Heft 
(1861) 5 05
Seite
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140 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

und geſtheyden ſtatt geſcheiden. Fehler der Art fin⸗ den ſich in dem böhmiſchen Texte nicht.

Mit Ausnahme der erſten Strophe beginnen alle anderen ſtets abwechſelnd mit den Worten:Gegruſſet ſeyſt und:Ich gruſſe dich; darum habe ich die im Originaltexte vorgehende 31. Strophe der nachfol⸗ genden 32. Strophe vorgeſetzt.

In der Uebertragung erlaubte ich mir einige unweſentliche Aenderungen des Rythmus, des Reims und des leichteren Verſtändniſſes wegen. Einige Aſſo⸗ nanzen und Nicht⸗Reime ließ ich ſtehen, um mich von dem Originaltexte nicht zu weit zu entfernen. Für Kenner des Altdeutſchen füge ich den getreu kopirten Original⸗Text, für an die alte Sprech⸗ und Schreibart minder gewöhnte Leſer eine mehr oder minder freie neuhochdeutſche Uebertragung bei.

Die meiſt ungeſuchten und dennoch vollſinnigen

ſchönen Reime verleihen dem Liede eine ungemeine An⸗ muth. Kenner altdeutſcher Poeſie, denen ich es theils zu Hauſe, theils in der archäologiſchen Sektion des böh⸗ miſchen Muſeums im Spätherbſte 1860 in Gegenwart des damals noch lebenden Bibliothekars Hanka vorge⸗ zeigt und vorgeleſen habe, erklärten das Loblied für ein vorzügliches. Nachdem in den letzten Tagen Profeſſor Dr. Höffler einige bisher nicht gekannte Bruchſtücke altböhmiſcher Poeſien aufgefunden und damit uns

Böhmen recht ſehr erfreut hat, glaubte ich dem deutſchen

Publikum mit der Veröffentlichung dieſes intereſſanten Denkmals mittelalterlicher deutſcher Poeſie ein Gegen⸗ geſchenk machen zu ſollen; wobei ich nur den Wunſch offenbare, es mögen ſich recht viele der gemüthlichen Leſer an der kindlichen Einfalt und frommen Innigkeit des Lobliedes geiſtig erwärmen.

Der heilige Roſenkranz. Altdeutſcher Meiſtergeſang.

Originaltext.

Maria Mutter, ich dich druſſe. hilf mir dos ich mein ſunde buſſe. Der leyder alſo vil ſynd. des bitte fur mich dein liebes kynd Amen.

Ich gruſſe dich mit des engels worten Slews mir auff des hymels pforten. Das ich frolich darehn muß geen ond dar Inne euige frende muſſe beſehen.

Gegruſſet ſeyſtu und gebenedeyet. von allen ſunden biſt du gefreyet Des gib mir deynen gebenedeyten ſegen, Das meyn dy heiligen engel pflegen Amen.

Ich gruſſe dich des himels roſemgarte, V Du apſerwelte reyne vnd czarte Du edele fuſſe roſen blutte Bit Got fur mich durch deyn gutte Amen.

V

Gegruſſet ſeiſtu vnd deyn lieber ſon Dir dienet die ſune vnde auf der mon. Die planeten vnd alles geſtirne,

Bitte got fur mich gottes dyrne Amen.

Ich gruſſe dich der kewſcheyt vrkunde O Juncfrawe bit fur meyn funde. Das der liebe got mir wolle geben, durch deyn furbiten das ewige leben Amen.

Gegruſſet ſeyſtu der ſunder geleyte Mit deynen gnaden vns bereytte das du ons gnade wolleſt er werben von deynem kynde ee wir ſterben Amen.

Neuhochdeutſche Uebertragung.

Maria Mutter, ich dich grüße, Hilf mir, daß ich meine Sünden büße Deren ach! all zu viele ſind!

Drum bitt für mich dein liebes Kind! Amen.

Ich grüße dich mit des Engels Worten, Schließ mir auf des Himmels Pforten, Damit ich froh hinein kann gehen,

Und drinnen ewige Freude ſehen!(Amen.)

Gegrüßet ſei und gebenedeiet, Von allen Sünden biſt du befreiet; Drum gib mir deinen gebenedeiten Segen, Daß mich die heiligen Engel pflegen! Amen.

Gruß dir des Himmels Roſengarten, Der außerwählten, reinen, zarten, Dir edeln, ſüßen Roſenblüthe! Bitt Gott für mich durch deine Güte! Amen.

Gegrüßt ſeiſt du und dein lieber Sohn, Dir dienet die Sonn und auch der Mon,, Und die Planeten und alles Geſtirne,

Bitt Gott für mich, o Gottes Dirne! Amen.

Ich grüße dich der Keuſchheit Urbild, O Jungfrau, bitt' für meine Unbild, Daß mir der liebe Gott wolle geben Durch deine Fürbitt' das ewige Leben! Amen.

Gegrüßet ſeiſt du, der Sünder Geleite, Mit deiner Gnade uns begleite, Daß du uns Gnade möchteſt erwerben Von deinem Kinde, ehe wir ſterben! Amen.