Herzt r o ſt.
Eine Geſchichte aus Norddeutſchland.
von
C. W. Stuhlmann.
Erſtes Kapitel.
Wie es kam, daß ich meinte, die Sorge ſei in ſchwarzen Bombaſſin gekleidet und ſtricke baumwollene Strümpfe.— Wie Madame Unvernünftig es ermöglichte den langen Matthias Schmidt zu ohrfeigen.— Ein Aderlaß und ein aus⸗ geſchlagenes Auge haben erfreuliche Folgen für mich.
Meiner Kindheit ward das Glück nicht mit Scheffeln gemeſſen. Mein Vater war Prediger in Hamburg; er ſtarb in der Kraft ſeiner Jahre, in⸗ mitten der Achtung und Verehrung ſeiner Mitbürger und ſeiner Gemeinde, wenige Monate nachdem ſeine gelehrten Forſchungen ihm den Doctortitel der Gottesgelahrheit gebracht hatten. Ich war das jüngſte einer anſehn⸗ lichen Reihe von Kindern. Als mein Vater auf der Bahre lag, trug man mich auf dem Arm. Meine erſten Schritte in die Welt hinaus machte ich in Trauerkleidern.
Meine Mutter hätte vielleicht in ihrem Wittwenſtande mehr von der Vergangenheit zehren ſollen, als ſie that. Vielleicht aber auch that ſie dies zu ſehr, und indem ſie ſtete Vergleiche anſtellte, ſchmeckte die Gegen⸗ wart ihr bitterer, als dies vielleicht der Fall geweſen wäre, wenn die früheren Tage nicht ſo ſüße in ihrem Gedächtniſſe geweſen. Nach Ver⸗ lauf eines Jahres legten wir Kinder die Trauerkleider ab; ſie aber behielt dieſelben ſtets bei. Anders als in ſchwarze Wollenſtoffe gekleidet, vermag
ich meiner Mutter mich kaum zu erinnern. Unausgeſetzt ſchaffte und ar⸗ Hausblätter. 1864. II. Bd. 1


