12 Herztroſt.
Madame de Caſtro, Madame Behrens, haben Sie es gehört? Die Wind ſeien uns ginſtig!“
Während deſſen hatte die Venus aus dem Hafen in die freie Elbe hinausgeholt. Es wehte ziemlich ſcharf, und ſo kamen wir trotz der Plumpheit des Fahrzeuges einigermaßen vorwärts. Das gelbliche Fräu⸗ lein und Madame Roſenbaum hatten mich in ein Geſpräch verwickelt und forſchten auf's genaueſte nach meiner Familie und dem Zweck meiner Reiſe. „Es iſt ein Kind von feinen Eltern, ich hab's geſehen ſofort,“ hörte ich, nachdem ich ein wenig zur Seite gegangen war, das Fräulein ſagen.— „Und woran haben Sie geſehen das gleich, Fräulein Wolfſohn?“ fragte Madame Roſenbaum.—„Nun, an das Hemde, es iſt von feiner Osna⸗ brückſcher Leinewand.“—„Und ich hab's auch geſehen ſofort, aber an etwas anderem,“ erwiderte die ältere Dame.—„Und woran, Madame Roſenbaum?“—„Nu, an den Anſchſtand, an die Sprache und an die ganze savoir faire. Sagen Sie einmal, Fräulein Wolfſohn, finden Sie nicht etwas Großes von Aehnlichkeit zwiſchen dieſem jungen Menſchen und meinem Itzig? Sagen Se g'rad heraus, ſinden Sie es nicht?“—„Nun, Madame Roſenbaum, Ihr Itzig iſt ja brünett, iſt ja ganz dunkel und hat ſchwarze Augen, und dieſer junge Menſch iſt ja blond?“—„Das iſt bloß ein Unterſchied in die Couleur. Kann man nicht aber haben den⸗ ſelben Stoff in die verſchiedenſte Couleur? Der Atlas iſt ſchwarz, iſt weiß, iſt grien, iſt roth; wenn es aber nur ein Atlas iſt, ſo iſt es in jede Couleur ein Atlas.“
Das Waſſer ſchlug jetzt ſchärfer gegen die Planken des Schiffes. Ich konnte dem Wunſche mich einmal oben umzuſehen, nicht länger wider⸗ ſtehen und ging auf's Deck. Ein Blick zeigte mir, daß der Wind nach Norden geſprungen war; wir ſegelten alſo nur mehr mit drei Achtel Wind. Uebrigens ſah es hier oben ganz gemüthlich aus. Herr Steinkroß hatte das Steuer mittelſt eines Taues an den Beſahnmaſt befeſtigt und ſtand, die große Geneverkruke unter dem linken Arme haltend, neben zwei jun⸗ gen Mädchen, die, wie ich ſpäter erfuhr, Schweſtern waren und in A. ein kleines Putzgeſchäft beſaßen.„Minka, Se ſünd en ganzes ſäutes Mäken (ſüßes Mädchen),“ ſagte gerade der friſchwangige Seemann, und dabei faßte er das Kinn der jungen Dame, die in der That nicht häßlich war. —„O, Kapitän, laſſen Sie das doch,“ erwiderte Minka, welche mein Kom⸗ men gewahrte, indem ſie die Hand des Schiffers fortſchob,„Sie meinen


