Jahrgang 
1860
Seite
167
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Honau, in ſchwindelnder Höhe, denn die Thalſohle liegt mehr als achthundert Fuß tiefer, findet man auf der vorderſten Bergkante Reſte unförmlichen Mauerwerks, die letzten Ueberbleibſel einesSon⸗ nentempels der alten Celten, deren Prieſter dem vewigen Lichte hier ihre Opfer darbrachten. Auf dieſem demLichtgotte geweihten Tempel, den die Römer zerſtörten, erbauten die Letzteren eine Warte, und dieſe Warte ging wieder in jenen ſtürmiſchen Zeiten zu Grunde, da die Völker Germaniens und der halben Welt den Wanderſtab ergriffen hatten, um ſich in entlegenen Ländern einen feſten Wohnſitz zu gründen. Jahrhunderte gingen nun vorüber, ohne daß die Geſchichte etwas von dem Felſen zu erzählen weiß, auf dem einſt der Sonnengottstempel und nachher die römiſche Warte ſtand; im zwölften Jahrhundert aber finden wir hier oben eine deutſche Ritterburg, gerade auf den Grundmauern desLicht⸗ tempels, und ihre Beſitzer nannten ſich die Herren von Lichtenſtein. Es waren tapfere Ritter, dieſe Herren, und in mancher Fehde werden ſie genannt. Auch ſtanden ſie treu zum Hauſe Württemberg, das ſich damals ſchon mehr und mehr ausbreitete; aber in den Kriegen zwiſchen den Grafen von Württem⸗ berg und den Reichsſtädten mußten ſie ſchwer für dieſe ihre Treue büßen, denn im Jahre 1388 wurde von den Reutlingern ihre Burg erobert, und faſt dem Erdboden gleich gemacht. Doch nur eine kurze Zeit währte die Bedrängniß, denn nach der Beſie⸗ gung der Reichsſtädte(durch den mannhaften Gra⸗ fen Eberhard, den Greiner) erhoben auch die von Lichtenſtein ihr Haupt ſtolzer, als zuvor, und er⸗ ſchufen ſich einen neuen Ritterſitz, noch feſter und unangreifbarer, als der erſtere geweſen war.

Allein nicht auf der Stelle der alten Burg, nicht da, wo ehemals der Sonnentempel geſtanden, wurde dieſe neue Burg erbaut, ſondern etwa zehn Minuten davon entfernt, auf einer mächtigen Felſenkante, welche ſich in uralten Zeiten, wahrſcheinlich ſchon bei der Werdung der jetzigen Erdgeſtalt, von dem Ab⸗ grunde oder vielmehrvom Feſtlande losgeriſſen hatte, und von dieſem durch einen tieferen Graben geſchieden war, gleichſam eine unangreifbare, wenn auch kleine Felſeninſel bildend. Vom Jahre 1440 ar ſtand hier das FelſenſchloßLichtenſtein, mit 1 Feſtlande nur durch eine Zugbrücke, welche über tiefen Graben hinüberführte, verbunden, ſo daß

Burg bei aufgezogener Brücke ganz unerreichbar

r. Nicht lange hernach ſtarb das Geſchlecht derer

Lichtenſtein gänzlich aus, und die Württemberger

erren zogen nun das Lehen an ſich, indem ſie nen ihrer Getreuen als Burgvogt hinaufſetzten. ein ſolcher war der edle Stephan von Thalheim, eer dem flüchtigen Herzog Ulrich im Jahre 1519

ſegen ſeine Feinde heimlichen Schutz gewährte, und es beſuchte daher dieſer tapfere Herzog, nach ſeiner

Wiedereinſetzung in ſeine Erblande, die alte Burg

dort oben nicht ſelten, und immer mit wehmüthig⸗

freudiger Erinnerung. Auch ſein Sohn, der Herzog Chriſtoph, ſprach mehrmals auf Lichtenſtein ein, aber immer nur, wenn er den Luſtbarkeiten der Jagd in den großen Waldrevieren hinter dem Schloſſe oblag. Daſſelbe thaten ſeine Nachfolger; ſie kamen hinauf auf den Lichtenſteindes Jagens halber, und darum findet man auch von jener Zeit an keinen Burgvogt

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mehr auf Lichtenſtein, ſondern nur einenreiſigen Forſtknecht, der dem Oberförſter von Urach zuge⸗ theilt wurde. So blieb es bis vor ſechzig Jahren hin, und die alte Burg, deren Zerfall man mit Holz⸗ flickwerk verhinderte, diente zwei Jahrhunderte lang zu nichts Anderem, als zum Wohnhauſe des ‚reiſi gen Förſters von Lichtenſtein. Im Jahre 1802 aber war das Gebäude faſt wurmſtichig und über⸗ lebt geworden, und ſo ließ es denn der nachmalige König Friedrich abbrechen, und auf der unzerſtör⸗ baren alten Grundmauer ein neues Haus erbauen, dieFörſterwohnung, welche auf dem jähen Felſen ſaß, wie eine Fiſcherhütte auf der höchſten Felſen⸗ klippe am Meeresſtrande.

Das Schloß zerfiel, es ward daraus Ein leichtgezimmert Förſterhaus; Doch ſchonet ſein der Winde Stoß, Meint, es ſei noch das alte Schloß.

Allein das neue Gebäude hatte keine lange Dauer. Im Jahre 1837 kaufte Graf Wilhelm von Württem⸗ berg, der ritterliche Sohn des Ohms des jetzigen Königs, das Jägerhaus ſammt allem Grund und Boden rings herum, um diealte Feſte in all' ihrer Herrlichkeit einer deutſchen Ritterburg wieder herzu⸗ ſtellen. Für den Förſter wurde ein neues Jäger⸗ haus eine Viertelſtunde weiter abwärts gebaut, das alte aber brach man ab bis auf ſeine Grundmauern, dieunzerſtörbaren, die mit den Felſen darunter nur Einen Guß bildeten. Das Vorwerk, worauf einſtens die Zugbrücke ruhte, blieb ſtehen, die Fel⸗ ſenkaſematten und die Hirſchſtube, die in alter Zeit zurAetzung des Wildes gedient, blieben unver⸗ ändert, die uralte in Sandſtein gehauene Ciſterne, der Brunnen der Veſte, wurde beibehalten, doch über dieſem mächtigen Gemäuer, daſſelbe zur Grund⸗ lage nehmend, erhob ſich, ein Werk weniger Jahre, ſo zu ſagen wie mit einem Zauberſchlage, die neue Burg, die Ritterburg des Grafen Wilhelm, die Ri⸗ valin derHohenſchwangau, dieEbenbürtige vom Hohenzollern.

Die Burg war fertig im Jahre 1841. Den Riß hatte, den Angaben des Grafen Wilhelm zufolge, der berühmte Baumeiſter Heideloff von Nürnberg gefertigt, und die Ausführung leitete der Bauinſpek⸗ tor Rupp von Reutlingen. So wie das Schloß jetzt ſteht, begreift es in ſich auf dem weiten rechten Flügel drei, und auf dem hintern linken Flügel(mit dem Dachwerk) vier Stockwerke; der ſtolze Wart⸗ thurm aber, die Zierde des Ganzen, hat fünf Stock⸗ werke und iſt, vom Burgfelſen an gerechnet bis auf den Thurmkranz, hundertundvierzig Fuß hoch. Das Ganze enthält ein Felſengewölbe(die Hirſchſtube), drei Felſenkaſematten, eine gothiſche Kapelle, eine Halle, zwei große Stuben, einen Hauptſaal und ſechzehn Zimmer von verſchiedenen Dimenſionen. Aber nicht dies, nicht das Innere der Burg, ſo reich es auch ausgeſtattet iſt, und ſo ſehr es von der Genialität des Beſitzers und Erbauers zeugt, nicht dies iſt es, was den Beſchauer vor Allem mit Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt, ſondern der Anblick der Burg iſt es, ihr zauberiſches Wachs⸗ thum in die Lüfte, ihr kühnes, faſt ſchwindelndes

Emporragen vom einſamen jähen Felſen bis in die Wolken hinein, denn: