Jahrgang 
1860
Seite
170
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nämlich jene unbefangene Fröhlichkeit, welche ſonſt einen Burſchen ſeines Alters auszeichnet, und es fällt uns nicht wenig auf, daß ſeine Stirne nicht ſelten umwölkt erſcheint, während um ſeine Lippen ein melancholiſcher Zug ſpielt, beſonders wenn er ſich unbeachtet glaubt.

Dieſe fünf Perſonen alſo ſitzen um den Tiſch und, ſprechen dem Frühſtücke, das eine ſtämmige Magd ſo eben aufgetragen hat, eifrigſt zu. Zu ihren Füßen liegen vier oder fünf Jagdhunde, die klugen Augen auf ihre Herren gerichtet, den Kopf zwiſchen den zwei Vorderfüßen. Plötzlich fängt einer derſelben zu knurren an, und in demſelben Augenblicke geben ein paar andere, die im Vorhofe angebunden ſind, ebenfalls Laut. Gleich darauf hört man den Huf⸗ ſchlag eines Roſſes, deſſen Reiter in raſchem Laufe über die Zugbrücke ſprengt.

Peter, ſieh' nach, wer es iſt, befahl der För⸗ ſter einem der beiden älteren Jägerburſchen.

Sogleich ſtand dieſer auf und eilte der Thür zu. Er hatte dieſe aber noch nicht erreicht, ſo wurde ſie ſchon aufgeriſſen, und ein Mann in herzoglicher Livree, dem der Schweiß über das Geſicht rann, er⸗ ſchien unter derſelben.

Guten Morgen, Herr von Anweil, rief der Lakai, der im Hauſe nicht unbekannt ſchien.Da bin ich ſchon am frühen Morgen und komme doch ſchier zu ſpät, denn meine Weiſung war, geſtern Mittag hier einzutreffen, was auch richtig geſchehen wäre, wenn das Unglück nicht meinem Pferde einen Nagel in den Fuß gejagt hätte.

Und was gibt's denn ſo Eiliges? fragte der Förſter verwundert.

Was es gibt? entgegnete der Lakai.Mor⸗ gen früh neun Uhr iſt der Herzog da, mit einem Gefolge von wenigſtens zwanzig Edelherren, und will eine große Jagd abhalten. Hier iſt das Schrei⸗ ben vom Oberjägermeiſter, und nun ſehen Sie zu, wie Sie mit den Vorbereitungen fertig werden. Nach meiner Anſicht aber iſt's gar nicht mehr mög⸗ lich, und natürlich wird das Donnerwetter über mich losgehen, weil ich um einen halben Tag zu ſpät an⸗ gekommen bin.

Der Förſter las das Schreiben mit großer Auf⸗ merkſamkeit und runzelte einige Male die Stirne. Dann ſprang er raſch auf.

»Agnes, ſagte er zu ſeiner Tochter gewandt. Der Herzog wird morgen Vormittag hier eintreffen, und das Frühſtück bei uns einnehmen. Dann iſt große Jagd, die bis in den tiefen Mittag hinein dauern wird, am Abend aber wird Seine Durch⸗ laucht mit dem ganzen Gefolge in der Ritterſtube oben ſpeiſen. Verſtanden mein Kind? Zwar aller⸗ dings den Wein, das Deſert und den Tafelſervice ſchickt man uns, von Stuttgart aus, zu, aber für die Speiſen müſſen wir ſorgen, und natürlich, die Köchin haſt du zu machen. Da heißt es alſo den Kopf nicht verlieren, und darnach wirſt du jetzt im Augenblicke nach Reutlingen reiten und einkaufen, was das Zeug hält. Unſer alter Bekannter, der Wirth zur Krone daſelbſt, wird dir gerne hülfreich zur Hand gehen, und durch ſeine Leute das Einge⸗ kaufte hier herauf transportiren laſſen; ja vielleicht läßt er ſich gar dazu bewegen, uns ſeine Köchin auf einen Tag zu lehnen, wodurch wir aller Sorge auf

einmal entledigt würden. Doch dies Alles überlaſſe ich dir und deinem beſten Ermeſſen, und bitte dich nur um Eines, nämlich um Eile, weil lediglich keine Zeit zu verlieren iſt.

Ich will die Agnes begleiten, rief jetzt der junge Jägerburſche mit dem Lockenhaar.

Das wirſt du nicht thun, Hans, erwiederte der alte Förſter kurzweg,ſondern die Agnes wird allein reiten.

Aber bedenkt doch, Vater Anweil, warf der junge Mann beſorgt ein,daß ſich ſeit acht Tagen ein ganz befremdliches Geſindel in den Wäldern hier oben herumtreibt. Erſt geſtern bin ich, wie ich Euch ja berichtet habe, an der Gränze des Zwiefalter Jagdgrundes einem dieſer Burſche begegnet, und ich geſtehe offen, daß ich noch nie ein ſchuftigeres Gau⸗ nergeſicht geſehen habe, als dieſes. Wäre der Kerl auf württembergiſchem Grund und Boden geſtanden,

ich hätte ihn ohne Weiteres feſtgepackt.

Und doch wird Agnes allein reiten, erwiederte der Förſter in einem Tone, der keinen Widerſpruch mehr duldete.

Während dieſes kurzen Zwiegeſprächs war Agnes in eines der Nebenzimmer gegangen, und trat eben jetzt wieder heraus. Sie hatte aber die paar Se⸗ kunden dazu benützt, ihre Hauskleidung ein wenig umzuwandeln, und trug jetzt einen Reithut mit Fe⸗ dern, nebſt langen ledernen Handſchuhen. Auch ſtaken ein paar Piſtolen in ihrem Gürtel, und ein Hirſch⸗ fänger hing von ihrer Seite, während ihre Hand eine leichte Reitpeitſche hielt.

Haſt du vergeſſen, mein Freund, lächelte ſie, auf den jungen Mann zutretend und ihm freundlich in die Augen ſchauend,haſt du vergeſſen, daß Agnes ihres Vaters Tochter iſt und ſich vor ein paar Buſchkleppern nicht fürchtet?

Und daß ſie faſt ſo gut ſchießt, als du ſelbſt, Hans, ergänzte Vater Anweil.Dieſe Sache wäre alſo abgemacht, fuhr er nach einer kurzen Pauſe mit einem wohlgefälligen Blicke auf ſeine Tochter fort.Leb' wohl, Agnes; beſorge deine Aufgabe gut, und bis um vier Uhr heute Mittag kannſt du wieder zurückſein.

Agnes gab dem Vater und dem Hans die Hand, und eilte zur Thür hinaus. Gleich darauf hörte man den Galopp ihres Pferdes, wie es ſich eilig vom Lichtenſtein entfernte..

Peter und Martin, ſprach nun der alte Förſter weiter, indem er ſich an die beiden älteren Jäger⸗ burſche wandte,was ihr zu thun habt, das könnt ihr euch denken. Bis morgen Abend, wenn die große Jagd vorbei iſt, wird's zwar des erlegten Wildes in Menge geben, aber der Herzog und ſeine Cavaliere können nicht warten bis morgen Abend, und der Vorrath, den wir im Hauſe haben, iſt zwar für uns groß genug, nicht aber für die große Ge⸗ ſellſchaft, die morgen hier eintrifft. Ihr werdet alſo in den obern Forſt eilen und ſo viel Wildpret ein⸗ liefern, daß es für den Appetit von Fünfzigen zu⸗ reicht. Beſonders vergeßt mir nicht ein paar Bachen zu ſchießen, von deren Fleiſch der Herzog ein beſon⸗ derer Liebhaber iſt, und wenn ihr ein Dutzend Holz⸗

tauben dazu bekommt, aber junge diesjährige, ſo

könnt's in alleweg nichts ſchaden.. Die beiden Jägerburſche erwiederten kein Wort,