Jahrgang 
2 (1864)
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Herztroſt.

beitete ſie, aber dies diente nicht dazu ihren Gram zu zerſtreuen. Abends ſaß ſie oft lange, um das Licht zu ſparen, im Finſtern, und dann ſtrickte ſie mit ungemeiner Fingerfertigkeit. Bei dieſer: Beſchäftigung nahm ihr Geſicht oft einen ſehr ernſten, zuweilen ſelbſt ſehr traurigen Ausdruck an. Was fehlt dir, Mutter? fragte ich dann wohl, der ich auf meinem Schemelchen ihr zu Füßen ſaß, und umfaßte dabei ihre Kniee.Kind, Kind, ich ſorge! war dann die ſtete Antwort, und ſchmiegte ich mich darauf feſter an ſie, ſo ſchob ſie mich leiſe von ſich und ſagte:laß mich! Ich habe keine Zeit mit dir zu ſpielen, ich muß für euch arbeiten. Guſtav und Karl haben die neuen Strümpfe ſchon wieder entzwei gelaufen. Dieſe ſind für dich. Du haſt kaum ein Dutzend, die noch im rechten Stande wären. Als ich einige Jahre ſpäter das Gedicht von Herder:Einſt ſaß die Sorge am Strome des Lebens für die Schule zu lernen hatte, da konnte ich mir dieſe Schafferin des Menſchengeſchlechtes nicht anders denken, als gekleidet in ſchwarzen Bombaſſin, ein Strickzeug in ihrem Schooße liegend.

Meine Mutter war der Anſicht, daß eine ſtrenge Schule den Knaben, namentlich den vaterloſen, ſobald ſie etwas älter geworden, erſprießlich, ja nothwendig ſei. Von meinem zweiten bis zu meinem ſiebten Lebens⸗ jahre hatten mich Herr Norehn und ſeine Tochter mit den Elementen der Wiſſenſchaften geäzt, und ich galt den beiden guten Leuten für einen Hauptſchüler, und wenn Herr Paſtor Rautenberg einmal die Schule viſi⸗ tirte, ſo war ich derjenige, der hauptſächlich ſeine Künſte vorzumachen hatte. Als ich aber das ſiebte Jahr erreicht, wurde die Norehn'ſche Schule und ihre Zucht nicht mehr ausreichend für mich erachtet, und ich ward derjenigen des Herrn Unvernünftig, welche damals in Hamburg eines be⸗ deutenden Rufes genoß, übergeben.

Das Schulgeld in dieſer Schule betrug für das Jahr vierzig Thaler, und etwa hundertvierzig Kinder beſuchten ſie damals. Rechnet man hinzu, daß der Werth des Geldes zu jener Zeit ein bedeutend größerer war als zu unſeren Tagen, ſo kommt als Facit, daß die Einnahme des Herrn Unvernünftig aus der Schule keine ganz unbeträchtliche war. Dennoch hielt Herr Unvernünftig nur einen Hülfslehrer, einen blitzjungen, ſtets in Pfeffer und Salz gekleideten Mann, den Herrn Februarius, welcher dieſen Namen empfangen hatte, weil er einſt im gleichnamigen Monate dem Hamburger Waiſenhauſe als Findelkind zugefallen war. Dort hatte er auch ſeine