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dieſer willen gab er willig das Leben auf; doch, vielleicht kämpfte er noch, um einen kleinen Theil ſeiner Ehre zu retten? oder— blieb er vielleicht auch hierin der Wahrheit getreu? Ein ſolches Nacht⸗ wandeln war ja nicht ohne Beiſpiel, eben ſo wenig, als daß ein Menſch mit einer tödtlichen Wunde noch ſo weit laufen konnte.
Der Pfarrer ging indeſſen mit ſchnellen Schrit⸗ ten auf und nieder; auf einmal aber blieb er ſtill vor dem Richter ſtehen mit den Worten:„Ihr habt nun hier innerhalb der Mauern des Kerkers mein Geſtändniß empfangen. Ich weiß, daß Euer Mund mich verurtheilen wird; was aber ſagt Euer Herz?“
„Mein Herz,“ gab Erik Söfrenſen zur Antwort, doch kaum, daß er vor Beklemmung ſprechen konnte, „mein Herz leidet unbeſchreiblich, und möchte gerne in dieſem Augenblicke brechen, wenn es Euch dadurch von einem ſchrecklichen und entehrenden Tode retten könnte.“(Ach, er durfte ja als Richter das letzte Rettungsmittel, die Flucht, nicht ausſprechen.)
„Das könnt Ihr nicht,“ fiel der Angeklagte raſch ein;„das Leben habe ich verwirkt, mein Tod iſt gerecht und wird ein warnendes Beiſpiel für die Nachlebenden ſein. Verſprecht mir aber, daß Ihr von meiner armen Tochter die Hand nicht abziehen wollt! Ich hatte einmal gedacht, ſie an deinen Buſen zu legen,“ fuhr er unter hervorquellenden Thränen fort,„dieſe ſchöne Hoffnung habe ich ſelbſt geſtört; Ihr dürft nicht die Tochter eines Miſſethä⸗ ters heirathen; verſprecht mir aber, daß Ihr wie ein Vater für ſie ſorgen wollt!“
Mit tiefem Grame und unter vielen Thränen reichte ihm der Richter die Hand.
„Ihr habt wohl in letzter Zeit Nichts von mei⸗ nem Sohne vernommen?“ nahm der Pfarrer wieder das Wort.„Ich will hoffen, daß er Nichts von dieſem Elende erfährt, bevor Alles vorüber iſt. Ich kann es nicht ertragen, ihn zu ſehen.“ Bei dieſen Worten verbarg er das Geſicht in die Hände, wandte ſich ab und lehnte die Stirne gegen die Wand. Er ſchluchzte wie ein Kind; erſt nach einer Weile fand er die Sprache wieder.
„Nun, Lieber!“ ſagte er plötzlich,„verlaßt mich jetzt; mögen wir einander erſt in dem Hauſe der ſtrengen Gerechtigkeit wieder ſehen. Und beweiſet mir noch die letzte Freundſchaft, laſſet es bald ge⸗ ſchehen, gleich morgen! Ich ſehne mich nach dem Tode, denn ich hoffe, daß er mir den Eingang zu einem beſſern Leben, als das gegenwärtige für mich iſt, um Jeſu willen öffnen wird. Geht, mein lieber, theilnehmender Richter. Laßt mich morgen zum Ge⸗ richte abholen, ſchicket aber noch heute zu meinem vieljährigen Freunde, dem Herrn Pfarrer Jens in Aalſöe; er möge mich zum Tode vorbereiten. Gott ſei mit Euch!“
Mit abgewandtem Antlitz reichte er dem Richter die Hand. Wie betäubt, ohne Beſinnung, taumelte Erik aus dem Kerker hinaus. Er würde vielleicht gerades Weges nach Hauſe geritten ſein, ohne vor⸗ her mit Metta zu reden, wenn dieſe ihm nicht we⸗
ige Schritte vor dem Gefängniſſe entgegengekommen häre. Sie mußte das Todesurtheil in ſeinem Ge⸗ chte geleſen haben, denn ſie erblaßte und faßte ihn ei beiden Armen. Sie ſah ihn an, als wollte ſie or eigenes Leben von ihm erflehen, fragen konnte
oder durfte ſie nicht.„Fliehet, fliehet, und rettet den Vater!“— das waren die einzigen Worte, die Söfrenſen beim Anblicke des geliebten Mädchens her⸗ vorzubringen vermochte. Er warf ſich auf das Pferd und kam zu Hauſe an, ehe er es ſelbſt vermuthete.
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(Siehe S. 22.)
Noch verſuchte Metta, unterſtützt und berathen von Erik, der hierin nicht als Richter, ſondern als Freund und liebender Bräutigam handelte, das letzte Mittel, ihren unglücklichen Vater zu retten, die Flucht. Der Gefangenwärter ward gewonnen; ein dem Pfarrer und deſſen Hauſe befreundeter Schiffer hatte verſprochen, Vater und Tochter heimlich nach Schweden zu führen, und hielt ſein Segelboot ſchon in Bereitſchaft; allein der ganze Plan ſcheiterte an dem entſchiedenen Widerſtande des Pfarrers, der nun durchaus ſeine Schuld mit dem Tode abzubüßen ent⸗ ſchloſſen war. Hoffend, daß er durch dieſen ſich jen⸗ ſeits eine beſſere Gerechtigkeit gewinnen werde, wollte er ſich dem Schwerte der irdiſchen Gerechtigkeit nicht entziehen. So verließen ihn denn die zu ſeiner Ret⸗ tung Erſchienenen eben ſo troſtlos, als ſie gekommen waren..
Nun war kein Ausweg mehr möglich. Das Ur⸗ theil wurde gefällt. Der Angeklagte vernahm es mit größerer Standhaftigkeit, als der beſaß, der es ausſprach. Alle Anweſenden, ſeinen einzigen, hart⸗ näckigen Feind, Morten Bruns, ausgenommen, be⸗ zeigten das innigſte Mitleid. Einige flüſterten ſo⸗ gar, daß es ſtreng, ja faſt zu ſtreng ſeiz aber die peinlichen Geſetze jener Zeit ließen keine Milderung zu, und vor hundertundfünfzig Jahren war in Dä⸗ nemark der Inſtanzengang noch nicht eingeführt, das heißt, ein geſprochenes Urtheil wurde vor der Voll⸗ ziehung nit erſt der Begutachtung und Beſtätigung


