Karl Winakicky: Der
Die Anführung der Kriegsmacht ward dem Grafen Thurn übergeben, der den Titel eines oberſten Feld hauptmannes annahm, und ſogleich mit 30.000 Mann gegen Budweis und Krumau zog, welche Städte nebſt Pilſen dem Kaiſer getreu geblieben waren. Krumau wurde bald überwältigt, Budweis belagert. Dies war der Anfang eines Krieges, der dreißig Jahre lang Deutſchland von einem Ende bis zum andern auf das Schrecklichſte verheerte, und dem ganzen Staatenſyſteme Europa's eine andere Geſtalt gab.
Der heilige Roſenkranz.
Altdeutſcher Meiſtergeſang mit neuhochdeutſcher Uebertra⸗ gung von Karl Winaricky.
— A Pas nachfolgende altdeutſche Loblied auf die ſe⸗ 0 MPägſte Jungfrau— von dem unbekannten Ver⸗ (ec faſſer ein„meiſterliches Gedicht“ genannt— iſt O einem altböhmiſchen Gebetbuche entnom⸗ 8 men, welches ich im Jahre 1833 durch Vermit telung meines Freundes, des Bibliothekars Wen⸗ zel Hanka, von dem geweſenen Kleinſeitner Kaufmann und Antiquarien⸗Händler Blecha käuflich an mich ge⸗ bracht habe. In ſchwarzen Saffian mit Goldſchnitt ge⸗ bunden, enthält das Büchlein 223 Pergamentblätter, welche fünf Zoll hoch und drei Zoll breit ſind. Der jetzige Einband ſcheint nicht über ein hundert Jahre alt zu ſein; das urſprüngliche Format war jedenfalls etwas größer, wie an den tiefbeſchnittenen Seiten⸗Signaturen zu erſehen.
Das Manuſkript bietet eine große Zahl von kräf⸗ tigen, in der muſterhaft reinen Schreibart des XV. Jahr⸗ hunderts verfaßten Gebeten, Betrachtungen, Pſalmen, Liedern und Litaneien in böhmiſcher Sprache. Es iſt mit drei, jedoch minder erheblichen Miniaturen geziert. Nach dem 80. Blatte iſt ein Bild der heil. Dreieinig⸗ keit, nach dem 138. das Symbol der fünf Wunden Chriſti, nach dem 169. ein Bild der heil. Anna einge⸗ ſchaltet. Die Initial⸗Buchſtaben ſind gemalt, von wel⸗ chen die auf der 1., 43., 105.) 161., 363. und 411. Seite befindlichen beſonders ſorgfältig ausgeführt, und zum Theile, wie die Miniaturen, mit Gold verziert ſind. Das Sonderbarſte aber an dem Manuſkripte iſt, daß mitten unter den böhmiſchen Gebeten au⸗ ch deutſche ſich finden. Seite 278— 281 lieſt man in deutſcher Sprache die Antiphone, Verſikeln und Kollekte von den Heiligen: Georg, Blaſius, Erasmus, Panthaleon, Vitus, Chriſtophorus, Dionyſius, Cyriakus, Achatius, Egidius, Katharina, Margaretha und Barbara; S. 287— 291 ein Gebet vom heil. Bartholomäus; S. 411— 425 das hier mitgetheilte Loblied Mariens und S. 426— 429 eine Betrachtung der Leiden unſeres Herrn.
Das Loblied zeichnet ſich durch Gehalt, Innig⸗ keit und poetiſchen Gedankenſchwung vorzüglich aus. Vor demſelben ſteht das Rubrum:„Hie nach volget der heylige roſenkrancz vnſer lieben frawen, de do von
heilige Roſenkranz. 139 dreyſſig roſen iſt goncz.“ Mit dem Ausdrucke„Roſen“ werden augenſcheinlich die Strophen bezeichnet: da je⸗ doch das ganze Lobgedicht 36 wierzeilige Strophen zählt, ſcheinen die ſechs letzten ein ſpäterer Zuſatz zu ſein. Dieſe Vermuthung gewinnt an Sicherheit durch den Umſtand, daß eben in den ſechs letzten Strophen früher ſchon ausgeſprochene Gedanken ſich wiederholen. In der 34. Strophe fehlt der vierte Vers ganz, und ich habe mir erlaubt, nach Maßgabe des dritten Reimes im Vergleiche der ähnlichen 21. und 29. Strophe das offenbar Fehlende im Texte zu erſetzen. Jedenfalls bildet die 30. Strophe einen viel paſſenderen Abſchluß, als die viel mattere und in Bezug auf Sprache und Reim min⸗ der gelungene 36. Strophe.
Der Name des Verfaſſers iſt eben ſo wenig wie der des Schreibers und Illuſtrators ange⸗ geben. Die regelmäßigen, ſchönen, faſt wie Druck aus⸗ ſehenden Schriftzüge deuten offenbar auf die zweite Hälfte des X V. Jahrhunderts hin. Bibliothekar Hanka, welcher das Manuſkript, bevor es in meinen Beſitz ge⸗ langte, durchgeſehen, ſchloß aus der Bitte der Litanei zu allen Heiligen S. 220:„Aby otcze Swateho papeze nynieyſſieho Sixta w ſwatem nabozenſtwi zachowati räczil“, d. i.„daß du den heiligen Vater, den gegen⸗ wärtigen Papſt Sixtus im heiligen Glauben erhalten wolleſt“, ganz richtig: das Manuſkript ſei zur Regie⸗ rungszeit des Papſtes Siptus IV., d. i. zwiſchen 1471 bis 1484, geſchrieben; und dieſe Bemerkung hat der genannte Bibliothekar auch auf der leeren Seite vor dem Bilde der allerheil. Dreieinigkeit eigenhändig ein⸗ geſchaltet. Das deutſche Loblied dürfte jedoch eben ſo wie auch mehrere der böhmiſchen an den ältern Wort⸗ formen kennbaren Andachtsſtücke der Sammlung viel älteren Urſprungs ſein. Vielleicht hat ſich in deutſchen Bibliotheken ein älterer Text des Lobliedes erhalten! Intereſſant wäre es, dies zu erfahren.
Aus dem erſten Satze des Gebetes auf der Seite 429:„Boze wſſemohucy. miloſtiw bud mnie hrzieſſnen Bernartowi“, d. i.„Allmächtiger Gott, ſei gnädig mir ſündigem Bernhard“, dürfte man mit Recht folgern, daß der erſte Beſitzer des Manuſkriptes Bernhard hieß, in in Böhmen bei weltlichen Perſonen damals unge⸗ wöhnlicher Name und daher wahrſcheinlich ein Klo⸗ ſtername; ſo daß der er ſte Beſitzer ein Kloſter⸗ geiſtliche, vielleicht ein Kloſterabt war. Das bekannte Schickſal der zur Zeit Kaiſer Joſephs II. aufgehobenen Klöſter und der aus Kloſterbibliotheken verſchleppten Bücher und Manuſkripte ſcheint auch das beſprochene Manuſkript getheilt zu haben, ehe es in die Hände des Antiquarhändlers Blecha kam.
Der Schreiber des Manuſkriptes dürfte aber zweifelsohne ein Böhme geweſen ſein; darauf deuten die häufigen Schreibfehler in den deutſchen Gebeten und in dem Lobliede insbeſondere. So ſteht z. B. in der 1. Strophe druſſe ſtatt gruſſe, in der 4. fuſſe ſtatt ſuſſe, in der 6. funde ſtatt ſunde, in der 11. ewiges ſtodes ſtatt ewiges todes, in der 13. funde ſtatt ſunde, in der 17. ſewer ſtatt fewer, in der 26. onfer ſtatt onſer, in der 30, gunczer ſtatt ganzer
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