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194 Erinnerungen. IFlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
befanden! Genug, ſie liebte ihn und ſie ſchmeichelte ſich, nicht ohne Erfolg.
Nur René behielt ſeine Geiſtesgegenwart: Die Männer wiſſen beſſer als die Frauen die erſten Regun⸗ gen der Liebe zu verſtehen und zu benutzen. Sage man was man will, die Männer verfolgen ihr Ziel weniger ungeduldig, mit mehr Ruhe; die Frau fürchtet immer, ihr Verhältniß möchte zu Waſſer werden; beim Manne iſt das anders, er kann weiter ſuchen; jene muß warten, bis ſie weiter geſucht wird. Alle Gedanken Renés konnten alſo ungefähr auf Folgendes hinaus laufen: „Es iſt angenehm, mit zwei liebenswürdigen Damen ſtundenlang beiſammen zu ſein, wenn dasſelbe nicht möglich iſt mit der einen allein, die man liebt!“
Als ſie nun aus dem Walde herauskamen, hatten ſie zur Linken einen Hohlweg, der ſie von der Ebene trennte.
„Hier iſt's, wo ich ſtürzte,“ ſagte Madame Saucour.
„Mit dem Pferde?“ fiel Louiſe ein, und fiel dabei ihrem Pferde um den Hals, als hätte ſie mit ihm Rath pflegen wollen. Dieſes aber erwiederte die Zärt⸗ lichkeit mit dem Verſuche, ſich zu bäumen; ein leichter Schrecken durchlief ſeine Glieder. Louiſe beſchwichtigte das Thier; dann kitzelte ſie es plötzlich mit der Reit⸗ peitſche in der Seite und— im Handumdrehen hatte ſie über den Hohlweg weggeſetzt und ritt auf der rechten Seite des Hohlweges im Galopp voraus, während Lucia und ihr Begleiter auf der linken vor Erſtaunen ſtumm fortritten.
Die junge Pariſerin ſuchte ſo gut es ging ihre Verwunderung zu verhehlen, indem ſie die Kaltblütig⸗ keit und Gewandtheit Louiſens auf's äußerſte lobte. Nachdem ſie aber auf dieſe Weiſe ihrer Rivalin das ge⸗ bührende Lob gezollt und dadurch ſich das Recht erwor⸗ ben zu haben glaubte, ihre innerſten Gedanken auszu⸗ ſprechen, ſpielte ſie die Unterhaltung auf ein ganz an⸗ deres Gebiet hinüber, indem ſie an René die brüske Frage richtete:
„Finden Sie nicht, daß es nichts Verdrießlicheres für eine Frau gibt, als einer Beſchäftigung, einem Stande, er heiße wie er wolle, ſich zu widmen?“
„Ohne Zweifel,“ ſagte René;„die Frau braucht Muße, um die Traumbilder ihrer Einbildung und ihres Herzens zu geſtalten und wieder zu zerſtören, jene Pe⸗ nelopegewebe, an denen man immer arbeitet, ohne ſie je zu beenden.“
„Ol dieſe Begründung iſt zu romantiſch. Der Grund liegt vielmehr einfach darin: jede amtliche Be⸗ ſchäftigung drückt der Perſon, der dieſelbe obliegt, ſtets ein unverkennbares Siegel auf; und die Frau ſoll doch an etwas ganz anderem kennbar ſein: nämlich an ihrer Anmuth und Eleganz.“
„Aber es gibt nichts Unzerſtörbares bei Damen,“ entgegnete René;„ſie führen den Schwamm über den angeborenen Fehler und— damit iſt Alles geſagt. Wie viel Zeit braucht eine junge Griſette, um die Rolle einer großen Dame einzuſtudiren?“
„Ahl eine Griſette, ſelbſt eine Lorette,“ erwiederte
Lucia in einem eigenthümlichen Tone, der zugleich Furcht und Ueberlegung ausdrückte,„iſt etwas ganz anderes: dieſe tragen ſtets jenen Charakter jener aller⸗ liebſten Unthätigkeit, der die Frau ſo verführeriſch macht. Aber ſo eine Unterlehrerin! eine Gouvernante! eine Erzieherin! und was alles noch weiter nach Päda⸗ gogik riecht; glauben Sie(es iſt traurig aber wahr), ich habe mehrere gekannt, die ſo glücklich waren, einen Mann zu finden, die durch eine beſondere Gnade von Gott dem Schickſal einer alten Jungfer entgingen: aber — alle ſpielten als Frauen eine lächerliche Rolle.“
„Ah!l“ ſagte René, an dem Knopfe ſeiner Peitſche vor Ungeduld herumnagend.
„Ohne Ausnahme ſind ſie hochnaſig und pedan⸗ tiſch; ich kenne einige, die wahrhafte Engel von Sanft⸗ muth ſind. Sie blieben durch zwanzig Jahre die demü⸗ thigen Verehrer ihrer Männer, und konnten ſich nie auf gleichen Fuß mit ihren Freunden und Bekannten ſetzen; man glaubte immer, ſie ſeien unter den Eltern ihrer Zöglinge; erfüllt von dem Bewußtſein ihrer Unwürdig⸗ keit betrachten ſie die Liebe als ein Mittel zur Seelen⸗ reinigung, als einen Weg zu einem tugendvollen Leben.“
„Rechnen Sie etwa Fräulein Louiſe unter dieſe Kategorie? Sie ſcheint mir nicht an übergroßer Char⸗ aktergeſchmeidigkeit zu leiden.“
„Nein, bei ihr iſt es etwas anderes.“
„Wollen Sie ſich etwas deutlicher ausſprechen?“
„Dieſe junge Dame hat Geſchmack, eine gewiſſe Nobleſſe und iſt recht hübſch; ſie beſitzt alle möglichen Anlagen, wie Ihre Mutter mir ſagte, und ich bezweifle es nicht. Bei ihr muß der Gehalt die Form überwiegen. Indeß, ſo liebenswürdig ſie iſt, ſo wird ſie doch nie für die Welt etwas ſein.“
„Ahl“ ſagte Rensé ſie unterbrechend, und gleich⸗ zeitig neugierig und ärgerlich.
„Sie iſt hochmüthig und reizbar; ſie wird darum immer mißtrauiſch ſein; ſie wird weder anzuziehen, noch ſich mitzutheilen wiſſen, wie es einer Königin des Sa⸗ lons ziemt.“
„Was für einen Fehler würde ſie aber haben, wenn ſie ſtatt in den Salons in ſtiller Zurückgezogenheit lebte?“ fragte René immer neugieriger.
„In ſtiller Zurückgezogenheit... zu Zweien, nicht wahr?“ erwiederte Lucia.
„Jawohl.“
„Da wird ſie alle erwünſchten Eigenſchaften ha⸗ ben; aber ſie wird romanhaft und ſchwärmeriſch bleiben, ſo lange ſie lebt. Sie wiſſen nicht, wie viel Liebe dazu gehört, den Durſt einer Frau zu löſchen, die in ihren trockenen Studien ſelbſt austrocknete.“
„Ich kenne Fräulein Louiſe zu gut, als daß ich annehmen ſollte, daß ſie ſich durch Mittheilung obiger Expoſitionen gekränkt fühlen möchte.“
„Olich trete ihrer Sittlichkeit nicht zu nahe; aber ich glaube, ſie ſchmollt gern und iſt leicht verſtimmt.“
„Nie,“ antwortete René in einem Tone, in dem ein wenig verliebte Eitelkeit lag.
Lucia deutete mit einer Kopfbewegung ihre Un⸗ zufriedenheit und ihre Ungläubigkeit an. Sie waren


