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226 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
man daran, ſich zu trennen. Die Gäſte brauchten nicht nach Hauſe zurückzukehren; ein Theil fand auf dem Pachthofe ſein Unterkommen, der andere wurde einge⸗ laden, auf einem eine Stunde weit entfernten Schloſſe zu übernachten, welches faſt ganz leer ſtand, indem die Beſitzer nur dann und wann, etwa alle drei Jahre, das⸗ ſelbe beſuchten, und nur von einem Verwalter bewohnt wurde. Dieſer, einer der Zeugen Jeromes, hatte in den leeren Zimmern des Schloſſes eine ſolche Menge Betten aufſtellen laſſen, daß keiner der Geladenen der ſüßen Ruhe zu entbehren brauchte.
Man hatte Anfangs beſtimmt, L ouiſe ſollte auf dem Gute bleiben und René mit ins Schloß gehen. Aber Klärchen, die den beiden Verliebten nicht das Vergnügen eines nächtlichen Spazierganges rauben mochte, warf ein, es ſei beſſer, daß die älteren Perſonen auf dem Gute blieben und daß die jüngeren das Schloß bezögen, weil letztere die Abendluft beſſer ertrügen. So geſchah's denn. Nachdem die Frauen die Nachttoilette der Neuvermälten geordnet und Klärchen von ihren Eltern und Freundinnen den Abſchiedskuß erhalten, ſtieg man ſofort zu Pferde. Natürlich war dies den jungen Leutchen zu früh; durchkreuzte man doch dadurch ihren Plan, Jerome zu guter Letzt noch einen netten harm⸗ loſen Streich zu ſpielen; aber alles half nichts; jeder nahm die Seinige, wie man zu Lande ſagt, und ſo ging's davon.
René reichte Louiſe, die ihm langſam folgte, die Hand; in ihrem weißen Kleide und ihrer weißen Kapuze kam ſie René vor wie eine junge Nonne, die er entführen ſollte; allerdings eine peinliche Situation. Bald hatten ſie die Uebrigen überholt und waren allein. Bald ging' über verlaſſene kahle Ebenen, bald über ſchattige Wege. Der Mond warf aufs ganze Land allerlei abenteuerliche Lichtbilder und verſilberte die Ne⸗ beltropfen, die ſich zahlreich an die Blumen des Feldes anhingen. René hatte noch immer die freie Hand Louiſens in der ſeinigen, und der etwas zurückge⸗ ſchlagene Mantel hatte ihm an ihrem Mieder ein kleines Sträußchen von Orangebeeren gezeigt, welches Klär⸗ chen aus ihrem Hochzeitskranze genommen und ihrer Freundin geſchenkt.
„Louiſe,“ ſagte René,„das iſt eine Vorbe⸗ deutung und ein Symbol; darum bitte ich, erlauben Sie mir, daß ich mir eine dieſer Blumen nehme,“ und indem er ſie an ſich zog, neigte er ſich gegen ihren Bu⸗ ſen, um mit ſeinen Zähnen das kleine Blüthenzweiglein abzubeißen.
Louiſe widerſetzte ſich nicht, aber ſie zog ihren Kopf zurück, um nicht von den Lippen Renés berührt zu werden. Bei dieſer Bewegung lehnte ſich ihr Kopf, von dem die Kapuze herunter gefallen war, an die Schulter des Geliebten. Ein warmer Hauch berührte Renés Stirn; er wollte ihn aus dem Munde, der ihn hauchte, aufſaugen. Das ſehnſüchtige Verlangen, welches eine von Furcht und Hoffnung erfüllte Erwartung in ihren Herzen erzeugt, lag in ſeiner Gänze in dieſer lan⸗ gen Umarmung. Rens ſagte ſich begeiſtert, daß er nun das Ziel ſeiner Wünſche erreicht, und Louiſe, ſich
ebenfalls ganz ihrem unausſprechlichen Glücke über⸗ laſſend, liſpelte leiſe zu ſich:„Nun mag das Unglück, ja ſelbſt der Tod kommen; ich habe geliebt und bin ge⸗ liebt worden!“
Sie hatten inzwiſchen ihre Pferde angehalten und ihre Begleiter waren nahe daran, ſie einzuholen. Der eingeſchlagene Weg führte auf die Hauptſtraße, die ſie auch bald erreichten. Da fuhr eben eine Kaleſche vorbei; der Kutſcher brachte die Pferde zum Stehen und erbat ſich von René einige Aufklärung über die Lage des Ortes, der ſein Reiſeziel war. Letzteres ſei, ſagte er, die Beſitzung der Madame von Bourgueville,„Schlöß⸗ chen“ genannt. René gab die gewünſchte Auskunft; die Perſon aber, die im Wagen ſaß, merkte ſofort an der Sprache, daß der freundliche Auskunftsgeber kein gewöhnlicher Bauer ſei und zog das Rouleau auf, um äihren Dank abzuſtatten. Louiſe, deren Aufmerkſamkeit ſchon die Erwähnung des„Schlößchens“ geweckt, er⸗ ſchrak heftig bei den erſten Worten, welche der Unbe⸗ kannte an René richtete. Sie bemühte ſich, die Züge des Sprechenden zu ſehen. aber die Dunkelheit im In⸗ nern des Wagens ließ dieſe Verſuche hartnäckig ſcheitern. Die Unterhaltung zwiſchen René und dem Unbekannten dauerte kaum wenige Minuten, aber dieſe reichten hin, Louiſe in die größte Unruhe zu verſetzen; der Ton jener fremden Stimme verfolgte ſie; es ſchien, daß das Schickſal, das ſie früher angerufen, ſich ihr ſchon nahe. Sie kam daher am ganzen Körper zitternd in dem Hauſe an, deſſen Gaſtfreundſchaft ſie genießen ſollte.
Beim erſten Schellenzug eilten die Diener herbei und nahmen die Pferde in Empfang. Dann beeilte man ſich, den Gäſten die für ſie beſtimmten Zimmer zu be⸗ zeichnen. Die Frau des Verwalters ſelbſt führte Louiſe in das für ſie beſtimmte Gemach.
Louiſe konnte vor Aufregung die bereits halb vollendete Nachttoilette nicht beendigen; kraftlos und zitternd legte ſie ſich daher auf das in ihrem Zimmer befindliche Sopha, um wo möglich erſt in etwas ihre Ruhe wieder zu finden. Plötzlich fielen Re n's Blicke, deſſen Zimmer zufällig ſo lag, daß er in das Zimmer Louiſens hinein ſehen konnte, auf letzteres; er ſprang auf, wie von einer Ahnung getrieben, eilte an das nur zu zwei Drittel von dem herabgelaſſenen Rouleau ver⸗ deckte Fenſter; ſofort fielen ſeine Blicke(auch an Loui⸗ ſens Zimmer waren zwei Fenſter nur zum Theile ver⸗ hängt) auf die Geliebte. Ihre bleiche Geſichtsfarbe, die der Schein einer großen Lampe nur noch erhöhte, machte ihn zittern; ihre Schönheit und Unſchuld machte ihn er⸗
beben; vor Ueberraſchung, Entzücken und Schrecken konnte er nicht-zu ſich komwen. Die ganze Nacht blieb er ſchlaflos, obgleich er bo' das Fenſter wSaß lan um
ſeine Aufregung durch eir fortgeſetzte Betra cht. Le ſ un leidenden Engs ans Unendliche zu fagem er das Bild, daß ſſe Augen geſ. V von ihm. gen geſehen, wich nicht Am andern Moen kehrte man zu Klär zurück; Spiel, Geſangſſen, Trinken und Tan dchen nen wieder von Neuß Nur die Toiletten wae ge mal nicht ſo reizendd maleriſch wie Tags zuvor; 8 2
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