Heft 
(1861) 7 07
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Deutſche Bäume.

Von Hermann Jäger.

. 3. Die Eiche. 2 MMie Eiche iſt die erhabenſte Baumgeſtalt unſerer 0 Pnordiſchen Natur, und wenn ich ſie erſt als dritten

/ ÿ in der Reihe deutſcher Bäume aufführe, ſo wollte

Xcich damit nur zeigen, daß ich eine Rangordnung 0 unter ihnen nicht befolgen will und anerkenne.

Wurde auch die Linde des Volkes Liebling ge⸗ nannt, die vertraute Freundin ſeiner Freuden und Leiden, die Buche und der Buchenwald als das Schönſte in der deutſchen Waldnatur dargeſtellt, ſo überragt ſie doch der gewaltige Eichbaum als König der Wälder, und neben ihm treten alle übrigen Bäume beſcheiden und gleichſam ehrerbietig zurück. Wo mächtige, alte Eichen auftreten, da ſind ſie Herrſcher und angeſtammte Beſitzer des Bodens, und jeder andere Baum, ſei er auch zuweilen der Eiche an Höhenwuchs überlegen, tritt nur als untergeordnet und gleichſam nur geduldet auf. Dieſe Ueberlegenheit bewirkt ſie faſt immer als ſelbſtändige Geſtalt ganz für ſich allein; ja dieſe Wirkung wird durch Vereinigung kaum erhöht, indem im Eichenwald jeder alte Baum als Einzelnweſen erſcheint, wenn er auch anders als alleinſtehend wirkt. Die Eichen bilden im Alter nie eigentlichen Wald(was wir nämlich darunter verſtehen), ſondern immer nur Haine, und der Ausdruckdeutſcher Eichenhain, welchen die Dichter meiſt ohne recht zu wiſſen, was ſie damit bezeichnen, ganz in dem Sinne wie Wald gebrauchen, iſt zufällig ſehr bezeichnend ge⸗ wählt. Es fehlt ſtets die zum Begriff des Waldes nöthige Gruppirung, die Annäherung der Stämme, das Be⸗ rühren und Verſchlingen der Aeſte verſchiedener Bäume.

Die Eiche gehört der deutſchen Vorzeit an, und jede dieſer herrlichen, erhabenen Geſtalten, welche wir ſtaunend bewundern, brauchte Jahrhunderte, um ſich aufzubauen. Wir haben ſie ererbt, und mancher herrliche Baum wird hoffentlich noch auf unſere ſpäten Nach⸗ kommen vererben. Aber endlich werden die Eichen, wie wir ſie jetzt noch kennen, nur noch in der Sage leben, wenn nicht vielleicht hie und da noch ein Baum in dem geheiligten Berichte eines Parkes oder einer Feldflur erhalten wird. Deutſchland wird zwar immer Eichen auch im Walde behalten, indem die Forſtkultur ihnen wieder beſondere Aufmerkſamkeit zuwendet und vielleich noch mehr zuwenden muß, weil die Eiche zu manchen Zwecken, namentlich zum Schiffsbau als Holz und zur

Gerberei faſt unerſetzlich iſt; aber man wird die Eichen

im Walde nicht mehr ſo alt und mächtig werden laſſen,

wird ſie ſchlagen, wenn das Holz nach vielleicht 200 bis 300 Jahren die größte Güte und Nutzbarkeit hat, wird ſie zum Lohſchälen als Buſch erziehen und den erhabenen Baum einer jämmerlichen Erniedrigung preis⸗

geben. Was die uralten Eichen bis jetzt noch gerettet hat, war der Reichthum an Holz, der geringe Werth des alten Eichenholzes, und die heilige Scheu und Ver⸗ ehrung, welche ſich von den Vorfahren auf uns verpflanzt

Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter f

ür Ernſt und Humor.

hat. Aber ſeit dem der Holzmangel fühlbar geworden iſt, müſſen in den meiſten Forſten und Feldmarken auch die alten Eichen unter den Hammer des Förſters. Meine Erinnerung reicht noch nicht 40 Jahre zurück, aber wie viele mächtige Eichen ſah ich nicht ſchon in dieſer kurzen Zeit der Axt erliegen! Mußte ich doch ſelbſt in meinem Berufe alte Bäume, die nicht mehr zu erhalten waren, fällen laſſen! Aber auch ſchon jetzt, wo es noch in allen Theilen Deutſchlands alte Eichen, in manchen ſogar noch viele gibt, erſcheinen uns die Eichen wie vorzeitliche Geſtalten, und wir betrachten ſie mit denſelben Augen, wie eine geſchichtliche Denkwürdigkeit. Dem Gebildeten erſcheinen ſie unwillkürlich in Verbindung mit den alten Recken, mit den Nibelungen, mit den Männern Her⸗ manns des Etruskers, welche Weſtphalens Eichenwälder mit römiſchem Blut tränkten, mit den heldenmüthigen Sachſen, deren Blut Karl der Große unmenſchlich ver⸗ gießen mußte, um der Menſchheit im Allgemeinen zu nützen, mit den eiſernen Kämpfern des Mittelalters. Dieſes hat jedoch noch einen tiefern Grund, als den der Ueberlieferung, der in der Schule eingeimpften An⸗ ſchauung. Hat nicht der Eichbaum in ſeinem gewaltigen Auftreten, ja in der Stellung ſeiner Aeſte zum Stamm, einige Aehnlichkeit(wenigſtens mehr als jeder andere Baum) mit einem kämpfenden Helden der Vorzeit? Man betrachte nur ein Bild, wo germaniſche Krieger im Kampfe zugleich mit Eichen abgebildet ſind, und die Aehnlichkeit wird dem ſogleich auffallen, der überhaupt fähig iſt, Aehnlichkeiten vermittelſt Gedankenverbindungen aufzufinden. Auch wie Ruinen erſcheinen uns alte Eichen, nicht nur, weil es wirklich oft nur noch Baumruinen ſind, und weil uralte, knorrige, graue Stämme altem Ge⸗ mäuer höchſt ähnlich ſehen, ſondern ebenfalls durch den Gedanken, daß die Zeit der alten Eichen vorüber iſt, daß ſie wie die verfallenen Burgen einer vergangenen Zeit angehören.

Eine ſo erhabene, ja rieſige Geſtalt, wie die Eiche, mußte vor allen andern Bäumen, wie jede groß⸗ artige Naturerſcheinung, bei dem einfachen Menſchen der Vorzeit den Begriff des Göttlichen rege machen, den er dann aus ſeinem Gefühle auf den Baum ſelbſt übertrug. Ja, man mochte in dem Rauſchen der Eichen, wenn der Wind durch ihre Wipfel geht, ſogar die Offen⸗ barung des Göttlichen ſelbſt zu vernehmen meinen. Gewiß hat auch der Umſtand, daß der Blitz oft in Eichen einſchlägt, weil ſie die höchſten Bäume ſind, zur Eichenverehrung beigetragen. In der That ſpielt die Eiche in der Naturreligion aller Völker der Alten Welt, auf deren Wohnplätzen Eichen wachſen, die her⸗ vorragendſte Rolle. Dieſes gilt beſonders von den ger⸗ maniſchen Stämmen, in deren rauhen Wäldern die Eiche der Hauptbaum war, während der an Pflanzen reichere Süden Europa's und das übrige Küſtenland des Mittel⸗ meeres eine größere Auswahl von erhabenen Pflanzen⸗ geſtalten boten, wo die frühere Kultur des Geiſtes auch die ſchöneren, nützlicheren Pflanzen den milderen Göt⸗ tern heiligte, wo den unſrigen ähnliche Eichen über⸗ haupt nur in den höheren Gebirgen einheimiſch waren. Was wir von dem religiöſen Kultus unſerer Vorfahren