Jahrgang 
1860
Seite
169
Einzelbild herunterladen

169

unter dem ſpitzen Dache verſchiedene Kammern und Bühnen, das war Alles! Aber freilich die Haupt⸗ ſchönheit des Schloſſes lag nicht in ſeinen Räum⸗ lichkeiten, ſondern in der Ausſicht, die man von die ſen Räumlichkeiten aus genoß! Sah man doch von den vorderen Zimmern, beſonders von der Ritter⸗

ſtube aus, tief, tief in's Unterland hinab, bis auf

den Hohenasberg, ja, bei beſonders günſtiger Witte⸗ rung bis auf den Wartberg bei Heilbronn, oder gar auf den Katzenbuckel im Odenwalde! Oeffnete ſich doch unmittelbar vor dem trunkenen Blicke ein wun⸗ derbar herrliches Thal mit lachenden Wieſen, mit freundlichen Dörfern, mit ſpringenden Heerden und mit rauſchenden ewig klaren Waſſern! Hatte man doch vor ſich gerade gegenüber auf der entgegen⸗

geſetzten Thalwand die furchtbaren Felſenmaſſen des

munterſ Mauel lerräun

l

Röthelſteins, des Burgſteins, des Rauchbolls und des Greiffenſteins, der einſtens auch eine ſtolze Feſte getragen, und damals noch die Ruinen davon zeigte! Freilich unmittelbar an der Schloßmauer hinab durfte man nicht ſehen, wenn man zum Schwindel geneigt war, denn da gähnte ein fürchterlicher Abgrund, indem der Felſen, welcher den Unterbau bildet, wohl gegen dreihundert Fuß tief ſchroff und glatt abfällt, wie eine aus einem einzigen Steine geformte Mauer!

Treten wir in's Innere des Schloſſes, in die »weite und helle Stube mit dem gegoſſenen Boden, welche ſich im erſten Stock befindet. Das Ameuble⸗ ment iſt einfach: ein mächtiger Kachelofen, ein großer eichener Tiſch mit ſechs oder acht eichenen Stühlen, ein hoher Seſſel mit gepolſterter Lehne am oberen Fenſter, und am unteren ein feiner Rohrſtuhl mit einem Arbeitstiſchchen davor, im Hintergrunde einige immenſe Käſten, ebenfalls aus Eichenholz und mit vielem Schnitzwerk verziert, an den Wänden ein paar rauchige Portraits, und dazwiſchen Dutzende von kleineren oder größeren Rehgeweihen, dazu fünf oder ſechs Gewehre von der einfachen Schrotflinte bis zu der ſchweren Kugelbüchſe, und endlich ein Reiterſäbel nebſt zwei Hirſchfängern. Vom Ameuble⸗ ment gehen wir zu den Bewohnern über, und wir treffen es gerade glücklich, denn ſie ſind eben alle in der Wohnſtube verſammelt, und ſitzen um den großen eichenen Tiſch, der in der Mitte ſteht, herum. Es iſt nämlich ſechs Uhr Morgens und alſo(der Leſer erinnert ſich, daß wir vom Jahre 1660 ſpre⸗ chen) Frühſtückszeit. Den Vorſitz am Tiſche führt ein älterer Herr, deſſen Haupthaar zu bleichen an fängt, obgleich er ſonſt noch rüſtig genug ausſteht. Er iſt mager, aber ſehnig gebaut, und ſein wetter⸗ gebräuntes Geſicht zeigt, daß er der Strapatzen ſchon viele mitgemacht hat. Das ſcharfe Auge blickt ſicher, aber um den Mund, der von einem mächtigen Schnurr⸗ bart beſchattet iſt, ſpielt ein gutmüthiges Lächeln, das dem ganzen Geſichte einen überaus freundlichen Ausdruck verleiht. Rechts von ihm auf der Seite ſitzt ein Mädchen, deſſen roſige Wangen wohl kaum mehr als zwanzig Sonnen geſehen haben, und deſſen ganzes Weſen von Geſundheit, Friſche und Muth ſlrahlt. Es iſt ein merkwürdiger Gegenſatz zwiſchen ihnen Beiden! Sie eine blühende Jungfrau in der Fülle ihrer Jugend und Schönheit, er, ein zwar

noch kräftiger und mannhafter, aber doch ſchon dem

Alter verfallener und mit dieſem kämpfender Mann! Feierſtunden. 1860.

4

Und doch trotz dieſes Gegenſatzes, welche Aehn⸗ lichkeit! Welche Uebereinſtimmung im Blick, in den Zügen, im ganzen Weſen, und dazu welche Zärtlich⸗ keit! Man ſieht gleich, daß man Vater und Tochter vor ſich hat.

Und ſo iſt es auch; der alte Herr iſt der Förſter von Anweil, der ſchon ſeit mehr als zwanzig Jahren hier oben das Regiment führt, nachdem er früher, in ſeinen jüngeren Jahren, in unmittelbaren Dien⸗ ſten des Herzogs Eberhard, des Dritten, des dama⸗ ligen Regenten von Württemberg, geſtanden war, und die blühende Roſe neben ihm iſt ſeine Tochter Agnes, der einzige Sprößling einer glücklichen Ehe, die nur zu bald durch einen frühzeitigen Tod der Gattin gelöst worden war. Agnes führte dem Va⸗ ter die Haushaltung ſchon von früher Jugend an; denn der Förſter war Wittwer geblieben, um ſeinem einzigen Kinde keine Stiefmutter zu geben. So be⸗ kam das Mädchen bald eine gewiſſe Selbſtſtändigkeit, die ſich ihrer eigenen Kraft bewußt war, und nicht wenig trug hiezu die Erziehung bei, welche ihr auf dieſer Einöde hier oben zu Theil geworden war. Von einem regelmäßigen Schulbeſuche im nächſten Dorfe konnte nämlich natürlich nicht die Rede ſein; eben ſo wenig von einem eigenen Hofmeiſter. Das erſtere verbot im Winter der Schnee, welcher auf dieſer luftigen Höhe alle Wege auf viele Monate verdeckt, und das letztere ging nicht, weil dem För⸗ ſter die Mittel fehlten, einen eigenen Lehrer zu hal⸗ ten. So übernahm denn den größten Theil der Erziehung ſeines Kindes der Vater ſelbſt, und natür⸗ lich konnte es nicht ausbleiben, daß dieſelbe etwas männlich ausfiel. Sie lernte ſchießen und reiten, faſt ehe ſie leſen und ſchreiben konnte, und im Stil⸗ len bedauerte es der alte Förſter oft, daß ſie kein Knabe geworden ſei. Uebrigens blieb ſie in den Schulwiſſenſchaften doch auch nicht zurück, und ſogar in den ſpeziell weiblichen Kenntniſſen rückte ſie mit den Jahren ordentlich vorwärts; denn im Sommer war der Weg nach Honau hinunter für ein ſo kräf⸗ tiges Mädchen wie Agnes ein bloßer Spaziergang, und der Pfarrherr und die Pfarrherrin von Honau nahmen ſich des lernbegierigen Kindes auf's bereit⸗ willigſte an. Auf dieſe Art wuchs Agnes auf.

Doch wir kehren zu dem eichenen Tiſche in der großen hellen Stube im Schloß Lichtenſtein zurück. Der alte Herr von Anweil und ſeine Tochter ſind nicht die Einzigen, welche daran ſitzen, ſondern wir ſehen noch drei weitere Perſonen, die ihrer Tracht nach ſie ſind gleichmäßig in grüne kurze Ober⸗ röcke, hirſchlederne Hoſen und hohe Stiefeln, die faſt bis an die Knie reichen, gekleidet ſämmtlich Jägerburſche ſind. Aber trotz der Aehnlichkeit der Kleidung ſcheint ihre Stellung im Hauſe doch eine verſchiedene zu ſein, denn Zwei von ihnen, die Ael⸗ teren, ſitzen unten an der Tafel und gehören offen⸗ bar zum Dienerſtaat, der Dritte aber hat ſeinen Platz links vom Hausherrn, der Agnes gegenüber, und ſcheint eher wie ein Sohn, denn wie ein Jäger⸗ burſche behandelt zu werden. Es iſt dies ein ſchmucker Kamerad von etwa fünfundzwanzig Jahren mit krau⸗ ſen Löckchen und einer faſt untadelhaften Geſtalt, zudem mit einem friſchen Geſichte, aus welchem ein paar kühne entſchloſſene Augen hervorblicken. Allein trotzdem vermiſſen wir Etwas an dem jungen Manne,

22