Heft 
(1858) 8 08
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Du ſieh'ſt die Rieſin niederſteigen, Aufrollen des Gewandes Falten; Du lernteſt Dich vor den Gewalten Der Welt in Demuth früh ſchon neigen.

Oft nahm Dein Vater Dich, den Knaben, Mit ſich, wann er die Runde machte, Wann er die theure Stadt bewachte,

Und ließ Dein junges Herz ſich laben

Im Niederblick auf reiche Auen, Geſegnet von des Herren Händen, Du konnteſt an der Berge Wänden Das munt're Grün der Wälder ſchauen.

Dein Vater ſtarb, auch auf die Bahre Haſt Du Dein treues Weib gebettet, Eng hatte Dich mit ihr verkettet Der Liebe Bündniß am Altare.

Du denkſt an die Entſchlaf'ne eben, Zum Friedhof wendeſt Du die Blicke, Und Thränen weih'ſt Du einem Glücke, Das von Dir ſchied mit ihrem Leben.

Zum Himmel blickſt Du, führſt zum Munde Die Flöte, und als müßte hören Dein todtes Weib von Deinen Chören, Bringſt Du ihr weiche Liebeskunde.

Das iſt das Lied, das tief empfunden Mein Herz, ſo oft ich's auch vernommen, Wie Mahnung will mich's überkommen Aus alten heimgegang'nen Stunden.

So, mein ich, wird es nach dem Tode Mit unſ'ren Seelen auch geſchehen, Daß ſie die kleine Erde ſehen Im ſtill erblühten Abendrothe.

Da wird an ſie das Amt gegeben, Den Erdenſchlummer aller Müden Als treue Wächter zu behüten,

Und ihre Stätte zu umſchweben.

Und gleich wie Du zur Abendſtunde Ertönen läſſeſt weiche Lieder, Ertönt Geſang zu uns hernieder Aus dieſer ſel'gen Engel Munde.

So denk' ich oft, wenn ich Dich höre, Allein noch wandelnd in den Gaſſen. Noch oft magſt Du mich hören laſſen Dein Lied, Thurmwart, zu Gottes Ehre.

Michelet;, J., P'insecte. Paris, 1858. L. Hachette et Comp.

So lautet der ebenſo einfache als anſpruchs⸗ loſe Titel eines Werkes, das unter der Menge der populär⸗naturwiſſenſchaftlichen Erſcheinungen der neueſten Zeit unſtreitig obenan geſtellt zu werden verdient. Der Verfaſſer derſelben iſt der bereits als Hiſtoriker ſehr geſchätzte Michelet, der uns ſchon vor etwa zwei Jahren mit einem ebenſo intereſſanten Buche:L'oiseau beſchenkte, das ſich in ſeiner ganzen Ausführung dem oben⸗ erwähnten eng anſchließt und eine ſo allgemeine

Theilnahme hervorrief, daß nicht nur das Ori⸗ ginal drei Auflagen erlebte, ſondern auch eine

in Berlin verauſtaltete Ueberſetzung, unter dem TitelAus den Lüften, deren Widmung Ale⸗ xander von Hum boldt annahm, die ausge⸗ dehnteſte Anſprache fand. Beide genannten Schrif⸗

ten durchweht jene Gemüthswärme und ruhig⸗

heitere Beobachtung, die nur aus einer ſo unbe⸗ fangenen Naturanſchauung hervorgehen kann, wie ſie dem Autor eigen iſt. Er führt den Leſer mit mei⸗ ſterhafter Sprache und ſpannender Darſtellungs⸗ gabe hinauf zu den Sängern der Lüfte und hinab bis in die tiefſten Wohnungen der Inſekten, er

ſchildert uns die mit bewundernswerther Ausdauer ſtudirten Charaktere dieſer Thiere und deren Ver⸗ hältniſſe ſowohl zu einander als auch zum Men⸗ ſchen. Wir müſſen oft ſtaunen, wie es möglich war, jeden Zug des meiſt ſo verborgenen, für den oberflächlichen Blick kaum bemerkbaren Trei⸗ bens, namentlich der Inſekten, ſo klar zu faſſen und auf ſo entſprechende Weiſe wieder zu geben. Es wird hier von Intereſſe ſein zu bemerken, daß den Verfaſſer bei dieſen ſcharfen Beobach⸗ tungen ſeine Gattin unterſtützte, welche mit un⸗ verdroſſenem Eifer und jenem dem Weibe ſo ei⸗ enthümlichen richtigen Blicke im Geiſte ihres annes die Natur in ihren geheimſten Winkeln zu belauſchen wußte. Mit der Vorausſetzung, daß es unſern Leſern willkommen ſein wird, ſich von dem oben Geſagten ſelbſt zu überzeugen, geben wir aus dem oben erwähnten Buche die gewiß allgemein intereſſante Schilderungder Spinne, und werden ſpäter findet dieſe Ueber⸗ tragung den erwünſchten Anklang noch Eini⸗ ges aus dem Werkeder Vogel nachtragen. K. Cz. von Cle⸗

Licht und Schatten. Novellen. Zweite

mens Ritter von Weyhrother. Auflage. Prag. 1858.

Das Buch enthält vier Novellen. Die erſte, Die Erſcheinung, behandelt in anziehender Weiſe eine Kur durch Myſticismus. Der Arzt iſt der Bergrath Fernhall, der Kranke der gei⸗ ſtig zerrüttete Baron Sonden, der in Folge verkehrter Erziehung um Glauben und Ruhe gekommen iſt. Der Bergrath, welcher von dem Gedanken ausgeht,wer nichts glaube, müſſe endlich jeden Unſinn für wahr halten, denn ohne Glauben ſei das Leben nicht auf die Länge zu ertragen, baut nun auf den Myſticismus ſein Heilungsſyſtem und läßt dem durch myſtiſche Lek⸗ türe genugſam vorbereiteten jungen Manne im nächtlichen Geiſterſpuk das Bild ſeiner Tochter, die er ihm früher verleugnete, erſcheinen,um den Feind in Emils Hirn von allen Seiten an⸗ zugreifen und endlich durch die Liebe gänzlich herauszuſchlagen. Daß dieſe ſonderbare Kur glücklich gelungen ſei, nun wir wollen es dem Verfaſſer in dieſem Falle glauben. In der zwei⸗ ten Novelle:Das Manuſkript, greift das Gei⸗ ſterleben wirklich, wenn auch blos mittelſt eines Traumes, in die Handlung ein und bewirkt die ſchließliche Verſöhnung. Ein junger Dichter, der ſein Leben im poetiſchen Schaffen verzehrte, nimmt das Manuſkript ſeines Trauerſpiels, deſſen Vor⸗ leſung in einem literariſchen Salon bei Niemand außer der Geliebten Intereſſe erregte, mit in's Grab. Ein Freund, der das Werk der Verwe⸗ ſung entreißen will, ſchläft auf dem Grabeshügel ein und träumt von dem Verſchiedenen, der ihm ſeine Vollendung als Dichter in jener Welt ver⸗ kündet und gegen den Frevel am Grabe proteſtirt.

Wenn man in der dritten Novelle die Ironie und die ſatyriſche Zuſpitzung überſieht, ſo mag es ſeltſam genug erſcheinen, daß Jemand in eine hübſche Gliederpuppe ſich verliebt, aber alsbald wie⸗ der von ſeinem Furor geheilt wird, ſobald er wahr⸗ nimmt, daß das, was er für Kautſchuk hielt, wirkliches Fleiſch und Blut iſt. Die recht leben⸗ dig geſchriebene vierte Novelle:Die Druſin, zeichnet ſich durch eine ſorgfältige Anwendung von Lokalfarben aus und hat einen überraſchen⸗ den Schluß. Freunde anſprechender Lektüre können in dem Büchlein ihre Rechnung finden.

Auflöſung der Worte, Wahr⸗ und Sprichworte im Nebus. VI. Aller Anfang iſt ſchwer.

Auflöſung des Preis⸗Rebus im Junihefte derErinnerungen:

Im ſchönen Oeſterreich ſind viele, dar⸗ unter große Städte, deren Einwohner in⸗ duſtriös ſind, Handel und Gewerbe treiben; und das Königreich Böhmen hat hierin den meiſten Vorzug.

Worte, Wahr⸗ und Sprichworte im Rebus.

Von E. G. 11 (

VIII.* tat 94

A Rebus.*)

X‿ Von Schauer.

8

V

*) Die Namen derjenigen P. T. Herren und Da⸗ men, welche uns die richtige Löſung bis zum 10. Sep⸗ tember eingeſandt haben, werden im 10. Hefte genannt.

Redigirt unter Verantwortlichkeit des W. Ernſt

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