Heft 
(1861) 5 05
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130 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

nichts als die Schattenſeiten der Dinge; mich freuen, glücklich ſein das konnte ich nicht.

II.

Dies war das Ende des Briefes, welchen Louiſe

Klärchen beim erſten Beſuche, den ſie von ihr em⸗ pfing, übergab, mit dem Zuſatze:Fortſetzung ein ander Mal! Als Klärchen aber, der die Aufregung Loui⸗ ſens und ihre tiefe Verſtimmung nicht entging, um weitere vertrauliche Enthüllungen ſofort bat, gab Louiſe zur Antwort:Laß mich jetzt, ich bitte Dich; nackte That⸗ ſachen wirſt Du, ohne ihre Urſachen zu kennen, nicht be⸗ greifen; letztere aber auseinander zu ſetzen, dazu muß ich eigens aufgelegt ſein; heute will ich an nichts mehr denken.

Louiſe hatte an jenem Tage René geſehen; er hatte Herrn Meunier eine Nachmittagsviſite abge⸗ ſtattet. Louiſe war im Saale als er eintrat; ſie ſtand auf, als wollte ſie ihm entgegen gehen und grüßte ihn mit einer tiefen Verbeugung; aber während er mit Meunier die gewöhnlichen Begrüßungsformeln wech⸗ ſelte, ſtahl ſie ſich ſochte fort. Sie hatte ſich feſt vorge⸗ nommen, ihre ohnehin peinliche Lage nicht durch Zärt⸗ lichkeiten gegen René von Neuem zu verſchlimmern. Meunier, dem es jeden Augenblick ſchwerer wurde, René zu unterhalten, hatte ſie ſuchen laſſen. Aber ſie weigerte ſich zu kommen, um ſo mehr, als ſie auf dieſe Weiſe an dem Onkel ſich am beſten rächen zu können glaubte. Das verdroß René gewaltig; er glaubte, die Weigerung Louiſens, die Veronika mit lauter Stimme meldete, ſei eine Antwort auf ſeine Bitte, ſie möchte ihre Spaziergänge im Park wieder anfangen. Nach beendigtem Beſuche holte René, der von einem Spazierritt gekommen war, ſein Pferd aus Meuniers Stall, in welchem bis dahin nur unſchuldige Kaninchen ihren Aufenthalt genommen. Dies bemerkte Louiſe und ſprang ſofort an's Fenſter. René hatte ſeine Blicke aufs Fenſter gerichtet als er fort ritt, aber nichts geſehen als das Mouſſelinekleid, welches hinter den Fenſterſcheiben einen dunklen Schatten bildete. Nach etwa zwanzig Schritten hatte er ſich noch einmal um⸗ godreht, um zu ſehen, ob er ſie nicht entdeckte. Diesmal war das Fenſter offen; Louiſe ſtand an demſelben aufrecht und unbeweglich, und ehe ſie Zeit fand, ſich zurückzuziehen, hatte René geglaubt zu bemerken, daß ihr Blick, aus dem eine tiefe innere Bewegung ſprach, auf ihn gerichtet war. Vielleicht täuſchte er ſich nicht; der Mann, den Louiſe für ſo liebenswürdig erklärt, fing an, ſie dadurch zu beherrſchen, daß er ſie in eine bis dahin ihr unbekannte Glückſeligkeit hineinzauberte.

René war von da an in ſüße Träume verſunken; er erging ſich in allen möglichen Muthmaßungen über Louiſens Geſinnung. Er glaubte ſich geliebt, aber er vermuthete, daß er bei weiteren Schritten auf einen Zerretern Widerſtand ſtoßen würde. Er ſagte ſich, für Mädchen brachtwſeis am gerathenſten, die brennende den tiefen Eindruck, den Louiſe an und von einer Verfolgun⸗ Redigirt unker Verantwortlichken

ſabzulaſſen, die ſie offenbar ſchmerzlich berührte. Sie kamen ſomit, ohne daß einer vom andern wußte, zu demſelben Entſchluſſe, nämlich: jede Berührung, jede Begegnung zu vermeiden, ja ſogar nicht mehr anein⸗ ander zu denket,

Indeß ſolche Entſchlüſſe auszuführen hat ſchon

ſeine Schwierigkeit, wenn man auch ſtets Zerſtreuung

hat; dieſelben wachſen aber, ſobald man vereinſamt iſt und jeder Zerſtreuung entbehren muß. Vierzehn Tage waren vergangen; während derſelben hatte Louiſe im Hauſe ihres Onkels wie in einem Grabe gelebt; kein freundlicher Blick, kein Lächeln verklärte je ihre Züge; ſelbſt Klärchen konnte ſie nicht erheitern, denn dieſer hatte ſie das feierliche Verſprechen abgenommen, den Namen Renés nie in der Unterhaltung zu nennen.

Bereite mir doch einen beſſern Empfang, ſagte ſcherzend des Doktors Nichte, indem ſie ihrer ſchweig⸗ ſamen Freundin um den Hals fielich habe für Dich eine Neuigkeit, die Dich bezaubern wird. Zunächſt aber lade ich Dich auf nächſten Sonntag zu uns zu Mittag ein, wo wir das letzte Kirchfeſt in unſerm Dorfe feiern.

Das weiß ich, erwiederte Louiſe,der Herr Pfarrer war ſchon hier und erſuchte mich, in der Feſt⸗ meſſe die Orgel zu ſpielen; aber werden denn viele Gäſte beim Mahle ſein?

Du, Jerome, ſein Vater und ſeine Mutter; ſie kommen, um an dieſem Tage um meine Hand anzu⸗ halten, ſetzte ſie ſichtlich entzückt hinzu.

Und Du zweifelteſt noch an Deinem Glücke!

Ach! ich darf nicht zu früh triumphiren; ihr Antrag wird nicht ohne Klauſel ſein, wenigſtens hat mir Jerome dies insgeheim mitgetheilt; aber er und ich hoffen das Beſte. Sollten wir uns täuſchen, nun, auf jeden Fall werden wir einige Tage angenehm ver⸗ leben.

Der lang erſehnte und von beiden Freundinnen nicht ohne Beſorgniß erwartete Feſttag Louiſe liebte ihr Klärchen zu ſehr, als daß ſie nicht den lebhafteſten Antheil an Allem, was ſie betraf, hätte nehmen ſollen kam bald heran. Beim erſten Zeichen der Kirchenglocke füllte ſich die Kirche; faſt alle Be⸗ wohner des Dorfes beeilten ſich, zeitig zur heiligen Meſſe zu kommen. René und ſeine Mutter nahmen als Schloßherrn eine Bank auf dem Chor ein. Der junge Graf wohnte der heiligen Handlung in einer Haltung bei, die mehr Gewohnheit als Innigkeit ver⸗ rieth. Er fand mitunter die Meſſe zu lang und wußte ſogar oft ein Gähnen nicht zu unterdrücken. Aber an jenem Tage ſpürte er von Langeweile gar nichts. Gleich die erſten Orgeltöne feſſelten ſeine Aufmerkſamkeit in hohem Grade. Das war kein Orgelſpiel, wie mans auf dem Lande durchweg zu hören bekommt; das waren Töne, die nur ein muſikaliſches Genie, nur die innigſte religiöſe Begeiſterung und Erhebung des Herzens zu Gott hervorzuzaubern vermag. Aber durch die groß⸗ artigen feſtlichen Melodien, die zu ſeinem Ohre drangen, ging zugleich eine Anmuth und Zartheit, die offenbar

das Weſen des Spielenden verriethen. Wer mag doch der unbekannte Künſtler ſein,

Papier und Druͤc

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