138 Erinnerungen. Illuſtrirte Blät
der Welt verfolgt, vom Schickſal gemartert worden von dem erſten Tage an, wo die Empfindung in ihr er⸗ wachte. Aber das konnte ſeine Entſchlüſſe nur feſtigen, ſeinen Muth, ſeine Ausdauer ſtählen.
„Iſt es denn wirklich war, daß ich ihn liebe,“ ſagte ſie zu Klärchen noch an demſelben Abend, während beide ihren gewöhnlichen Spaziergang unter den Obſtbäumen machten und eine Schale ganz warmer friſch gemolkener Milch nahmen;„wenn ich ihn ſehe, wenn ich mit ihm ſpreche, kehrt eine ſo köſtliche reine Freude und Wonne in mein Herz ein, wie dieſer Trunk, mit dem ich eben meine Lippen benetze.“
René verlangte weitere Rendez-vous, und man kam dahin überein, dabei nur mit mehr Vorſicht und geheimer zu Werke zu gehen. Die Zuſammenkünfte waren nicht zu häufig, aber vollſtändig hinreichend, um keinen Augenblick das unausſprechliche Glück der beiden Lieben⸗ den getrübt erſcheinen zu laſſen und namentlich Loui⸗ ſen für die gewohnten brüsken Ausfälle Meuniers und die Impertinenz der verhaßten Vero nika ſtets hinlänglich zu entſchädigen
(Fortſetzung folgt.)
Der Prager Fenſterſturz.
(Hiezu die Bilderbeilage.)
g ie verhängnißvolle Begebenheit auf dem könig⸗ GlPlichen Schloſſe zu Prag vom 23. Mai 1618, D— die in der Geſchichte den Namen„der Prager „ Fenſterſturz“ trägt, iſt zu allgemein bekannt, als daß es noch erläuternder Worte zu unſerer dies⸗
E) maligen Bilderbeilage, welche denſelben zum Gegenſtande hat, bedürfen ſollte. Wenn wir trotzdem hier einigen derartigen Worten Raum gönnten, ſo ge⸗ ſchah dies eben nur deßwegen, weil wir allemal ſolche hinzuzufügen pflegen, um augenblicklichen Gedächtniß⸗ lücken zu Hilfe zu kommen.
Als die proteſtantiſchen Stände am 23. Pe gegen Mittag, faſt alle bewaffnet und mit einem zuͤhl⸗ reichen Gefolge von Knechten umringt, auf dem könig⸗ lichen Schloſſe zu Prag erſchienen, befanden ſich daſelbſt von den Mitgliedern des Kollegiums der Statthalter, der Oberſtburggraf Adam von Sternberg, der Groß⸗ prior des Johanniter⸗Ordens, Dippold von Lobkowitz, der oberſte Landrichter Wilhelm von Slawata und der Freiherr Jaroslaus von Mattinitz. Heinrich Mathias Graf von Thurn(kein Böhme, ſondern aus dem alten Hauſe der La Torre in Görz und nur Erbe einiger, nicht ſehr bedeutender Güter ſeiner Mutter in Böhmen), ehrgeizig wie Huſſinetz und Podiebrad, ſchlau und tapfer, unermüdlich, nichts weniger als ängſtlich in der Wahl ſeiner Mittel, ein Magnet, der alle unruhigen Köpfe an ſich zag, ſtand an der Spitze der Aufrührer. Paul von Rziezan führte nach der Verabredung das Wort, und ſtellte die Frage: ob das beſchwerliche Schreiben des Kaiſers auf der Statthalter Anrathen oder mit
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ter für Ernſt und Humor.
ihrer Billigung verfaßt ſei? Sollte in Folge desſelben Jemand Gewalt erleiden, ſo würden ſie Alle für einen Mann ſtehen. Der Oberſtburggraf antwortete: ſolches Begehren ſei unerhört und könne nicht erfüllt werden, da ihr Eid ſie, die Statthalter und Räthe, verpflichtete, nichts von Allem, was im Rathe verhandelt und be⸗ ſchloſſen werde, zu offenbaren; ſie möchten ſich deßhalb an den Kaiſer ſelbſt wenden. Als darauf ein verworrenes Geſchrei erfolgte und viele Stimmen riefen, ſie ſollten ja oder nein ſagen, verlangte der Oberſtburggraf Auf⸗ ſchub, weil man ſich über eine ſo wichtige Sache noth⸗ wendig mit den abweſenden Statthaltern beſprechen müſſe. Der Streit wurde heftiger, und Schmähungen und Vorwürfe wurden über Slawata ergoſſen, und noch mehr über Martinitz, den Nachfolger Thurns in dem wichtigen Burggrafenamte von Karlſtein, mit wel⸗ chem die Verwahrung der Böhmiſchen Krone und der Freiheitsbriefe verbunden war. Hierauf erklärten Thurn und die Genoſſen ſeiner Frevel: ſie ſeien entſchloſſen, ſich ihrer Feinde für immer zu entledigen. Sie führten den Oberſtburggrafen und Dippold von Lobkowitz in ein anderes Zimmer, während Wenzel von Raupowa, zu Martinitz und Slawata gewendet, ausrief:„Werft ſie nach altem Brauche zum Fenſter hinunter!“ Sofort umſchlang einer der Aufrührer den Freiherrn von Mar⸗ tinitz von hinten, und drängte ihn mit Rziczan und anderen gegen das ofſene Fenſter. Vergebens flehte der Unglückliche um Friſt zur Todesbereitung; er wurde hinab geſtürzt. Einen Augenblick herrſchte tiefe Stille, Thäter und Zuſchauer waren gleich erſchrocken, bis Thurn, zu neuen Verbrechen ermunternd und auf Sla⸗⸗ wata zeigend, rief:„Edle Herren, hier habt ihr den andern!“ Da packten ſie auch dieſen, und warfen ihn hinunter.—
In der Todesangſt klammerte er ſich an das Eiſen der Fenſterbrüſtung, aber ward ſo lange in die Hand gehauen, bis er los ließ.
Darnach erfuhr der Geheimſchreiber Philipp Fa⸗ bricius Platter dasſelbe Schickſal. Ungeachtet die Höhe vom trockenen Schloßgraben bis zum Fenſter an ſechzig Fuß betragen mochte, blieben doch alle drei am Leben. Ein am Gemäuer des Schloſſes hervor gewachſener Hollunderbaum rettete ſie mit ſeinem Gezweige vor tödtlichem Sturze. Auch die Schüſſe, welche ihnen von oben her nachgeſchickt wurden, gingen fehl. Fabricius und Martinitz entkamen glücklich aus der Stadt und aus dem Lande, und auch Slawata, der am Kopfe ſchwer verwundet war, wurde ſpäter aus den Händen
königlichen Einkünfte und Güter an ſich zogen, die Beamten auf ihren Namen in Eid und Pflicht nahmen, und mitz dem proteſtantiſch geſinnten Theile der mähri⸗ ſchen und ſchleſiſchen Stände eine Konföderations⸗Akte e GQ—(31. Juli 1619). Der Erzbiſchof von Prag
Zgew Abt von Braunau wurden vertrieben, und
Nen Heſuiten befahl man, das Land zu verlaſſen.
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