt man am Brunnen davon,“ nahm der Landmann wieder auf,„er ſei in unſere Gegend gebracht wor⸗ den, um hier den Tod zu erleiden, und er werde ganz gewiß hingerichtet werden. Ja man will ſogar wiſſen, weil er Mon⸗ ſeignenr umgebracht habe und Monſeigneur der Vater ſeiner Grundholden oder Leibeigenen ſei, ſo werde ihn der Tod des Vatermörders treffen. Ein alter Mann ſagt am Brunnen, man gebe ihm das Meſſer in die rechte Hand, haue ſie ihm ab und verbrenne ſie vor ſeinen Augen; dann reiße man Löcher in ſeine Arme, in ſeine Bruſt, in ſeine Beine, und gieße kochendes Oel, geſchmolzenes Blei, heißes Harz, Wachs und brennenden Schwe⸗ fel hinein; endlich reiße man ihm mit vier ſtarken Pferden Glied für Glied aus dem Leibe. Der alte Mann ſagt, all dies ſei wirklich einem Gefangenen geſchehen, der einen Verſuch auf das Leben des verſtorbenen Königs Ludwig des Fünfzehnten machte. Müer wie kann ich wiſſen, ob er nicht lügt? Ich bin kein Stu⸗ dirter.“
„Hört mich noch einmal an, Jacques,“ ſagte der Mann mit der unruhigen Hand und der gierigen Miene.„Der Name jenes Gefangenen war Jacques Damiens, und der ganze Vorgang fand bei hellem Tage in den offenen Straßen dieſer Stadt Paris ſtatt. Und nichts war merkwürdiger in dem ungeheuren Zuſam⸗ menlaufe der Zuſchauer, als die Menge von hohen und vor⸗ nehmen Damen, welche kein Auge verwandten von dem Schau⸗ ſpiele, ſo lange es dauerte; es wurde nämlich bis in die Nacht hinein verlängert, und der Unglückliche hatte ſchon zwei Beine und einen Arm verloren, als er immer noch athmete. Dies iſt geſchehen— na, wie alt ſeid Ihr?“
„Fünfunddreißig,“ ſagte der Wegknecht, der wie ein Sech⸗ ziger ausſah.
„Es iſt alſo geſchehen, wie Ihr ſchon über zehn Jahre alt waret. Ihr hättet es ſelbſt noch mit anſehen können.“ „Genug,“ ſagte Defarge mit grämlicher Ungeduld. llebe der Teufel! Macht weiter.“ Nun, die einen munkeln dies, die andern das; ſie ſprechen von nichts anderem, und ſelbſt der Brunnen ſcheint in dieſen Ton einzufallen. Endlich einmal Sonntag Nachts, während das ganze Dorf im Schlafe liegt, kommen Soldaten den Schlangen⸗ weg vom Gefängniß herunter und ihre Schüſſe hallen von den Steinen der nahen Straße wieder. Werkleute graben, Werk⸗ leute hämmern, die Soldaten lachen und ſingen, und am Morgen ſteht neben dem Brunnen ein vierzig Fuß hoher Galgen und 3 vergiftet das Waſſer.“ Der Wegknecht ſah eher durch die Decke hindurch, als nach
„Lang
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ihr hinauf, und machte ein Zeichen, als ſehe er den Galgen ir⸗ gendwo am Himmel.
„Alle Arbeit bleibt liegen, Alles verſammelt ſich da, Nie⸗ mand führt die Kühe aus, die Kühe ſind da wie alles Andere. Um Mittag Trommelwirbel. Soldaten ſind während der Nacht in's Gefängniß marſchirt, und er kömmt in der Mitte vieler Soldaten. Er iſt gebunden wie früher, und in ſeinem Munde ſteckt ein Knebel, der ſo feſt und in einer Art angebracht iſt, daß es faſt ausſieht, als ob er lache.“ Er erläuterte dies da⸗ mit, daß er mit den Daumen die Mundwinkel bis zu den Ohren zurückzog.„An dem obern Theile des Galgens iſt das Meſſer mit der Klinge aufwärts und der Spitze in der Luft befeſtigt. Da hängt man ihn vierzig Fuß hoch und läßt ihn hängen und das Waſſer vergiften.“
Sie ſahen einander an, während er ſeine blaue Mütze zum Abwiſchen des Schweißes benützte, den ihm die Erinnerung an das Schauſpiel ausgetrieben hatte.
„Es iſt ſchrecklich, meine Herren. Wie können die Weiber und die Kinder Waſſer holen? Wer kann Abends unter einem ſolchen Schatten plaudern? Darunter, habe ich geſagt? Als ich am letzten Montag um Sonnenuntergang das Dorf verließ und von dem Berge aus zurückſchaute, fiel der Schatten quer über die Kirche hin, über die Mühle, an dem Gefängniß vorbei, und ſchien ſich über die ganze Erde zu erſtrecken, bis dahin, meine Herren, wo das Himmelsgewölbe aufſitzt.“
Der Hungrige nagte, während er die andern Drei anſah, an einem von ſeinen Fingern, und die Finger zitterten unter der dem Manne inwohnenden Gier.
„Das iſt Alles, meine Herren. Ich verließ, wie mir an⸗ gedeutet worden war, um Sonnenuntergang das Dorf und wan⸗ derte ſelbige Nacht und den halben anderen Tag fort, bis ich, wie die Verabredung lautete, dieſen Kameraden traf. Mit ihm reiste ich weiter, bald zu Fuß, bald fahrend, den Reſt des geſtri⸗ gen Tages und die ganze Nacht durch. Und nun ſeht ihr mich.“
Nach einem düſteren Schweigen ſagte der erſte Jacques:
„Gut; Ihr habt treu gehandelt und erzählt. Wollt Ihr vor der Thür draußen ein bischen auf uns warten?“
„Recht gerne,“ verſetzte der Wegknecht.
Defarge führte ihn nach dem Anfange der Treppe, hieß ihn dort niederſitzen und kehrte zurück. Als er wieder in dem Dachſtübchen anlangte, waren die Drei aufgeſtanden und ſteckten die Köpfe zuſammen.
„Wie meinſt du, Jacques?“ fragte Nummer Eins.„Ein⸗ zutragen?“
„Einzutragen als zum Untergang verurtheilt,“ verſetzte De⸗ arge.
„Großartig!“ krächzte der Mann mit dem Hunger. 3
„Das Schloß und das ganze Geſchlecht?“ fragte der Erſte.
„Schloß und Geſchlecht,“ entgegnete Defarge.„Vernich⸗ tung.“
Seer hungrige Mann wiederholte mit entzücktem Krächzen ſein„großartig“ und begann an einem anderen Finger zu nagen.
„Seid Ihr gewiß,“ fragte Jacques Zwei den Defarge, „daß uns aus der Art, wie das Regiſter geführt wird, keine Verlegenheit erwachſen kann? Ohne Zweifel iſt es ſicher, da es außer uns Niemand zu entziffern im Stande iſt; aber werden wir immer in der Lage ſein, es zu thun— oder, wie ich viel⸗ mehr ſagen ſollte, wird ſie es immer können?“
„Jacques,“ entgegnete Defarge, ſich hoch aufrichtend,„wenn es meine Frau auf ſich nehmen wollte, das Regiſter nur in ihrem Gedächtniß zu führen, ſo würde kein Wort, keine Sylbe davon verloren gehen; geſtrickt aber mit ihren eigenen Maſchen und ihren ſymboliſchen Zeichen, iſt es ihr ſtets ſo klar wie die Sonne. Ihr könnt euch auf Madame Defarge verlaſſen, für die elendeſte Memme, die da lebt, wäre es viel leichter, ſich aus
dem Buche der Lebendigen zu ſtreichen, als nur einen Buchſtaben
ſeines Namens oder ſeiner Verbrechen aus Madame Defarge's geſtricktem Regiſter zu tilgen.“.
Es folgte darauf ein Gemurmel des Beifalls und des Ver⸗ trauens; dann ſtellte der hungernde Mann die Frage:
„Soll dieſer Bauer bald wieder zurückgeſchickt werden? Ich hoffe es. Er iſt ſehr einfältig; könnte er nicht gefährlich werden?“
„Er weiß nichts,“ ſagte Defarge,„wenigſtens nicht weiter, als was ihn leicht an einen Galgen von derſelben Höhe bringen könnte. Ich nehm' ihn auf mich; laßt ihn bei mir bleiben. Ich will Sorge für ihn tragen und ihm ſeinen Weg anweiſen. Er wünſcht die vornehme Welt zu ſehen, den König, die Köni⸗ gin, den Hof; ſo mag er am Sonntag ſeinen Willen haben.“
„Wie?“ rief der Mann mit dem Hunger, die Angen weit
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