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ſchaft ablegen. Da lag das Geld ſicher eingeſchloſſen in meinem Geldſchrank, und machte mir die gerech⸗ teſten Vorwürfe, indem es mir meine Undankbarkeit und gleichzeitig meine Kurzſichtigkeit vorhielt, durch die ich die Freundſchaft meines beſten und gütigſten Freundes verſcherzt hatte.
„Ich mußte unbedingt verſuchen, den begangenen Fehler, ſo weit es noch in meiner Macht ſtand, zu redreſſiren. Das fühlte ich jetzt deutlich, und es gab nur einen Weg, mich aus der Verlegenheit zu ziehen, in die mich meine Unbeſonnenheit gebracht hatte. Ohne zu zögern nahm ich meinen Hut, eilte
nach dem Bankierhauſe, und wollte Herrn Sauntleroy
Alles offen bekennen.
„Als ich an die Privatthür des Geſchäftslokales klopfte und nach ihm fragte, ſagte man mir, daß er ſeit zwei Tagen nicht dort geweſen ſei. Einer der anderen Chefs arbeitete aber noch in ſeinem Privat⸗ zimmer. Ich ließ mich melden und fragen, ob er für mich zu ſprechen ſei. Er und ich waren uns faſt ganz fremd, und ich mußte mich daher auf eine peinliche und möglicher Weiſe für mich ſehr demü⸗ thigende Unterredung gefaßt machen. Indeß das half Nichts. Ich wollte verſuchen meinen Fehler
gut zu machen, ehe der Sonntag hindernd dazwi⸗
ſchen trat.
„Der Portier kam mit der Botſchaft zurück, der Herr möge ſich nur hinein bemühen. Wie ich be⸗ gann, wie ich überhaupt meine ganze Rede formirte,
wie ich mich entſchuldigte, weiß ich kaum zu ſagen,
denn ich war zu verwirrt, zu verlegen, zu ſchuld⸗ bewußt. Ich entſinne mich nur deutlich, daß ich mich ſchämte, des fremden Mannes Erwähnung zu thun, und deshalb ich für meine Handlungsweiſe ein nachtheiliges Gerücht vorgab, das mir zu Ohren ge⸗ kommen ſei, und dem ich im Moment Gehör gege⸗ ben hätte, was ich jetzt lebhaft bereute, weil doch gewiß nur ein muthwilliger oder böswilliger Burſche es erfunden haben könne. Zu meinem größten Er⸗ ſtaunen ſchien der Chef die Unzulänglichkeit meiner Entſchuldigungen gar nicht zu bemerken, und ver⸗ größerte auch meine Verwirrung nicht durch irgend welche Fragen. Ein müder, zerſtreuter Ausdruck, der mir gleich beim Eintreten aufgefallen war, la⸗ gerte auch jetzt noch auf ſeinen Zügen, und es ſchien ihm faſt eine Anſtrengung, ſich ſelbſt nur das An⸗ ſehen zu geben, als höre er mir zu. Und als ich endlich inmitten eines Satzes ſtecken blieb, ſagte er kurz aber höflich:
„Sorgen Sie ſich deshalb nicht, Herr Trow⸗ bridge; und bitte keine Entſchuldigungen mehr. Je⸗ der begeht einmal im Leben einen Fehler. Verlie⸗ ren Sie weiter kein Wort darüber, und bringen Sie uns Montag das Geld zurück, wenn Sie uns noch mit Ihrem Vertrauen beehren wollen.“
Darauf blickte er in ſeine Papiere, als ob er wünſche, wieder allein zu ſein. Mir blieb natürlich Nichts übrig, als mich zu empfehlen. Ich ging leichtern Herzens nach Hauſe, da der erſte Schritt, meinen Fehler gut zu machen, geſchehen war, und man mir geſtattet hatte, Montag früh mein Geld
wieder dort zu deponiren. Trotzdem verbrachte ich
einen unbehaglichen Sonntag, da ich Herrn Saunt⸗ leroy wegen meines Mißtrauens noch nicht um Ver⸗ gebung gebeten hatte. Mein Wunſch, dieſem groß⸗
müthigen Freunde Alles zu geſtehen, war ſo lebhaft, daß ich es wagte, am Sonntag Nachmittag in ſei⸗ ner Privatwohnung vorzuſprechen. Er war nicht zu Hauſe, und ſein Diener konnte mir nicht ſagen, wo er ſei. Ich mußte daher ruhig warten, bis ſeine täglichen Pflichten ihn am Montag in ſein Geſchäfts⸗ lokal führen würden.—
Montag ging ich eine halbe Stunde früher als gewöhnlich in's Geſchäft, um ſobald als möglich mein kleines Kapital der Firma Marsh, Strakey, Sauntleroy und Graham von Neuem zu übergeben. Als ich in mein Comtoir eintrat, blieb ich erſchreckt in der Thür ſtehen. Irgend etwas Wichtiges mußte paſſirt ſein. Die Commis ſtanden alle, anſtatt wie ſonſt an ihren Pulten zu ſchreiben, in der Mitte des Zimmers und ſprachen lebhaft mit einander, während ein allgemeines Erſtaunen auf ihren Ge⸗ ſichtern zu leſen war. Als ſie mich gewahr wurden, traten ſie Alle zurück, und nur mein Procurant kam auf mich zu, mit einem Circular in der Hand.
„Haben Sie es ſchon gehört?“ fragte er. 4
„Nein. Was iſt denn geſchehen?“
Er händigte mir das Circular ein. Mein Herz krampfte zuſammen, als meine Augen über daſſelbe flogen. Ich fühlte, daß ich erblaßte, und meine Kniee zitterten.
Marsh, Strakey, Sauntleroy und Graham hat⸗ ten ihre Zahlungen eingeſtellt.
„Das Circular iſt erſt vor einer halben Stunde ausgegeben worden,“ ſagte mein Procurant.„Ich komme eben von dort. Die Thüren ſind geſchloſſen, die Sache unterliegt keinem Zweifel. Marsh und Comp. haben dieſen Morgen ihre Zahlungen einge⸗ ſtellt.“
Ich hörte kaum. Ich wußte kaum, wer mit mir ſprach. Dem Fremden, der mich am Sonnabend beſucht hatte, waren meine Gedanken zugewandt, und mir klang die Warnung, die er mehrmals wie⸗ derholt hatte, von Neuem in den Ohren. Dieſem Manne war der Zuſtand der Firma bekannt gewe⸗ ſen, während Niemand ſonſt außerhalb des Geſchäfts eine Ahnung von demſelben gehabt hatte. Der letzte Wechſel, den jene gefallene Firma am Sonnabend Abend ausgezahlt hatte, ehe das Comtoir geſchloſſen wurde, war der meinige geweſen. Ich war der Einzige von den Hunderten, die mit jenem Hauſe in Verbindung ſtanden, der ſein Vermögen gerettet hatte. Woher ward dem Frenden die Nachricht, die mich rettete, und weshalb brachte er ſie grade mir?
Noch tappte ich gleichſam wie im Dunkelnn einer Antwort auf dieſe Fragen— noch war ich vollkommen verwirrt durch das undurchdringliche Ge⸗ heimniß, als dem erſten Schreck ein zweiter folgte, der mir perſönlich noch viel tiefer in's Herz ſchnitt. Während meine Commis um mich herum noch über den Bankerott ſprachen, kamen zwei Kaufleute, mit denen ich ſehr befreundet war, in mein Comtoir ge⸗ ſtürzt mit der Nachricht, daß einer der Chefs, Herr Sauntleroy, wegen Fälſchung arretirt ſei. Nie in meinem Leben werde ich jenen unheilvollen Montag
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Morgen vergeſſen! Ich blieb ihm treu, und darf es laut bekennen,
daß mein Glaube an den großmüthigen Freund
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nicht erſchüttert wurde, als jene entſetzliche Kunde
mich erreichte. Meine Geſchäftsfreunde kannten be⸗ ⸗.—.*


