Jahrgang 
1860
Seite
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und dem Walde hinläuft; wie ein Mann mit einem Walde gekommen

dem Garten des Pfarrers hier hätten ſie bemerkt, Sacke auf dem Rücken aus dem und an ihnen vorüber eine ziemliche Strecke weit

nach dem Garten zu hingewandert ſei. Sein Geſicht konnten ſie nicht erkennen, weil es von dem Sacke verhüllt war; allein, als der Mond auf ſeinen Rücken ſchien, hätten ſie deutlich bemerkt, daß er einen tief herabhängenden Rock(einen Schlafrock nämlich) und eine weiße Nachtmütze aufhatte; ge⸗ nannte Perſon wäre hierauf am Gartenzaune ver⸗ ſchwunden.

Nicht ſo bald hatte der Erſte dieſes Zeugniß abgelegt, als der Pfarrer in ſeinem Geſichte grau wie Aſche wurde, und kaum mit ſchwacher Stimme die Worte hervorſtammeln konnte:Mir wird übel! Es wurde ihm ein Seſſel hingeſchoben. Da rief Morten frohlockend den Umſtehenden zu:Das hat dem Gedächtniß des Pfarrers geholfen! Dieſer aber vernahm die Worte nicht, ſondern winkte dem Rich⸗ ter her und flüſterte:Laßt mich in meinen Kerker zurückführen; dort wünſche ich mit Euch zu reden. Es geſchah, wie er wünſchte.

Der Angeklagte wurde von dem Gefängnißwärter und einem Häſcher abgeführt. Als die Thüre des Gefängniſſes geöffnet wurde, ſtand Metta darin und machte eben des Vaters Bett; auf einem Stuhl, am Kopfbrette des Bettes, lag der unſelige grüne Schlaf⸗ rock. Das Mädchen ſchrie laut auf vor Freude, als ſie den Richter mit den Andern eintreten ſah. Sie glaubte nicht anders, als daß der Vater freigeſpro⸗ chen ſei, und daß der Vorſtand des Gerichtes komme, um ihm das Gefängniß feierlich zu öffnen. Sie warf Alles, was ſie in den Händen hatte, weit weg und hing an des Vaters Halſe. Der alte Mann weinte, daß eine Thräne die andere ſchlug; er ver⸗ mochte es nicht über das Herz zu bringen, ihr mit⸗ zutheilen, was in dem Gerichtsſaale vorgegangen war, ſondern gab ihr einige Aufträge, um ſie unter die⸗ ſem Vorwande zu entfernen.

CEhe Metta fortging, hüpfte ſie noch zu Söfren⸗ ſen hin, drückte ſeine Hand an ihre Bruſt und flü⸗ ſterte:gute Botſchaft?

Um ſeinen Schmerz und ſeine Verwirrung zu verbergen, ſagte dieſer, ſie auf die Stirne küſſend: nachher, mein Herz, ſollſt du erfahren, was ſich zugetragen hat ich weiß zwar nicht, welchen Er⸗ folg es haben mag allein jetzt richte vor Allem aus, was dein Vater dir aufgetragen hat.

Sie ging. Ach! welch ein jammervoller Wechſel mit jener Zeit, da das ſchuldloſe Kind froh und unbefangen in dem heitern Pfarrhofe gelebt hatte und nun in dieſem düſtern Kerker unter Gram und Schmerz, mit Angſt und Zittern das Leben ver⸗ ſeufzte.

Setzt Euch, mein Lieber, ſagte nun der Pfar⸗ rer zu dem Richter, nachdem ſie Beide allein waren, ſich ſelbſt auf das Bette niederlaſſend. Er faltete die Hände in ſeinem Schooße und ſtarrte lange tief⸗ finnend auf den Boden. Endlich richtete er den Kopf in die Höhe und heftete die Blicke auf Söfren⸗ ſen. Dieſer verharrte in ängſtlichem Schweigen, als

ſollte er ſein eigenes Urtheil vernehmen, und ge⸗ wiſſermaßen war es ja auch ſein eigenes. Ich bin ein großer Sünder, nahm der Pfarrer

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das Wort,wie groß, das weiß nur Gott, ich ſelber weiß es nicht. Er will mich hier beſtrafen, damit ich dort Gnade finden und die Seligkeit empfangen möge; ihm ſei deshalb Preiß und Ehre!

Es ſchien, als erränge ihm dieſe Aeußerung wie⸗ der größere Ruhe und Kraft, und ſo fuhr er folgen dermaßen fort:

Von meiner Kindheit an, ſo weit ich zurück⸗ denken kann, bin ich immer hochmüthig, zankſüchtig und jähzornig geweſen, habe keinen Widerſpruch er⸗ tragen können, ſondern bin gleich zum Dreinſchlagen bereit geweſen; doch habe ich ſelten die Sonne über meinem Zorne untergehen laſſen, auch niemals Haß gegen irgend einen Menſchen gehegt. Schon als halberwachſener Knabe beging ich in der Hitze eine That, welche ich oft innig bereut habe, und die mich jedesmal noch ſchmerzt, wenn ich daran denke. Unſer Hofhund, ein frommes Thier, das keinem Geſchöpfe Etwas zu Leide that, mir treu anhing, und das auch ich recht lieb hatte, hatte einſt mein Abendbrod erhaſcht, das ich in der Eile, weil ich abgerufen wurde, auf einen Stuhl gelegt hatte. In meiner Bosheit verſetzte ich nun dem Hunde mit meinem Holzſchuhe einen ſo gewaltigen und zugleich unglück⸗ lichen Stoß, daß er unter vielen Qualen und jam⸗ mervollem Winſeln verſchied. Es war freilich nur ein unvernünftiges Thier, allein immerhin doch eine Ermahnung an mein Gemüth, mich an Menſchen nicht zu vergreifen. Als ich ſpäter, in meinen Stu⸗ dienjahren, eine größere Reiſe in das Ausland machte, gerieth ich zu Leipzig in unnöthigen Zank mit einem Burſchen, forderte ihn heraus und verſetzte ihm einen ſo gefährlichen Stich in die Bruſt, daß er nur mit genauer Noth gerettet werden konnte. Schon deshalb habe ich verdient, was ich nun erlei⸗ den muß. Zweimal iſt eine göttliche Warnung durch die eigene That vergeblich an mich ergangen, ſtatt der dritten erfolgt nun die Strafe; aber ſie trifft nun auch mit zehnfachem Gewichte mein ſündiges Haupt, den greiſen Mann, den Pfarrer, den Boten des Friedens und den Vater. Ach, allbarmherziger Gott, das iſt die tiefſte Wunde! Er ſprang auf, die Hände ringend, daß es in allen Gliedern wiederhallte.

Als er ſich ein wenig erholt hatte, ſetzte er ſich wieder und ſprach weiter:Euch, vorher meinem Freunde, jetzt meinem Richter, will ich nun eine Schuld bekennen, die ich ohne allen Zweifel began⸗ gen, deren ich mich indeſſen nicht völlig bewußt bin.

Der Richter war betroffen und begriff nicht, wo⸗ der Angeklagte hinaus wolle, und ob er mit völliger Beſinnung ſpreche, denn er hatte ſich auf ein offenes Geſtändniß ohne Vorbehalt gefaßt gemacht.

Verſteht mich recht, fuhr der Pfarrer ohne Unterbrechung fort,und gebt wohl Acht auf das, was ich ſage. Daß ich den unglücklichen Menſchen mit dem Spaten geſchlagen, weiß ich wohl, und habe es auch frei heraus geſtanden; ob es aber mit der Fläche, oder mit der Schärfe geſchehen, darauf kann ich mich nicht beſinnen und habe auch in mei⸗ ner heftigen Erbitterung nicht daran gedacht; daß

er aber hinfiel, ſich wieder erholte und fortlief, das

iſt Alles, was ich mit ſinnlicher Ueberzeugung weiß.

Das Uebrige haben ja vier Zeugen geſehen, nämlich, daß ich die Leiche geholt und vergraben habe; und 346