184
Die Camarilla in Spanien.
— Weil ich dann eben nur dies ſein könnte, während ich jetzt— Arzt bin!
— Sie ſprechen in Räthſeln!
— Ich meine, Majeſtät, daß ich nicht weiß, ob ich als Miniſter der Menſchheit nützen würde, wogegen ich deſſen gewiß bin, ſo lange ich mei⸗ nem Berufe folge. 1
Ferdinand, ſichtlich unangenehm durch dieſe
Worte berührt, verzog den Mund, ſagte jedoch zu
Salo nichts weiter und beſtätigte die ihm vorge⸗ ſtellten Miniſter in ihrem Amte. Hiernach folg⸗ ten noch verſchiedene Ernennungen und Beloh⸗ nungen, ohne daß dabei der Urſache oder der
elegenheit, wodurch dieſelbe erworben, erwähnt wurde. Ferdinand ſchien dies gefliſſentlich zu ver⸗ meiden, und ſomit wagte auch ſonſt Niemand, daran zu erinnern.
„Als indeſſen die Geſchäfte beendet waren, rief der König den Polen und Don Salo zu ſich heran.
— Sie haben eine Nichte! ſagte er zu dem Doktor.
— Ja, Majeſtät! antwortete jener.
— Es iſt dies die Tochter Roſas' von Sa⸗ ragoſſa!
Salo verneigte ſich.
— Wir ernennen dieſelbe hiermit zur Gräfin Roſas von Saragoſſa und dieſen Herrn hier zum Grafen von Alkala. Ich glaube, dieſe Namen werden ſich gut vereinigen laſſen.
Salo und Krakowsky verneigten ſich, ſchwie⸗ gen jedoch und der letztere erröthete nur.
— Nun, meinte der König, war denn das Gerücht falſch, das mir zu Ohren gekommen?
Jetzt ermannte ſich der junge Pole und ent⸗ gegnete:
— Nein, Majeſtät—
— Gut denn, ſo werden Sie uns heut Nach⸗ mittag Ihre Braut vorſtellen.
Ferdinand war ſelten ſo überaus leutſelig und gnädig geweſen und jeder, der dem Staatsrathe beigewohnt hatte, ging beglückt und auf die Zu⸗ kunft vertrauend davon. Der König begab ſich zur Königin, die übrigens bisher noch nichts von dem Vorgefallenen wußte.
Inzwiſchen war denn auch die Hauptſtadt
Madrid, oder vielmehr waren ihre Madrilennos, ein Völkchen, nicht ſo beweglich, wie die Pariſer, aber auch nicht ſo ernſt, wie die Bewohner Lon⸗ dons, doch weniger ruhig, als das Volk Wiens, aus dem Schlummer erwacht, um mit dem Auf⸗ gange der Sonne das neue Jahr zu begrüßen.
Jene hatte ſich indeſſen ſehr trübe über den Horizont empor geboben und verkündete einen ebenſo beſchaffenen, wenn nicht rauhen Tag.
Dennoch waren die Straßen bald belebt, um nach Sitte aller Völker, welche ſich zum Chriſten⸗ thum bekennen, Bekannten, Freunden und Ver⸗ wandten ihre Neujahrs⸗Gratulationen darzu⸗ bringen.
Jedoch bald ſtockten dieſe in einander ver⸗ ſchlungenen und ſich verſchlingenden Menſchen⸗ ſtröme, um zu ſtehen, gleichſam wie ſich Waſſer, von verſchiedenen Seiten bewegt, feſtſtellt, weil die damals offizielle oder Staats⸗Zeitung Ma⸗ drids erſchien.
Dieſe aber beſtand zu jener Zeit aus nichts anderem, als aus einem Exemplare unſeres Ge⸗ ſchlechts, verſehen mit Kleiſter und Spatel und rieſigen Proklamationen, die es an die Straßen⸗ ecken, Bäume und Säulen klebte, und eine ſolche Geſtalt am erſten Tage des Jahres im Amte zu ſehen, ließ auf ein Ereigniß von Bedeutung ſchlie⸗ ßen, und dieſer Schluß zeigte ſich auch als rich⸗ tig, da die lebenden und eilenden Aviſen ſtets zwei Bekanntmachungen anklebten.
Man ſtand alſo, wie geſagt, erſt überall einen Moment, und begab ſich dann in die Nähe jener Proklamationen, um dieſelben zu leſen. Die erſte lautete:
„Um das Wohl des Landes zu fördern, iſt von Uns befohlen, das bisherige Staats⸗ miniſterium aufzulöſen und zu entlaſſen. Zu⸗ gleich haben Wir den Herzog San Fernando beauftragt, ein neues Miniſterium zu bilden, und auf ſeinen Vorſchlag auch bereits die Se⸗ kretaire der einzelnen Verwaltungszweige er⸗ nannt.
Gegeben im Schloſſe zu Madrid, den
1. Januar 1820. Ferdinand.
Gegengezeichnet: Fernando.“
12
4
———
—


