Jahrgang 
1860
Seite
187
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derden

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halb Tagmärſche von Paris. Er iſt ein guter Menſch, dieſer Wegknecht Jacques. Gib ihm zu trinken, Frau.

1 Ein zweiter Mann ſtand auf und ging hinaus. Madame Defarge ſetzte dem Wegknecht Namens Jacques Wein vor, wor⸗ auf dieſer gegen die Geſellſchaft ſeine blaue Mütze lüpfte und trank. Er zog aus der Bruſt ſeiner Blouſe ein Stück rauhen, ſchwarzen Brodes heraus, brach ſich in Zwiſchenräumen einen Biſſen, und kaute und trank in der Nähe von Madame Defarge's Zahltiſch. Ein Dritter ſtand auf und ging hinaus..

Defarge labte ſich mit einem Schlucke Wein, genoß indeß weniger, als dem Fremden gereicht worden, da ihm, als dem Hausherrn, das Getränke keine Seltenheit war; dann blieb er wartend ſtehen, bis der Mann vom Lande ſeinen Imbiß verſorgt hatte. Er ſah von den Anweſenden Niemand an, und auch von dieſen hatte Niemand ein Auge für ihn, nicht einmal Madame Defarge, die eifrig in ihrem Stricken fortmachte.

Seid Ihr fertig mit Eurem Mahle, Freund? fragte er, nachdem er dem Fremden gehörig Zeit gelaſſen hatte.

Ja; ich danke Euch.

So kommt. Ihr ſollt das Gemach ſehen, das Ihr, wie ich Euch ſagte, haben könnt. Es wird Euch gewiß gut ge⸗ fallen.

5 Aus der Weinſtube auf die Straße, von der Straße in den Hof, von dem Hofe eine ſteile Treppe hinan, von der Treppe in ein Dachſtübchen früher das Dachſtübchen, in dem ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank vorwärts gebeugt ſaß und Schuhe machte.

Es war kein weißhaariger Mann mehr da, wohl aber harr⸗

1 ten darin die Drei, welche einzeln die Schenkſtube verlaſſen hatten. Und zwiſchen ihnen und dem in weiter Ferne ſich be⸗ findenden grauhaarigen Manne beſtand das einzige kleine Ver⸗ bindungsglied, daß ſie ihn einmal durch die Riſſe in der Mauer geſehen hatten.

Defarge ſchloß ſorgfältig die Thür und begann mit ge⸗ dämpfter Stimme:

Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Drei, dies iſt der Zeuge, welcher mir, dem Jacques Vier, in Folge der Verab⸗ redung, entgegengekommen iſt. Er wird euch Alles ſagen. Sprecht, Jacques Fünf.

Der Wegknecht, der ſeine blaue Mütze in der Hand hatte, wiſchte ſich die braune Stirne damit, und ſagte:

Wo ſoll ich anfangen, Herr? 4

Fangt von vorn an, lautete Monſieur Defarge's nicht unvernünftige Erwiederung.

Gut, ihr Herren, begann der Wegknecht;ich ſah ihn, laufenden Sommer iſt's ein Jahr, unter der Kutſche des Mar⸗ quis, wie er in der Kette hing. Schaut, wie das war. Ich hatte meiner Arbeit den Rücken gekehrt, die Sonne ging unter, die Kutſche des Marquis fuhr langſam bergan, und er hing in der Kette ſo.

Und der Wegknecht machte wieder das alte Kunſtſtück, in welchem er es ſeitdem zu einer großen Vollkommenheit gebracht haben mußte, da es während eines ganzen Jahres die unfehl⸗ bare und unentbehrliche Unterhaltungszuflucht ſeines Dorfes ge⸗ weſen war.

Jack Eins fiel ein und fragte, ob er den Mann je zuvor geſehen habe.

Nie, antwortete der Wegknecht, indem er wieder eine loth⸗ rechte Stellung annahm.

Jacques Drei wollte wiſſen, wie er ihn nachher wieder er⸗ kannt habe.

An ſeiner langen Geſtalt, verſetzte der Wegknecht halb⸗ laut, indem er den Finger an ſeine Naſe legte.Als Monſieur le Marquis an jenem Abende zu mir ſagte, ‚ſag, wie er aus⸗ ſaht, gab ich ihm zur Antwort, lang wie ein Geſpenſt.

Ihr hättet ſagen ſollen, klein wie ein Zwerg, bemerkte Jacques Zwei.

Was wußte ich? Die ſchehen, und er hatte mich Auch muß ich bemerken, daß ich ſelbſt unter den obwaltenden Verhältniſſen nicht mein Zeugniß anbot. Monſieur le Marquis deutet mit dem Finger auf mich, während ich neben unſerem kleinen Brunnen ſtehe und ſagt:Bringt mir dieſen Schurken her. Wahrhaftig, meine Herren, ich hab' nicht aus freien Stücken gezeugt.

Es iſt ſo, Jacques, bemerkte Defarge halblaut gegen den Mann, der ihn unterbrochen hatte.Macht weiter.

Gut, ſagte der Wegknecht mit geheimnißvoller Miene. Der lange Menſch verſchwindet und wird geſucht wie viele Monate? Neun, zehn, eilf?

That war damals noch nicht ge⸗

nicht zu ſeinem Vertrauten gemacht.

will, ſo helfen ſie mit den Gewehren nach ſo.

Was liegt an der Zahl? verſetzte Defarge.Er war gut verborgen, wurde aber zuletzt unglücklicher Weiſe aufgefun⸗ den. Fahrt fort.

Ich bin wieder an dem Bergabhange bei meinen Stein⸗ haufen und die Sonne iſt wieder am Untergehen. Ich nehme mein Werkzeug zuſammen, um nach dem Dorfe und in mein Häuslein zurückzukehren, das ſchon im Duukeln liegt. Wie ich meine Augen aufrichte, ſeh' ich über den Berg her ſechs Sol⸗ daten kommen. In ihrer Mitte geht ein Mann, dem die Arme an die Seiten gebunden ſind ſo.

Mit Hilfe der unentbehrlichen Mütze ſtellte er einen Men⸗ ſchen dar, dem mit auf dem Rücken zugeknoteten Stricken die Ellenbogen an den Bruſtkorb befeſtigt ſind.

Ich trete von meinen Steinhaufen zurück, meine Herren, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeikommen zu ſehen Cs iſt ein einſamer Weg, wo Alles, was vorkömmt, ſich des Sehens verlohnt). Wie ſie näher kommen, bemerke ich anfangs weiter nichts, als daß es ſechs Soldaten ſind mit einem gebundenen langen Manne; ſie kommen meinem Auge faſt ſchwarz vor, mit Ausnahme der Seite, wo die Sonne untergeht und wo ſie einen rothen Schein haben. Gut, meine Herren; ich ſah, daß ihre langen Schatten über der Wegböſchung weg ſich an der ent⸗ fernteren Berganſteigung abmalen und wie die Schatten von Rieſen erſcheinen. Ferner bemerke ich, daß ſie mit Staub be⸗ deckt ſind, und daß jeder ihrer Schritte, wie ſie tramp, tramp einherkommen, neuen Staub aufwühlt. Aber ſobald ſie mir ganz nahe gekommen ſind, erkenne ich den langen Mann, und er erkennt mich. Ach, wie gern wär' er wohl wieder über den Abhang hinuntergekugelt, wie an dem Abende, als ich ihm faſt an demſelben Plätzchen zum erſtenmal begegnete.

Er beſchrieb es, als ob ſie dort wären, und es war ſicht⸗ lich, daß er es lebhaft vor Augen hatte; vielleicht war ihm in ſeinem Leben nicht viel zu Geſicht gekommen.

Ich laſſe die Soldaten nicht merken, daß ich den langen Mann kenne; und auch er gibt kein Zeichen, daß er mich erkannt hat; wir aber verſtändigen uns durch die Augen.Vorwärts! ſagt der Führer der Abtheilung und deutet auf das Dorf; zmacht, daß er zu ſeinem Grabe kömmt. Und ſie treiben ihn ſchneller an. Ich folge. Seine Arme ſind geſchwollen wegen der feſten Bande; ſeine hölzernen Schuhe ſind plump und ſchwer, ſo daß er kaum gehen kann. Weil es nun nicht recht vorwärts

Er veranſchaulichte das Vorwärtstreiben des Gefangenen durch Stöße mit den Musketenkolben.

Während ſie gleich wettrennenden Tollhäuslern den Berg hinabraſen, fällt er. Sie heben ihn wieder auf und lachen. Sein mit Staub bedecktes Geſicht blutet; aber er kann nicht danach hinlangen, und ſie lachen wieder darüber. Sie bringen ihn nach dem Dorfe; das ganze Dorf läuft zuſammen, um ihn zu ſehen. Man führt ihn an der Mühle vorbei und nach dem Gefängniß hinauf. Das ganze Dorf ſieht, wie in der dunkeln Nacht das Gefängnißthor ſich aufthut und ihn verſchlingt ſo.

Er öffnete den Mund, ſo weit er konnte, und ließ ihn mit einem klappenden Tone der Zähne wieder zuſchnappen. Als Defarge bemerkte, daß der Mann nicht Luſt hatte, den gemach⸗ ten Eindruck durch ein abermaliges Oeffnen zu beeinträchtigen, ſo ſagte er zu ihm:Fahrt fort, Jacques.

Das ganze Dorf, nahm der Wegknecht mit gedämpfter Stimme wieder auf, während er zugleich ſich auf die Fußſpitzen ſtellte,zieht ſich zurück; das ganze Dorf flüſtert bei dem Brun⸗ nen; das ganze Dorf ſchläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen, der auf dem Felſen hinter Schloß und Riegel ſitzt und nur wieder aus dem Gefängniß herauskommen ſoll, um zu ſterben. Am Morgen nehme ich mein Werkzeug auf die Schulter und meinen Biſſen Schwarzbrod in die Taſche, um ihn unterwegs zu eſſen, und mache auf meinem Gange zur Arbeit einen Umweg nach dem Gefängniß. Da ſehe ich ihn hoch oben hinter dem Gitter eines eiſernen Käfigs blutig und ſtaubig wie geſtern hervorſchauen. Er hat keine Hand frei, um mir zuzu⸗ winken. Ich wage es nicht, ihn anzurufen, und er betrachtet mich mit Augen, wie ein todter Mann.

Defarge und die Drei warfen einander finſtere Blicke zu. Ihre Mienen waren unheimlich, zurückhaltend und rachgierig, während ſie der Geſchichte des Landmannes zuhörten; auch ließ ſich in ihrer Haltung etwas Gebieteriſches nicht verkennen. Sie nahmen ſich wie ein roher Gerichtshof aus. Jacques Eins und Zwei ſaßen auf dem alten Lotterbettlein und hatten das Kiin auf die Hand geſtützt, während ihre Augen unverwandt auf dem Wegknecht hafteten. Jacques Drei, der ebenſo aufmerkſam war, 3n ſtützte ſich hinter ihnen auf das eine Knie und fuhr ohne Unterlaß

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