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kommen und wenn's tiefe Mitternacht wäre. Nach zwei Stunden wirſt du den Höhlenberg erreicht haben. Dieſen laß rechts liegen und tritt in die Lichtung, da wo einſam die alte mächtige Buche ſteht. Dann wende dein Antlitz gegen Morgen und laß das Pfeifchen, das ich dir gegeben, dreimal er⸗
und ſchütze dich, wie eine Mutter ihr Kind.“
Die Sprache der Frau war ernſt und eindring⸗ lich, und es kam der Agnes ſo vor, als ob den Worten eine große Theilnahme zu Grunde liege. Auch konnte man leicht erſehen, daß die Egyptierin von der dröhenden Gefahr, deren Nähe ſie verkün⸗ dete, mehr wußte, als ſie zu offenbaren für gut fand. Die Förſterstochter hätte daher gerne hierüber eine weitere Frage geſtellt, aber eben, wie ſie dies thun wollte, war die Zigeunermutter hinter dem Felſen verſchwunden, und bereits konnte man ihre hohe Geſtalt im nahen Waldesabhange verſchwinden ſehen. So blieb dem Mädchen nichts übrig, als ihre Reiſe
fortzuſetzen, und in der That beſorgte ſie nun auch ihren Auftrag, ohne daß ihr etwas weiteres Merk⸗
würdiges an dieſem Tage begegnet wäre.
Während nun ſolches der Agnes auf ihrem Wege nach Reutlingen begegnete, ſchritt der junge Jäger⸗ burſche mit dem krauſen Lockenhaar auf einſamen Waldpfaden dahin, welche ihn an ihrem Schluſſe in's Lauchartthal und nach Gammertingen bringen ſoll⸗ ten. Es gehörte eine genaue Ortskenntniß dazu, um ſich auf dieſen nur von Jägern und Wilderern betretenen Wegen, die ſich alle Augenblicke durch— kreuzten, zurechtzufinden, aber der junge Mann ging rüſtig vorwärts, ohne daß er nöthig gehabt hätte, auch nur einmal ſtille zu ſtehen und ſich zu beſinnen, welche Richtung er einſchlagen ſolle; im Gegentheile er ſchien ſeiner Sache ſo ſicher, als ob er auf der
gebahnteſten Landſtraße wandelte! Nachdem er nun
etwa eine Stunde weit gegangen war, ohne daß ihm auch nur das Geringſte, einige ſcheue Stücke Wild ausgenommen, begegnet wäre, ſchlug er ſich rechts aus dem Walde heraus und trat auf die große Haide, welche ſich zwiſchen den Dörfern Erpfingen, Meidelſtetten und Engſtingen ausdehnt. Dieſe Haide hat die Eigenthümlichkeit, daß ſie nur ſtellenweiſe ganz kahl iſt, denn alle hundert Schritte trifft man mächtige Buchen von außerordentlichen Dimenſionen, gleichſam die Könige der Einſamkeit, während alles kleinere Unterholz durchaus fehlt; ſonſt aber bietet die ganze Fläche dem Auge nichts dar, als eine düſtere, dürftige Fläche, deren Untergrund ſo felſigt iſt, daß von einer Vegetation keine Rede ſein kann. So fehlt hier alles und jedes Leben, und ſelten wandelt ein Menſch über die Einöde, ohne ſeine Schritte zu beeilen; ja ſogar das Wild flieht in wilder Scheu darüber hin. In neueſter Zeit aller— dings hat man eine gute fahrbare Straße über ſie hingeführt, in der Richtung von Großengſtingen nach Trochtelfingen und Gammertingen; in der Zeit aber, in der unſere Geſchichte ſpielt, wußte man auch hie⸗ von noch nichts, und kaum gab es regelmäßige, eine genaue Richtung verfolgende Fußpfade. Dagegen ſah man eine Menge Spuren von Menſchentritten und Pferdehufen, die ſich kreuz und quer begegneten, zum Beweiſe, daß Jeder, den ſein Schickſal über dieſe Einöde führte, nach Belieben der Richtung
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nachging, welche ihn am kürzeſten und bequemſten zum Ziele zu führen ſchien. In der Mitte der Haide, beinahe gleichweit von den umliegenden Haupt⸗ orten entfernt, ſtand damals eine kleine Kapelle, gewöhnlich nur die„Haidekapelle“ genannt, welche
in alten Zeiten von einem Grafen von Werdenberg tönen; und fünf Minuten nachher bin ich bei dir
zum Danke für ſeine Errettung und große Gefahr, die ihm hier drohte, geſtiftet worden war, und da⸗ her ſein Wappen und Familienzeichen trug. Das Kirchlein ſteht noch, und es führt ſogar die oben— genannte Fahrſtraße an demſelben vorbei; allein die Reiſenden beachten es wenig mehr, ſo daß es dem Verfall nahe iſt. Vor zweihundert Jahren jedoch gab es nur wenige„Wanderer über die Haide“, welche es verabſäumt hätten, in der Kapelle einzu⸗ ſprechen und dem daſelbſt aufgeſtellten Muttergottes⸗ bilde ihre Verehrung darzubringen, oder doch auf der Schwelle niederzuknieen und den Allmächtigen um ſeinen Schutz bei dem gefährlichen Wege über die verrufene Einöde anzuflehen.
Auch der junge Jägerburſche that regelmäßig ſo, wenn er über die Haide ging, und nicht einmal dies⸗ mal, ſo eilig er auch hatte, mogte er ſeiner Regel untreu werden. Er konnte ja nachher das Ver⸗ ſäumte durch verdoppelte Schnelligkeit einbringen! So wandte er ſich denn dem Kirchlein zu, und ſank, nachdem er es betreten, auf ſeine Knie nieder, bald die ganze Außenwelt in ſeinem heißen Gebete ver⸗ geſſend. Nach Verlauf einer Viertelſtunde erhob er ſich geſtärkt, und war im Begriffe die Kapelle zu
verlaſſen, da vernahm er deutlich den Hufſchlag eines
Roſſes, der auf dem harten Haideboden wiederhallte,
während es ihm zugleich ſo vorkam, als ob ſich von
der entgegengeſetzten Seite her ein Fußgänger nahe, obgleich deſſen Tritte faſt unhörbar waren. Er horchte aufmerkſam, und bald überzeugte er ſich von der Wahrheit ſeiner Muthmaßung; ſowohl der Reiter als der Fußgänger kamen raſch auf die Kapelle zu, und mußten in wenigen Minuten daſelbſt eintreffen. Wäre er nun, wie ſonſt, mit ſeiner Büchſe und ſei— nem Hirſchfänger bewaffnet geweſen, ſo hätte ihn dieſes Begebniß ſicherlich nicht abhalten können, frank und frei aus der Kapelle herauszutreten und ſeinen Weg fortzuſetzen; allein unter gegebenen Umſtänden mußte er vorſichtiger zu Werke gehen und ſich jedenfalls, ehe er ſich zeigte, vorher überzeugen, wer die beiden Ankömmlinge ſeien, da, wie ſchon früher von uns angedeutet wurde, die dichten Wälder rings um manchem gefährlichen Geſellen zum Zufluchtsorte dienten, und beſonders in der letzten Zeit ein mehr als verdächtiges Geſindel auf den an das Württem⸗ bergiſche ſtoßenden Herrſchaftsgebieten bemerkt wor⸗ den war. Der junge Mann begab ſich daher in den Hintergrund der Kapelle, und verbarg ſich hin⸗ ter dem kleinen Altare, der vor dem Muttergottes⸗ bilde ſtand. Kaum hatte er dies gethan, ſo ſprengte auch ſchon der Reiter vor die Kapelle und warf ſich vom Pferde, während zu gleicher Zeit der Fußgän⸗ ger ſich vor der Thür der Kapelle aufpflanzte. „Du biſt pünktlich, Burſche,“ ſagte der Reiters⸗ mann mit einer widerwärtig klingenden, heiſeren Stimme, die man nicht ſo leicht wieder vergaß, wenn man ſie einmal gehört hatte. „Wie immer,“ erwiederte der Andere in rauhem aber unterwürfigem Tone, und mit einem etwas


