Heft 
(1858) 11 11
Seite
351
Einzelbild herunterladen

kam der Frie

ſtand unſer wackere Schuhmacher mit dem glän⸗ zend gewichsten Stiefel vor dem General. Dieſer probirte ihn auch alſogleich, fand ihn meiſterhaft und ganz einer Pariſer Hand wür⸗ dig. Ein über das andere Mal rief er aus: Jen suis fort content, mon ami! Doch, wo iſt der andere Stiefel! Eocellenza! ſagte hierauf der Schuſter, den andern Stiefel dazu müſſen Sie ſich in Paris machen laſſen; ich wollte Ihnen blos einen kleinen Beweis von der Geſchicklichkeit der Schu⸗ ſter außerhalb Paris geben! 5. Und ſomit war er bei der Zimmerthüre hinaus. Der General, welcher bei weitem nicht ſo böſe war, als er ſich bärbeißig anzuſtellen wußte, lachte über das Point d'honneur dieſes Menſchen und erzählte bei ſchicklicher Gelegenheit Napoleon das komiſche Rencontre mit dem ehrgeizigen Mailänder. Napoleon, dem jeder ſcharfgezeichnete Char⸗ akter, ob in dieſer oder jener Sphäre iutereſſant war, ließ denn auch den Schuhmacher vor ſich bringen, unterhielt ſich mit ihm, und machte ihn beim Abgehen zum Unterſuchungskommiſſär der Schuhbekleidung für die ganze italieniſch⸗franzö⸗ ſiſche Armee. 4 Daß beide Parteien hiebei gut fuhren, läßt ſich nach dem von uns Erzählten und der allge⸗ mein bekannten und bewährten Ehrenhaftigkeit des Schuhmachermeiſters, der mit den Pariſer Fußbekleidungskünſtlern den Wettkampf einge⸗ gangen, wohl erwarten. 3 Heute aber noch zeigen drei hinter Glas und Goldrahmen wohl verwahrte eigenhändige Schrei⸗ ben des großen Kaiſers, welche in dem Fami⸗ lienzimmer des nun auch ſchon hinübergegange⸗ nen Mailänder Schuſters die Wände zieren, daß ihm derſelbe noch lange gewogen und freundlich geſinnt geblieben. Man muß ſich zu helfen wiſſen. Eines Tages, als der Zundelfrieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte und dachte:Ich will den Zuchtmeiſter nimmer wecken, und als ſchon auf allen Straßen Steck⸗ briefe voranflogen, gelangte er Abends in ein Städtlein an der Grenze. Die Schildwache am Thore fragte, wer er ſei und was er im Schilde führe.Könnt Ihr polniſch? fragte herzhaft der Frieder. Die Schildwache ſagte:Ich nicht. Es geht hier zu Lande nicht ſtark ab undes wird im ganzen Städtel ſchwerlich Jemand ſein, der kapabel wäre es zu dolmetſchen..Wenn das iſt, ſagte der Frieder,ſo werden wir uns ſchlecht gegen einander explieiren können. Hm, fuhr er fort, indem er auf die Uhr ſchaute, die er unter⸗ wegs noch an einem Nagel gefunden hatte,ſo will ich lieber noch ein paar Stunden zuſtrecken bis in die nächſte Stadt. Um 9 Uhr kommt der Mond. Der Thorhüter ſagte:Es wäre unter dieſen Umſtänden faſt am beſten, wenn Ihr gerade durchpaſſiret, ohne Euch aufzuhalten. Das Städ⸗ tel iſt nicht groß und war froh, daß er ſeiner los ward. Alſo kam der Frieder glücklich zum Thor hinein. Im Städtlein hielt er ſich nicht länger auf als nöthig war, einer Gans, die ſich auf der Gaſſe verſpätet hatte, einige gute Lehren zu geben.In Euch Gänſe, ſagte er,iſt keine gute Zucht zu bringen, Ihr gehört, wenns Abend iſt, ins Haus oder unter gute Aufſicht. Und ſo packte er ſie mit ſicherem Griff am Hals und mir nichts, dir nichts, unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekann⸗ ten geliehen hatte. Als er aber an das andere Thor gelangte, und auch hier dem Landfrieden nicht traute, ſchrie er drei Schritt vor dem Schil⸗ derhauſe:Wer da? Der Söldner antwortete in aller Gutmüthigkeit:Gut Freund! Alſo der glücklich wieder zum Städtlein uaus und über die Grenze.

Buntes Allerlei.

Durch dick und dünn.

Thomas IJefferſon, der berühmte Vater der demokratiſchen Partei in den vereinigten Staaten von Nordamerika, war hoch gewachſen, aber ſehr ſchmächtig. Dagegen der General Knox klein und ſehr dick. Beide Herren trafen eines Tages an der Thüre des Waſhingtonhauſes in Phila⸗ delphia zuſammen. Während ſie in der Straße ſich verbeugten und Jeder dem Andern den Vor⸗ tritt überlaſſen wollte, kam ein Herr Peters da⸗ her, der ſeines Witzes wegen berühmt war. Als dieſer merkte, was zwiſchen den Beiden vorging, nahte er ſich ihnen, ſah Einen nach dem Andern ſchlau an und ging dann raſch zwiſchen ihnen durch. Sich dann gegen ſie verbeugend, ſagte er:Entſchuldigen Sie, meine Herren, wenn

Einer in Eile jſt, geht er ſdurch dick und dünn. Naturphbloſophiſches Gedicht. Es ſchuf Natur im Morgenſchein Kaffeeliches Gewächſe, In Mittagsgluth den edlen Wein, Den Hopfen Abends un ſechſe.

Drum iſt es Regel der Natur, Trüh des Kaffees zu pflegen; Der Wein iſt Mittags an der Tour,

Das Bier vor'm Schlafenlegen.. Zwei Vexirſtückchen. Ein Mann hatte drei Töchter. Die erſte hieß Sibylle, die zweite Petronille, die dritte Schweigſtille. Gibſt Du auch Acht?Ja.

Wie hieß dann die dritte?Schweig ſtille. Der Erzähler ſchweigt.

Einmal fuhr ein Fuhrmann einen Todten über die Brücke. Als er halb hinüber war, hört er was krachen. Da fragt er: Was kracht da?

Da ſagte der Todte Nichts. Wunder über Wunder.

In Grönland werden die Menſchen häufig hundert Jahre und darüber alt; und doch gibt es dort keinen Arzt. Iſt das nicht wunderbar? Bei uns gibt es mehrere tauſend Aerzte und Mancher von uns wird doch hundert Jahre alt; iſt das nicht weit wunderbarer?

Anzeigen. In Wien las man unlängſt folgende komiſche Ankündigung:Es wird be⸗ kannt gemacht, daß am 8. künftigen Monats eine Auktion in meinem Hauſe von Butter ſtattfinden wird. Eine andere lautete:Ein Mann, der mit Anfertigung von Käſe ſehr gut Beſcheid weiß, bietet ſich als ſolchen an. Da hätten wir alſo einHaus von Butter und einenMann von Käſe, man brauchte nur noch eineEin⸗ richtung von Brod und einenBrunnen von Bier, und es ließe ſich dabei prächtig leben.

Unterſchied.Herr Kollege, ſagte ein witziger Doktor der Rechte zu einem Doktor der Medizin,was glauben Sie, was für ein Un⸗ terſchied zwiſchen mir und Ihnen iſt?O, verſetzte dieſer,ich weiß ihn, die Doktoren der Medizin machen kurze, und die der Rechte lange Prozeſſe. e A

Baskiſches Sprichwort:Ancho hat eine Seele voll Erbarmen; die Füße des geſtoh⸗

lenen Schweins gibt er den Armen. t. 9 Arabiſches Sprichwort:Wenn Du

den, deſſen Hilfe Du bedarfſt, auf einem Eſel reiten ſiehſt, ſo rufe:Ach, welch ein herrliches

Roß! 4

Buchſchau.

Jahrbuch deutſcher Belletriſtik auf

1859. Fünfter Jahrgang. Herausgegeben

von Sigfried Kapper. Prag. Carl Bell⸗ manns Verlag.

Es iſt zwar keine geringe Aufgabe, allen Anforderungen zu entſprechen, zu denen der ge⸗ nannte Titel des Buches die Leſer berechtigt, doch wer in dieſem Jahrbuche nicht ſowohl ein Abbild der deutſchen Belletriſtik nach ihren verſchiedenen Richtungen, als vielmehr ein intereſſantes Sam⸗ melwerk anſprechender Produktionen der Neuzeit ſucht, der wird nicht ohne Befriedigung in Bezug auf Wahl und Ordnung des Stpoffes dieſen neuen Band zur Hand nehmen, in welchem Na⸗ men wie Waldmüller, Schefer, Brachvo⸗ gel, Bodenſtedt, L. Foglar, Hansgirg, Lorm, Rodenberg, Seeger, A. Stern, A. Glaſer, Ida von Düringsfeld und Max Ring durch Novellen und Gedichte in

reicher Abwechslung vertreten ſind.

Unter den Novellen iſt unbedingt jener von Waldmüller:Sechs Tage ſollſt Du arbei⸗ ten, der Vorzug zu geben. Auf dem Grunde einer ernſten ſittlichen Wahrheit entwickelt ſich wohl gegliedert, mit liebevollem Eingehen in's Detail die ſpannende Erzählung. Wer Sche⸗ fer's Styl zu überwinden vermag, wird auch im Glasfabrikant des Sinnigen und warm Em⸗ pfundenen genug finden, das den Verfaſſer des Laienbreviers dem deutſchen Leſepublikum lieb und werth machte. Adolf Glaſer's Märchen: Der eiſerne Ring kann auf den Beifall jener Leſer zählen, die nur vielbewegte Handlung und raſchen Farbenwechſel lieben, währendEin Mann des Wollens, von Ida von Dürings⸗ feld, Alle intereſſiren wird, die eine leichte und pikante Weiſe des Erzählens, auch wenn ſie brei⸗ ter wird, anſpricht.Ein Aktienkönig des vori⸗ gen Jahrhunderts, von Max Ring, behan⸗ delt einen intereſſanten Stoff, der trotz etwas flüchtiger Ausführung zu feſſeln geeignet iſt. Unter den poetiſchen Spenden des Jahrbuches iſt manches Treffliche, das eine dauernde Anerken⸗ nung verdient.

Die Ausſtattung des Buches, welches uns das Porträt Brachvogels bringt, iſtage⸗

ſchmackvoll. Carl Bellmanun'sIlluſtrirter Kalender auf das Jahr 1859. Vierter Jahrgang.

Der Raum erlaubt uns nicht, auf den In⸗ halt dieſes reichhaltigen Kalenders ſpeziell einzu⸗ gehen.

Außer dem Kalendarium und den üblichen Kalenderrubriken wird in ſorgfältiger Auswahl eine wahre Muſterſammlung poetiſcher, novelli⸗ ſtiſcher und belehrender Lektüre geboten. Aus der letzteren iſt der AufſatzZum Geſundweſen und Dr. Th. Pislings:Zur Geſchichte des Geldes und der Währungen mit beſonderer Rückſicht auf Oeſterreich hervorzuheben. Unter den vielen Holz⸗ ſchnitten, die außer einem Stahlſtiche noch den trefflich ausgeſtatteten Kalender zieren, ſind einige von künſtleriſchem Werthe.

Studentenfahrten. Von Fr. Friedrich. Jena, Verlag von Otto Deiſtung, 1858.

Dieſes unterhaltende Buch wurde denalten luſtigen Jenenſer Burſchen bei Gelegenheit der dreihundertjährigen Jubelfeier Jenas gewidmet. Es enthält heitere Reminiscenzen an das flotte Burſchenleben, wie ſich dasſelbe vor einem oder zwei Jahrzehnten in Jena, Halle und Göttingen zeigte. In einer Reihe humoriſtiſcher Genrebil⸗ der, die hie und da mit neuen Burſchenliedern durchflochten iſt, wird das fidele Treiben der Muſenſöhne von dem Noviziate des Fuchsthums angefangen bis zum Eintritte ins Philiſterium in behaglich derber Weiſe geſchildert.