Jahrgang 
1860
Seite
165
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das rothe Mieder waren mit Silberſchnüren und Perlen beſetzt, und auf die Bruſt fielen blinkende, an rothe Schnüre gereihte Münzen; lange goldglän zende Nadeln hielten die ſchwarzen, künſtlich geneſtel ten Haarflechten, und die niedlichen Füßchen der zar⸗ ten Geſtalt ſtacken in rothen, ſpitzigen Stiefeletten. Zwei Dinge waren es, die ſich der junge Mann nicht erklären konnte: für's Erſte, wie dieſe reinen Züge, dieſe Perlenſchnüre von Zähnen in einer ſol chen Atmoſphäre gedeihen konnten, und ſodann, warum nur eine der jungen Bewohnerinnen der Hütte ſo ſorgfältig gekleidet war. liche Bildung der Zigeunermädchen, welche an ihre Abſtammung von den Ufern des Ganges erin⸗ nert, iſt zum öftern geſchildert worden. Von der nächſten Cſarda wurden Brod und Wein herbeige⸗ ſchafft, und Arthur verließ die Zigeunerhütte erſt ſpät, als ſich ſchon der Mond über den wieder reinen Horizont erhoben hatte.

Deer junge Gutsbeſitzer beſuchte von dieſer Zeit an ſeine Pußta häufiger als jemals, und war noch öfter der Gaſt der Zigeuner. Er hatte zu tief in die trügeriſche Nacht dieſer dunkeln Augen geſchaut, als daß er ungeſtraft bleiben ſollte. Eine mächtigere Gemüthsbewegung hatte ſeinen Stolz zum Schwei gen gebracht, und man ſah ſogar zuweilen die Zi geuner zu Beſuche in Arthurs Pußta kommen. Sie verſtanden ihren Vortheil zu gut, als daß ſie nicht der Neigung des reichen und völlig unabhängigen Mannes Vorſchub geleiſtet hätten, und als Arthur erklärte, Giſela heirathen zu wollen, erklärte man ihm, daß ſie zwar, wie ſchon ihre Kleidung zeige, verlobt, und die Braut Shandor Uſtwans eines Ver⸗ wandten ſei, der ſich als Muſiker auf Reiſen befinde, und ſich nur zeitweiſe in der Familie aufhalte, aber ſeiner Anſprüche auf Giſela jedenfalls gegen eine Summe Geldes entſagen werde.

Um dieſe Mittheilung nicht zur weitſchweifigen Novelle zu machen, übergehen wir eine Reihe an ſich nicht unintereſſanter Zwiſchenfälle. Nach den uner⸗ läßlichen, für Arthur nichts weniger als angenehmen Förmlichkeiten, und der für ihn nicht weniger peinlich gewordenen Hochzeitsfeier, die ja nicht, wie es Sitte, im Hauſe der Braut ſtattfinden konnte, unternahm das junge Ehepaar eine Vergnügungsreiſe.

Shandor war ſeit einigen Jahren unter dem Namen Alexander Unger mit einer muſicirenden Zigeunerbande umhergezogen. In Thereſienſtadt war er als trefflicher Muſiker für das Orcheſter des ma⸗ gyariſchen Nationaltheaters in Peſt engagirt worden, aus dem er aber bald bei ſeiner klangvollen Tenor⸗ ſtimme unter die Chorſänger verſetzt wurde, aus welchen ihn bald ein Zufall zum Soloſänger erhehen ſollte. Ein plötzlicher Krankheitsanfall hatte den erſten. Tenoriſten mitten in der Vorſtellung getroffen: er mußte nach Hauſe gebracht werden, und es ſchien unmöglich, ohne ihn die Oper zu Ende zu ſpielen. Arthur erklärte dem verzweifelnden Intendanten, daß er ſich wohl getraue, für den Sänger einzutreten. Was war zu thun? Man beſchloß die Sache zu wagen, und Shandor ſang die Partie mit einem Feuer und einer Bravour zu Ende, die ihm nicht nur rauſchenden Beifall, ſondern auch eine Anſtellung als Solo-Sänger eintrug. Sein Glück ſchien nun gemacht, und nach Ablauf ſeines Vertrages ward er

Die eigenthüm⸗

mit einem anſehnlichen Gehalte für ein Hoftheater gewonnen.

Hier wußte er ſich in Kurzem die Gunſt des Publikums zu erwerben, und Manches wurde ihm nachgeſehen, was man einem Andern nicht verziehen hätte. Einen Ruf erwarben ihm allermeiſt jene alt⸗ hergebrachten, vielleicht daciſchen Melodien, die er ſtets mit dem Ernſte einer Religionsübung und nur in gewählten Kreiſen vorzutragen pflegte. Mit dem Gelde wußte er jedoch gar nicht umzugehen, aber überall fand er Kredit und die Theaterkaſſe war ſtets zu Vorſchüſſen bereit. Den wohlthätigſten Einfluß auf ihn gewann allmählig Lore S., ein Mädchen aus dem Chore der Hofkapelle, dem er ſeine Neigung geſchenkt hatte. Sie brachte ſeine Garderobe, ja auch ſeine Finanzen in Ordnung, über die er ſie ziemlich ſelbſtſtändig gewähren ließ. Gutmüthig bis zur Schwäche ſtand er faſt gänzlich unter der Lei⸗ tung dieſer im Allgemeinen wohlgeſinnten Perſon, die ihm aufrichtig zugethan war, und redlich ſein Beſtes ſuchte, ihn aber gleichwohl nicht dazu bringen konnte, ein Ehebündniß mit ihr einzugehen. Mit dem herannahenden Frühlinge ging nun aber eine große Veränderung mit ihm vor. Ihn ergriff das Heimweh nach dem gewohnten freien Wanderleben, und offen erklärte er den Freunden, es ſei ihm unmöglich, es noch länger hier auszuhalten, es fehle ihm aller dings nicht am Geringſten, aber ein unbezwinglicher Trieb treibe ihn wie den Zugvogel in's Weite, be⸗ engend lägen dieſe Paläſte und Mauern auf ihm. Er bat um ſeine Entlaſſung; das Geſuch wurde mit der Erhöhung ſeines Gehaltes erwiedert. Er beging Exceſſe, und veranlaßte zu ſolchen auch ſeine Kolle gen; ſie wurden gebüßt, Einige entlaſſen, ihm wur⸗ den nur wohlwollende Erinnerungen zu Theil. In⸗ deſſen nahten die Sommerferien heran, und Shan⸗ dor reiste ab, wie die andern Mitglieder der Hofkapelle, er aber auf Nimmerwiederkehr.

Sein Verſchwinden wurde vielfach bedauert, am ſchmerzlichſten von Loren S. Es waren ihr Nach⸗ richten über ſeinen Aufenthalt zugekommen, und ſo⸗ bald es die Umſtände erlaubten, machte ſie ſich auf, die Spuren des Mannes zu verfolgen, ohne den ſie nicht leben zu können glaubte. Lange waren ihre Streifzüge vergeblich, und die lange Reiſe zehrte ihre Baarſchaft auf. Mit dem Reſte derſelben kaufte ſie eine Guitarre, um mit dem Ertrage ihres Ge⸗ ſanges ihre Nachforſchungen fortzuſetzen und ihr Le⸗ ben zu friſten. Auf dem landwirthſchaftlichen Feſte zu N. traf ſie den Flüchtling. Er war aufrichtig erfreut und ſchlug ihr vor, ihn mit ſeiner Muſik⸗ bande zu begleiten.Wohin du willſt, aber nicht ohne den Segen des Prieſters, war die entſchiedene Antwort Lorens. Shandor gab keine beſtimmte Er⸗ klärung, übergab ihr aber ſein baares Geld und ſein hoͤchſtes und letztes Gut, ſeinen Sigelring; er ſelbſt aber war am folgenden Morgen verſchwunden. Lorens Schickſal war der wechſelnden, unter den Zelten zechenden Menge nicht unbekannt geblieben. Es wurden ihr Gaben die Fülle zu Theil. Manchen brachte ein Blick auf die bleichen Züge der Verlaſſe⸗ nen zum Nachdenken, und das wehmüthige Lied, das ſie an den letzten Tagen geſungen, iſt in jener Gegend volksthümlich geworden. Kurz nach der Feſtwoche fand man Lorens Leichnam in dem nahen