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Damals war eine Feuersbrunſt weit gefährlicher, als jetzt, denn mit den Löſchmitteln ſtand es in jenen Zeiten äußerſt armſelig, und für gewöhnlich mußte man ſich darauf beſchränken, nur allein dem Weiter⸗ greifen des Feuers Einhalt zu thun, indem man die zunächſtſtehenden Häuſer tüchtig mit Waſſer be⸗ ſprengte; die bereits in Brand gerathenen Gebäude aber entweder einriß oder einfach ihrem Schickſale preisgab. Ein wüthender Galopp von einigen Augen⸗ blicken brachte das kühne Mädchen auf den Brand⸗ platz, wo Agnes ſich auch ſogleich überzeugte, daß das brennende Haus unrettbar verloren ſei. Zum Glück ſtand daſſelbe faſt ganz iſolirt, und da kein Lüftchen ſich regte, ſo war für das übrige Dorf lediglich keine Gefahr vorhanden. Auf dem Brand⸗ platze hatten ſich etliche und fünfzig Menſchen— Männer, Weiber und Kinder— verſammelt und ſtanden da wie auf Einen Knäuel zuſammengedrängt, allein ſie dachten offenbar gar nicht daran, löſchen zu wollen, ſondern hatten ein ganz anderes Ziel vor Augen. In ihrer Mitte hielten ſie nämlich ein Weib wie in eine Schraube eingepreßt, und waren eben daran, derſelben unter brüllendem, tobendem Geſchrei die Arme auf den Rücken zuſammenzuſchnüren. Es war dies eine hohe Frau von merkwürdigem Aus— ſehen, denn nicht nur ragte ſie um wohl einen gan⸗ zen Schuh über alle Umſtehenden empor, ſondern ihre braune Geſichtsfarbe, ihre kohlſchwarzen bren⸗ nenden Augen und ihre fremdartige Kleidung— ſie trug einen weiten rothen Mantel, der unter der
Bruſt durch einen Gürtel zuſammengehalten war,
und um den Kopf hatte ſie ein breites gelbes Tuch kurbanartig herumgeſchlungen, ſo daß ihre grauen Haare faſt ganz davon bedeckt wurden— verriethen auf den erſten Augenblick, daß ſie einem ganz ande⸗ ren Menſchengeſchlechte angehören müſſe, als dem in dieſem Lande gebornen. Wie alt dieſe Frau war, konnte Niemand genau ſchätzen, aber offenbar war ſie eine hohe Greiſin, und dennoch ſtand ſie mitten in dieſem furchtbaren Toben feſt und aufrecht, faſt mannhaft, ihre Bedränger mit einem verächtlichen Blicke meſſend.
„Die Zigeunermutter,“ rief Agnes unwillkührlich, denn ſie erkannte die Frau im Augenblicke. War ſie derſelben doch ſchon mehr als einmal begegnet und hatte ſich ſogar von ihr weiſſagen laſſen müſſen! Wußte ſie doch dieſe Weiſſagung— ſie verkündete eine nahe, große Gefahr, aber wenn dieſe überwun⸗ den wurde, ein darauf folgendes großes und an⸗ dauerndes Glück— noch auswendig Wort für Wort!
Allein wenn Agnes des Weibes ſich erinnerte, ſo hatte dieſes augenſcheinlich ein eben ſo gutes Ge— dächtniß.
„Töchterchen, Töchterchen,“ ſchrie daſſelbe in einem fremdartigen Dialekte,„rette mich und es ſoll dein Schade nicht ſein.“
„Was hat dieſe Frau gethan,“ rief nun Agnes, indem ſie ihr Pferd mitten in den Kreis hinein⸗ drängte;„was hat ſie gethan und was wollt ihr mit ihr anfangen?“
Im Anfang antwortete man ihr nur mit einem wilden Geſchrei, aber bald gaben ihr, als man ſah, wen man vor ſich habe, die Zunächſtſtehenden nähere Auskunft.
„Sie hat das Haus des Stoffelsjörg angezündet,“
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ſchrien ſie,„und nun wollen wir ſie zur Strafe in ihrem eigenen Feuerchen braten.“
„Fort mit ihr!“ ſchrien Andere, an dem armen Weibe zerrend und es dem brennenden Hauſe immer näher zuſchiebend.„Werft ſie in die Gluth, die Hexe, die Teufelsmutter, ſie ſoll ſchmoren, wie eine Wildſau!“
Und abermals zerrten ſie an ihrem Schlachtopfer, um es dem Feuertode zu weihen.
„Halt, halt!“ rief Agnes ihr Pferd mit einem gewaltigen Drucke vorwärts ſprengend, ſo daß ſie nur noch einen Schritt von der Zigeunermutter ent⸗ fernt war. blitzenden Augen.„Wer gab euch Macht über Leben und Tod? Seid ihr die Obrigkeit und der Richter? Wißt ihr was eurer wartet, wenn ihr ſo gewaltthä⸗ tig dem Rechte des Herzogs vorgreift? Beim Him⸗ mel, Leute, ich möchte die Strafe, in die ihr ver⸗ fallet, nicht mit euch theilen; darum thut der Frau kein Leid, ſondern feſſelt ſie und führt ſie vor's Amt nach Pfullingen, dort angebend, was ihr gegen ſie anzugeben habt. Iſt ſie ſchuldig, ſo wird ſie dem Tode nicht entgehen, und noch heute kann der Her⸗ zog, der in wenigen Stunden dort eintreffen wird, das Urtheil vollziehen laſſen.“
Dieſe Worte machten offenbar einigen Eindruck, denn die Männer, welche das Weib feſthielten, ſahen ſich verdutzt an und zeigten ſich unſchlüſſig, was ſie thun ſollten. Schon ſchien es, als wollten ſie der Ermahnung Gehör geben, da faßte auf einmal eine derbe Fauſt nach dem Zügel von Agnes Pferd, und dieſe Fauſt gehörte einem wildausſehenden Geſellen an, der in der ganzen Gegend als Wilderer bekannt, und wegen ſeines gewaltthätigen und rachgierigen Charakters von Jedermann gefürchtet war.
„Wirſt du uns lehren wollen, was wir zu thun haben?“ ſchrie der Geſelle mit einem rohen Fluche. „Glaubſt du, weil du des Förſters Tochter biſt, müſſen wir tanzen, wie du uns vorpfeifſt? Mach', daß du weiter kommſt, rath' ich dir, ſonſt will ich
dir zeigen, was du bis jetzt noch nicht weißt. Faßt
an, ihr Männer, ſeid keine Feiglinge, die Hexe muß braten!“
So ſchrie er in grimmigem Tone, und während er mit der einen Hand in den Zügel des Roſſes griff, faßte er mit der andern nach der Zigeuner⸗ mutter. Aber ſein Zweck ſollte ihm doch vereitelt werden.
„Deine Hand zurück, du frecher Burſch,“ rief Agnes, das Piſtol aus ihrem Gürtel reißend.„Im Augenblicke deine Hand zurück, Melchior, oder du biſt ein Mann des Todes! Glaubſt du, ich kenne dich nicht, du roher Menſch? Oder vermeinſt du gar, die Tochter des Förſters vom Lichtenſtein fürchte dich, weil du zu Allem fähig biſt, ſogar zum Morde?“
„Und wir ſind auch noch da, Jungfer Agnes, und ließen uns lieber zerreißen, als daß wir der Jungfer ein Leid geſchehen ließen,“ erklärten jetzt einige der Männer, die bisher weiter zurückgeſtanden hatten, nun aber ſich offenbar zum Schutze der För⸗ ſterstochter gewaltſam vordrängten. 1.
In dieſem Augenblicke fühlte Agnes einen weichen Hauch an ihrem Ohre, und wie ſie ſich umwandte, war es ein kleines Mädchen, das Einer der Männer emporhielt, damit es ihr etwas zuflüſtern könne.
„Halt, ſage ich,“ wiederholte ſie mit
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