durch die Anweſenheit ſeines Vaters in dem Familienzimmer ge⸗ weckt. Dieſem mußte etwas nicht nach Wunſche gegangen ſein; ſo ſchloß wenigſtens der junge Jerry aus dem Umſtande, daß der Alte Mrs. Cruncher an den Ohren hatte und ihr den Hin⸗ terkopf an dem Kopfbrett ihrer Bettlade zerbeulte.
„Ich hab' dir's geſagt, ich wolle,“ ſagte Mr. Cruncher; nund jetzt haſt du's.“
„Jerry, Jerry, Jerry,“ rief ſein Weib flehentlich.
„Du haſt ein Aber gegen den Profit des Geſchäfts,“ ſagte Jerry,„und darunter haben ich und meine Kameraden zu lei⸗
du's nicht?“
„Ich gebe mir ja alle Mühe, eine gute Frau zu ſein,“ ver⸗ ſicherte die Arme unter Thränen.
„Iſt man eine gute Frau, wenn man ſich dem Geſchäfte des Mannes widerſetzt? Heißt es den Mann ehren, wenn man⸗ ſein Gewerbe verachtet? Heißt es dem Manne gehorchen, wenn man ihm den Gehorſam weigert in der Lebensfrage ſeines Ge⸗ ſchäftes?“
„Du haſt alſo wieder zu dem ſchrecklichen Gewerbe gegriffen, Jerry?“
„Für dich iſt es genug;“ verſetzte Mr. Cruncher,„das Weib eines ehrlichen Gewerbsmannes zu ſein, und du haſt nicht nöthig, deinen Weiberkopf mit Berechnungen anzuſtrengen, wenn er einem Berufe nachgeht oder nicht. Ein Weib, das ehrt und gehorcht, läßt ihn machen. Du willſt eine religiöſe Frau ſein? Wenn die religiöſen ſo ſind, ſo will ich lieber eine unreligiöſe. Du haſt ſo wenig ein natürliches Gefühl für deine Pflicht, als es dieſes Themſebett da für einen Pfahl hat, und ſie muß deshalb gleichermaßen in dich hineingeſchlagen werden.“
Der Streit wurde in gedämpfter Stimme geführt und
fel vom Fuß ſchleuderte und der Länge nach ſich auf den Boden legte. Nachdem ſein Sohn einen ſcheuen Blick nach ihm, wie er ſo rücklings dalag mit den roſtigen Händen als Kiſſen unter dem Kopfe, hingeworfen hatte, legte auch er ſich wieder und ſchlief auf's Neue ein.
Zum Frühſtück gab es keinen Fiſch und auch nicht viel Anderes. Mr. Cruncher war verſtimmt und mißmuthig, und hielt ſtets einen eiſernen Topfdeckel in der Nähe als Korrektions⸗ geſchoß für Mrs. Cruncher, im Fall ſie Miene machte, ihren Morgenſegen zu ſprechen oder zu denken. Zu der gewohnten Stunde hatte er ſich gewaſchen und gekämmt, und machte ſich mit ſeinem Sohne auf den Weg, um ſeinen vorweisbaren Beruf anzutreten.
Der junge Jerry, der mit ſeinem Schemel unter dem Arme neben ſeinem Vater in dem Gedränge der ſonnigen Fleetſtraße dahinſchritt, war ein ganz anderer junger Jerry, als in der letz⸗ ten Nacht, ſo lange er durch Einſamkeit und Dunkel vor ſeinem ſchrecklichen Verfolger her nach Hauſe lief. Sein Geiſt hatte
ſowohl, als in der Stadt London überhaupt.
„Vater,“ ſagte der junge Jerry unterwegs, indem er zu⸗ gleich Sorge trug, ſich auf Armeslänge fern zu halten und den Schemel zwiſchen ſich und den Alten zu bringen,„was iſt ein Auferſtehungsmann?“
Mr. Cruncher blieb wie auf das Pflaſter gebannt ſtehen, ehe er antwortete:
„Wie ſoll ich dies wiſſen?“
„Ich dachte, Ihr wiſſet Alles, Vater,“ lautete die argloſe Erwiederung des Knaben.
„Hem! Nun,“ entgegnete Mr. Cruncher den Weg wieder aufnehmend und den Hut lüpfend, um ſeinen Spießen freies Spiel zu laſſen,„er iſt ein Gewerbsmann.“
„Und was gewerbt er?“ fragte der ſchlaue junge Jerry. „Was er gewerbt?“ verſetzte Mr. Cruncher nach einigem ffinnen.„Er handelt mit wiſſenſchaftlichen Gegenſtänden.“ „Nicht wahr, mit Leichnamen, Vater?“ fragte der aufge⸗ ſect Knabe.
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„Ich glaube, es iſt etwas der Art,“ antwortete Mr. Cruncher.
„Oh, Vater, ich möchte wohl auch ein Auferſtehungsmann werden, wenn ich einmal groß bin.“.
Mr. Cruncher fühlte ſich beruhigt, ſchüttelte aber doch be⸗ denklich und moraliſirend den Kopf.
„Es hängt davon ab, wie du deine Talente entwickelſt. Laß
r's angelegen ſein, deine Talente auszubilden, und ſprich von lchen Dingen gegen Niemand mehr, als eben gerade nothwen⸗
endigte damit, daß der ehrliche Gewerbsmann die kothigen Stie⸗
ſich mit dem Tage aufgefriſcht und die Dämpfe waren mit der Nacht vergangen, eine Eigenthümlichkeit, in welcher er an jenem ſchönen Morgen viele ſeines Gleichen hatte, in der Fleetſtraße
den. Du ſollſt ehren und gehorchen— warum zum Teufel thuſt
dig iſt; denn vorderhand kann man noch nicht wiſſen, für was du mit der Zeit paſſen magſt.“
Als der junge Jerry, in ſolcher Weiſe ermuthigt, um einige Schritte vorausging, um den Schemel in dem Schatten des Bar aufzuſtellen, fügte Mr. Cruncher für ſich ſelbſt bei:
„Jerry, ehrlicher Gewerbsmann, es iſt Hoffnung vorhanden, daß der Knabe noͤch ein Segen für dich und ein Erſatz werden wird für ſeine Mutter!“
15. Kapitel. Sin Geſtrick.
Es gab früher als gewöhnlich Gäſte in Monſieur Defarge's Weinſtube. Schon morgens um ſechs Uhr hatten bleiche Geſich⸗ ter, welche durch die vergitterten Fenſter hineinſchauten, drinnen andere Geſichter bemerkt, die ſich über ihre Weingläſer nieder⸗ beugten. Selbſt in den beſten Zeiten verkaufte Monſieur De⸗ farge nur ſehr dünnen Wein, aber er ſchien eben jetzt ganz un⸗ gewöhnlich dünn zu ſein. Ein ſaurer Wein obendrein, oder ein ſauer machender, denn er übte auf die Stimmung der Trinker einen gar trüben Einfluß. Keine lebhafte bachanaliſche Flamme loderte aus der gepreßten Traube des Monſieur Defarge, ſondern ein gloſtendes Feuer, das im Verborgenen brannte, lag in ihrer Hefe verborgen.
Es war der dritte Morgen dieſer Frühtrunke in Monſieur Defarge's Weinſtube. Sie hatten am Montag begonnen, und heute war es Mittwoch. Man konnte es übrigens eher ein Morgenbrüten nennen, als ein Trinken; denn ſeit die Thür ge⸗ öffnet worden, hatten viele Leute zugehört, geflüſtert und waren wieder fortgeſchlichen, die, ſelbſt wenn es ihren Seelen gegolten, keine Münze auf den Zahltiſch hätten legen können. Sie waren jedoch in der Stube ebenſo angeſehen, wie wenn ſie über ganze Fäſſer Wein zu verfügen vermocht hätten, und man ſah ſie von Sitz zu Sitz, von einer Ecke zur andern gleiten, wie ſie mit gierigen Blicken ſtatt des Trunks die Reden einſogen..
Ungeachtet des außerordentlichen Zulaufes von Gäſten war der Inhaber des Weinſchankes nicht ſichtbar. Er wurde auch nicht vermißt; denn Niemand von denen, welche über die Schwelle ſchritten, ſah ſich nach ihm um oder fragte nach ihm. Niemand wunderte ſich, daß nur Madame Defarge die Abgabe des Wei⸗ nes von ihrem Sitze aus überwachte, mit einem Teller voll Kleingeld vor ſich, auf dem das urſprüngliche Gepräge ſo ent⸗ ſtellt und abgerieben war, wie auf der menſchlichen Scheide⸗ münze, aus deren zerlumpten Taſchen es gekommen war.
Ein zurückhaltendes Intereſſe und eine vorherrſchende Gei⸗ ſtesabweſenheit wurde vielleicht bemerkt von den Spionen, die in die Weinſtube hineinſchauten; denn ihre Blicke reichen überall hin nach Hoch und Nieder, von dem Palaſte des Königs an bis zu dem Kerker des Verbrechers. Die Spielkarten lagen müſſig, Dominoſpieler bauten in Gedanken mit den Steinen Thürme, Trinker zeichneten mit dem verſchütteten Weine Figuren auf den Tiſch, ja, ſogar Madame Defarge ſtocherte mit ihrem Zahnſtocher in dem Muſter auf ihrem Aermel, und achtete nur auf etwas Unſichtbares und Unhörbares in weiter Ferne.
Saint Antoine verblieb in dieſer eigenthümlichen Weinlaune bis zum Mittag Es war um die zwölfte Stunde, als zwei ſtaubige Männer durch die Gaſſen der Vorſtadt unter den La⸗ ternen vorbeikamen. In dem einen erkennen wir Monſieur De⸗ farge, in dem andern einen Straßenſteinſchläger mit einer blauen Mütze. Voll Staub und Durſt traten ſie in die Weinſtube. Ihre Ankunft hatte in der Bruſt von Saint Antoine eine Art Feuer angezündet, das, je weiter ſie kamen, mehr und mehr um ſich griff und an den meiſten Thüren und Fenſtern in Geſichter⸗ flammen flackernd hervorloderte. Aber Niemand war ihnen ge⸗ folgt, und Niemand ließ ein Wort verlauten, als ſie in die Weinſtube traten, obſchon jedes Auge ſich ihnen zuwandte.
„Guten Tag, meine Herren,“ ſagte Monſieur Defarge.
Dies war, ſcheint es, ein Signal, das allen die Zunge löste, denn es entlockte die Antwort im Chor:„Guten Tag.“
„Es iſt ſchlimm Wetter, meine Herren,“ ſagte Defarge den Ko üttelnd.
vi ſcit ſah Jeder ſeinen Nachbar an; dann ſchlugen alle ihre Augen nieder und blieben ſtumm ſitzen. Ein Einziger machte davon eine Ausnahme; er ſtand auf und verließ das Zimmer.
„Frau,“ ſagte Defarge laut, ſich an Madame Defarge wen⸗ dend,„ich bin eine ſchöne Strecke gereist mit dieſem wackeren Wegknechte, der Jacques heißt. Ich traf ihn zufällig andert⸗


