Heft 
(1861) 4 04
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Louiſe Meunier. 105

und die langen Meditationen; aber, ach! es war nicht immer der Geiſt Gottes, der mich beſuchte.

Madame Dumont hatte in ihrer Geſellſchaft eine elternloſe junge Dame, die von Kindheit an einer engliſchen Gouvernante anvertraut war, und die, in dem Gefühle, daß ſie bereits in das Alter trete, wo man ge⸗ fallen müſſe, es vorzog, ſich für die Folge eine Lands⸗ männin zu engagiren; von einer ſolchen erwartete ſie mehr Liebe als Strenge. Sie ſchlug daher der Madame Dumont einen Tauſch vor; ſie würde ihr ihre Eng⸗ länderin überlaſſen, bei der namentlich Kinder engliſch lernten ohne es zu wiſſen, und dafür Fräulein Louiſe nehmen, damit dieſe ihre Studien leite und ſie außer der Schule zur Arbeit anhalte.

Madame Dumont ging auf dieſen Vorſchlag des Fräuleins Cäcilie Belmare ſofort ein; und ich ich wurde kaum gefragt. Nichtsdeſtoweniger gab auch ich mich zufrieden, zumal da ich pekuniär mich verbeſſerte. Ich mußte meine Empfindſamkeit bei der Trennung von den Kindern, für die ich doch immer noch eine gewiſſe Zuneigung ſpürte, unterdrücken.

Es gab nichts Liebenswürdigeres als Fräulein Cäcilie; ich ſollte auf meine Unkoſten lernen, daß es nichts Unausſtehlicheres gab. Ihre Schönheit und ihre Reize verſchafften ihr ſchon eine Menge Anbeter, die zugleich wußten, daß es eine gute Spekulation ſei, dieſer reizenden Erbin den Hof zu machen. Einen von ihnen erſah ſie ſich zum Opfer aus und ich wars, in deren Nähe und an der ſie ihre Reize übte und probirte. Mit der köſtlichſten intereſſanteſten Laune ſprang ſie mir täg⸗ lich mehr als zwanzigmal an den Hals; ſie ließ mir keinen Augenblick Ruhe; ſie mußte bald ſpazieren gehen, bald ſich ſetzen, bald ſpielen, bald arbeiten, bald ſingen, bald lachen, bald gemüthlich plaudern: kurz jeden Au⸗ genblick gab's was Anderes. Selbſt bei Nacht hatte ich keine Ruhe; oft kam ſie in dem Augenblicke, wo ich mich zu Bett legte, ſetzte ſich aufs Bett und plauderte bis ſpät in die Nacht. Oft ſogar kam ſie unvermerkt, warf Alles durcheinander, rückte an den Möbelſtücken, öffnete alle Schränke, durchſuchte alle Winkel und Ecken, weni⸗ ger aus Neugierde als aus Eiferſucht. Hätte ich mich dem gegenüber irgend empfindlich zeigen wollen, ſo hätte ſie gewiß alles entſchuldigt und gut gemacht mit Schmeicheleien.

Wenn nur wenigſtens eine gewiſſe Regelmäßig⸗ keit in ihren Gewohnheiten ihrer Phantaſie einen Zügel angelegt hätte! Aber nein! Sie war vor Allem und in Allem jeder Qrdnung und Methode fremd und wie ſie zu Hauſe unbeſchränkt herrſchte, ſo war auch die Zeit des Aufſtehens, Schlafengehens, des Arbeitens und Ausruhens alle Tage verſchieden. Ich konnte auch das nicht ändern.

Ich ſprach von ihren Arbeiten; die gingen ihr alle leicht von der Hand, wie alles Uebrige. Sie hatte ein glückliches Gedächtniß und einen nicht geringeren Ideenreichthum. Freilich ſtudirte ſie ſehr wenig; dafür gab's aber täglich eine um ſo größere Anzahl von Leh⸗ rern: für Literatur, fremde Sprachen, Zeichnen, Malen, Tanzen, Schönſchreibeu, Vokal⸗ und Inſtrumentalmuſik 1861.

Erinnerungen. LXXXII.

u. ſ. w. Beim Unterrichte war ich immer zugegen und nahm mit Theil daran; auch hier hatte ſie ein geiſt⸗ reiches Mittel ſich ausgedacht, um nicht eine volle Stunde aufmerkſam ſein zu müſſen. Spielte ſie z. B. Piano, ſo hörte ſie plötzlich auf und ſagte: ‚Ich habe genug, lehren Sie es nur Louiſen, die wird mir' dann ſchon bei⸗ bringen. Und ſo ging's Tag um Tag faſt in jeder Stunde.

Du wirſt vielleicht finden, liebes Klärchen, daß Cäcilie mich doch für die Qualen, die mir ihre Flatterhaftigkeit bereitete, genugſam entſchädigte und daß die Exiſtenz mit ihr doch erträglich geweſen. Ach! ich verſichere Dich, mein Muth und meine Kräfte waren noch nie ſo geſunken. Wer nicht ſelbſt die Erfahrung gemacht, kann ſich ſchwerlich die Pein denken, welche ſolche Naturen, die das Privilegium jeglicher Initiative an ſich reißen, ihrer Umgebung bereiten. Sie iſt oft tödtlich; denn ſie gehen darauf aus, in ihren Opfern jedes Gefühl, jeden Gedanken, jeden Entſchluß, ja ſelbſt das Gewiſſen zu erſticken. Und wie unter dem Schatten der Cypreſſen und Fichten kein Gras, keine Blume, kein Strauch gedeiht, ſo entarten und werden Null die ſchwa⸗ chen Geiſter unter der Herrſchaft großer, die ihre Auto⸗ rität rückſichtslos gelt end machen.

So erging's auch mir; meine beſten Kräfte ab⸗ ſorbirte ſie; meine liebſten Erholungen durchkreuzte ſie, und ich ich war, wie nie vorher, ohnmächtig ihr gegenüber.

So vergingen zwei lange Jahre. Da heiratete Cäcilie. Wie bald hatte ſie meiner vergeſſen! Sie machte gleich nach der Hochzeit eine dreimonatliche Reiſe nach Italien; bei ihrer Rückkehr hatte ich ſchon eine neue Stelle angetreten; in ſechs Monaten ſchrieb ſie mir zweimal; ich antwortete; außerdem erhielt ich von ihr kein anderes Andenken als ein Armband, welches ſie mir bei der Geburt ihres erſten Kindes ſandte.

(Fortſetzung folgt.)

Sennenleben in den Alpen).

(Hiezu die Bilderbeilage:Waldkirchli.)

G

remdartig und halb ſagenhaft, faſt wie eine romantiſche Reminiscenz aus längſt vergangenen Zeiten, ragt die patriarchaliſche Alpenwirthſchaft in unſer modernes Jahrhundert herüber. Nach⸗ dem wir allenthalben den Landwirth und Oeko⸗ nomen des Flachlandes an den Fortſchritten der Neuzeit, an Erfindungen und Entdeckungen in den ihn berührenden Gebieten der Chemie, Mechanik und Phhſik lebhaft und mit Erfolg Antheil nehmen ſehen, nach⸗ dem er den Segen ſeiner Scheunen und die Schätze

*) Aus denAlpen in Natur⸗ und Lebensbildern von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble

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