Erinnerungen. Slluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Theodor nahm das Medaillon vom Tiſche und gab es ihm.
„Nimm es,“ ſagte er mit geſenktem Blick.„Es ruhte lange auf meiner Bruſt, ehe Du ſelbſt noch Hed⸗ wig kannteſt— jetzt darf es dieſen Platz nicht mehr einnehmen. Meine ganze Schuld beſteht in der Schwäche, daß ich mich von dieſem Bilde nicht trennen konnte, als es nicht mehr das Porträt Hedwig Maldens war.“
Alexander war erſchüttert. Er umfaßte ſeinen Bruder leidenſchaftlich und legte ſeinen Kopf auf deſſen Schulter.„Ich verlange keine weitere Erklärung,“ ſagte er innig;„Dein Wort iſt mir heilig. Du warſt unglück⸗ lich, ich weiß es; aber auch ich habe in der letzten Zeit bittere Kämpfe gehabt.“
„Sie ſollen vorüber ſein,“ ſprach Theo dorfeſt. „Wir werden uns bald trennen, Alexander, und in dieſer Zeit klärt ſich alles.“
„Trennen? Wie ſo?“
„Ich muß nach einem milderen Klima, wenn ich die Hoffnung auf Heilung nicht aufgeben ſoll,“ verſetzte Theodor.„Gibt es noch eine Zukunft für mich, ſo muß ich ſie mir mühſam erringen, und ſchwer verdienen.“
„Aber Du wirſt ſie haben!“ rief Alexander friſch von Freude durchwogt;„wir wollen Beide auf ſie bauen!“
X.
„Wir wollen Beide auf die Zukunft bauen“ hatte Alexander geſagt— und damit ein gutes Wort ge⸗ ſprochen. In ſeiner Seele lichtete ſich's allmälig wieder. Der Schatten, der zwiſchen ihn und ſein junges Weib getreten war, konnte verſchwinden, nach und nach, Theil um Theil, wie ein Nebel ſich von der Sonne zertheilt, verflüchtigt. Er ſchloß ſie innig, gütig, mit ſanfter Er⸗ munterung in ſeine Arme und verzagte nicht, als er
dieſes junge Herz in namenloſer, ſchuldbewußter Angſt
klopfen fühlte; er nahm die zitternde, reuige Hedwig ſo treu an ſeine Bruſt, wie ſonſt die zweifellos Liebende, und an dieſem Edelmuth erſtarkte ihr ſchwaches Herz. Eine treue, feſte Männerbruſt iſt für das zagende, ver⸗ irrte Weib der beſte Hort,— der einzige! Ohne die kraftvolle Selbſtverläugnung, ohne das edelſinnige Ver⸗ geben Alexanders und ſeine langmüthige Güte,
ausſprechlich lieb ich ihn— mein Gott, ich danke Dir
für ſein Leben!“
Dieſer Ausruf war Hedwigs letzte Verſuchung.
Sie zwang ſich, den Gedanken zu ertragen, daß Martha
ihm ihr Herz weihen dürfe und nun war ſie geheilt.
Der Hauptmann von Schildenburg wurde
Theodors beſter Freund und nie erfuhr Alexander,
daß ſein einſtiger Waffengefährte von Hed wigs Vor⸗
leben die leiſeſte Kenntniß gehabt habe.
Die„Welt“ fand bald einen Gegenſtand des
Intereſſes, der die Forſchung über Hedwig verdrängte;
ſie vergaß ſogar nach und nach, daß die junge Frau
nicht„von Familie“ ſei und ſelbſt Herr von Schilden⸗
burg, der Vater, tröſtete ſich über dieſen Mangel ins⸗
beſondere als ſein Sohn der fraglichen Dame eine achtungsvolle Auszeichnung angedeihen ließ, die der alte Herr ſodann bereitwillig mit dem treuen Echo be⸗ gleitete, wie das Lob M arthas.
Der Hauptmann ſang indeß das hohe Lied von Fräulein von Brühls Vorzügen immer ſeltener und ſeltener, weiſe gemacht durch die Erfolgloſigkeit ſeiner Huldigung, ja wie man behauptete, geradezu belehrt durch das gewichtige Wörtlein„nie“ aus Marthas Munde ſelbſt.
Mit Eintritt des Frühjahrs ging Theo dor von Krüden nach der ſüdlichen Schweiz, um in den herr⸗ lichen Alpenthälern vollkommene Kräftigung für ſeine Bruſt zu ſuchen. Wir verfolgen ſeine Wege nicht weiter; nur glauben wir, daß der Abſchied von ihm ein kleines Fünkchen Hoffnung in Mart has Herzen zurückgelaſſen haben mußte. In ihrem leuchtenden Auge ſchimmerte es wie ein prophetiſcher Strahl, ihre friſch bluhen⸗ den Lippen ſchienen zu ſagen:„Ich vertraue auf die Zukunft!“
Ein Abenteurer wider Willen. Erzählt von Emil Dietze. (Schluß.)
Marnals— es war zu Anfang des Jahres 1760 — waren die Holländer mit dem König von Condy in Zerwürfniſſe gerathen und zum Beginn
wäre Hedwig im Sturm der Leidenſchaft verſunken und untergegangen. An ſeiner Bruſt fand ſie ſich ſelbſt wieder. Nie kam ein Wort über ſeine Lippen, das an jene Unglückszeit mahnte, nie ſprach ſein Blick einen Vorwurf aus. Die Verſuchung war an ihr vorüberge⸗ rauſcht; der Gifthauch hatte die Blume berührt aber nicht verſengt; ſie erhob ihr Haupt muthig wieder, von Treue und Liebe erfriſchend angeweht.
„Wir wollen auf die Zukunft bauen!“ Vielleicht war das auch der leiſe, ſüße Gedanke Marth a's, der als helles Licht vor ihr aufblitzte. Klagelos hatte ſie den
5 der Feindſeligkeiten wurde ein Truppenkorps für 0 die Inſel Ceylon mobil gemacht. Dahin ſollte alſo Jolky mit abgehen. Blutenden Herzens fügte er ſich, da alle ſeine und ſeiner Familie Bitten fruchtlos blieben, ſeinem Schickſal, gab ſein Weib ihren Eltern zurück und ſegelte nach der Inſel Ceylon ab. Nach einem dreimonatlichen unblutigen Aufent⸗ halt unter den Eingaleſen und nachdem der Friede wieder hergeſtellt war, ward ihm der Befehl, ein nach Batavia beſtimmtes, mit Zimmet befrachtetes Schiff bis zur Inſel Banda zu begleiten. Schon gab er ſich der Hoffnung hin, daß er bald ganz nach Batavia
Schmerz um Theodor in ihrer Seele verborgen, als er in Gefahr ſchwebte; jetzt, wo er ſich geneſen an Körper und Seele erhob, überfloſſen ihre Lippen. An Hedwigs Bruſt rief ſie alles vergeſſend:„O Hedwig, wie un⸗
werde zurückkehren und ſein Handwerk wieder aufneh⸗
men dürfen, allein von Schiff wurde er zu Schiff, von—
Inſel zu Inſel kommandirt, bis er ſich plötzlich unter?


