Jahrgang 
2 (1864)
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Von C. W. Stuhlmann. 3

vorbereitenden Studien gemacht, und auch nur von dort aus hatte er ſich die Welt angeſehen, bevor er derUnvernünftigen Schule als Unterzucht⸗ meiſter beigefügt wurde. Herr Februarius bezog außer freier Station jährlich baare hundert Thaler.

Neben dem Herrn Schuldirector und dem Herrn Februarius wirkten noch weibliche Kräfte für dies höhere Lehrinſtitut. Madame Unvernünftig ſprang, Gottlob! nur zeitweilig in die Bucht; für gewöhnlich band ein guter Genius der Kinder ihr die Hände durch Gicht, Rheuma und anderweitige ſchmerzhafte Gebrechen. War ſie aber auf den Beinen, ſo gab es Seufzer⸗ tage, namentlich für uns kleinere Knaben. Sie war kurz, knollig, ver⸗ wachſen nach allen Himmelsrichtungen und hatte dabei ſtruppiges, graues Haupthaar, und um einen ungeheuren, zahnloſen, ſtets höhniſch blecken⸗ den Mund einen Bart wie ein Grenadier. Alle Augenblicke ſtopfte ſie ſich die Naſe voll Schnupftabak, wie ſie ſagte, um mittelſt desſelben die Feuchtigkeiten von ihren rothränderigen Augen abzuleiten. Von Perſon ſchon ein Unhold, war ſie es noch mehr von Gemüth. Es war ihr eine Freude wehe zu thun, ſie hatte eine ächte Henkersſeele. Matthias Schmidt war ein langer, hochaufgeſchoſſener, fünfzehnjähriger Knabe. Einſt kam ihr das Gelüſt demſelben eine Ohrfeige zu appliciren, jedoch ihr Arm vermochte nicht die Backen des Knaben zu erreichen. Da ſchleppte ſie mit ihren verrenkten Gliedern ſich einen Schemel herbei, kletterte unter müh⸗ ſeligem Aechzen hinauf und mit wahrer Wolluſt begann ſie nunmehr zu klapſen.

Noch zwei andere Damen ſchulmeiſterten an uns herum. Das waren Mamſell Kaak und Mamſell Borchers. Letztere war eine gute, ſanfte Seele, die ſelber nie wehe that und ſich ſogar oft heimlich beſtrebte, die Wunden zu heilen, welche ihre Collegen und Colleginnen ſchlugen. Aber gerade deßhalb ward ſie auch von dieſen auf's unbarmherzigſte geaſchenbrödelt, geſchuhriegelt und chicanirt, und hätte ſie nicht neben ihren Schulpflichten noch das ganze Haushaltungsweſen beſorgt, und dieſes war beträcht⸗ lich, da eine Menge Penſionaire, größtentheils von den ſpaniſchen Antillen ſtammend, ſich im Hauſe befanden, ſo würde ihr ſicher bald der Ab⸗ ſchied gegeben worden ſein. Doris Kaak, die andere Dame, paßte da⸗ gegen, als ſei ſie beſonders dazu bei dem Verfertiger beſtellt worden, in dieſes Haus. Sie war groß, dick, fett, hatte unter einer mächtigen Ha⸗ bichtsnaſe bedeutende Hängebacken und ein feiſtes Kinn, an das ſich ein

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