Kheinsberg. 13
der an reellere Dinge dachte, ſagen Sie uns,
was ſind das für Gäſte in dieſem Schloß, deren Geſang wir vorhin gehört haben?
— Gäſte? Ich weiß es nicht, antwortete das Mädchen. Ich habe keine Gäſte geſehen. Wohl habe ich in der letzten Zeit fremde Stimmen ge⸗ hört und fremde Männer geſehen, aber ich weiß nicht, ob es unſere Gäſte ſind, und wenn ſie es ſind, was ſie bei uns wollen.
— Das iſt doch ſonderbar! murmelte Bud⸗ denbrock vor ſich hin. Das kommt mir nicht richtig vor. Sie ſollte das nicht wiſſen? Doch wenn ſie uns nur ſagte, wo der Kronprinz iſt, das Ubrige iſt gleichgültig. Ich bin nur froh, daß ſie nicht bei ihm iſt, denn ſonſt käme er die erſten zwölf Stunden nicht zurück. Zum Teufel Fouqué, ſo frage ſie doch auch— was ſtarrſt Du ſie an?
Der Angeredete ſchien ſich beſinnen und der Forderung ſeines Freundes genügen zu wollen. Aber jetzt rief das junge Mädchen! der Vater ruft mich!— und verſchwand vom Fenſter.
— Nun, wirſt Du daraus klug? fragte Bud⸗ denbrok. Sage mir Deine Anſicht, Mann, denn ich meinerſeits komme mir vor, wie Einer, der einen halben Tag geohrfeigt worden iſt und nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf ſteht. Sprich, was denkſt Du, Menſch?
— Frage mich nicht! rief Fouqué mit einem ſo gequälten Geſicht, daß ſelbſt Buddenbrok be⸗ merken mußte, er ſei jetzt für Alles Andere ver⸗ loren. Ich bin bezaubert, ich weiß nicht, was mit mir vorgeht. Ich weiß nur, daß es ein himmliſch ſchönes Mädchen iſt.
— Ach was, himnliſch ſchön! rief Budden⸗ brock. Sie iſt eigentlich daran Schuld, daß wir dieſes Hexenneſt betreten haben. Nun, wie Gott will, ich ſehe wohl, daß hier meine menſchliche Vernunft nicht mehr ausreicht. Aber das weiß ich, daß ich nicht zu dem Alten zurückkehre, ohne den Kronprinzen. Lieber gehe ich zu den Fran⸗ zoſen oder ſchieße mich todt!
Fouqué achtete nicht viel auf dieſe Aeuße⸗ rungen Buddenbrok's, der in allem Ernſt zu verzweifeln ſchien, ſondern ſetzte ſich auf eine Bank, im Schatten eines breitwipfligen Baumes,
und verſank in tiefe Träumereien. Buddenbrok ſetzte ſich neben ihn, und als ob er glaube, daß Gefahr im Anzuge ſei, zog er ſeinen Degen und hielt ihn vor ſich. Da er aber weniger zu Träumereien hinneigte, als ſein älterer Freund, und da bei ihm gewöhnlich wirkliche Träume an die Stelle der halbwachen Phantaſieen traten, da es außerdem auch ſehr ſchwül und er von dem langen Ritt ermattet war, ſo verſank er bald in einen geſunden und feſten Schlaf und träumte ganz reell davon, daß er mit dem ſchönen Locken⸗ kopf eine Sarabande tanze und ſie ihn für das nächſte Menuett engagire, während der Kronprinz und Fouqué ſich gegenſeitig in feinen Verbeugun⸗ gen und anmuthigen Pas ſchulgerecht bekompli⸗ mentirten.—
Unterdeſſen ſpielte der Kronprinz in Wirklich⸗ keit nichts weniger, als die Rolle, die ihm Bud⸗ denbrok in ſeinen Träumen zutheilte, und dachte an nichts weniger, als an Komplimente und Sarabanden. Auch er glaubte zu träumen, aber auf eine ganz andere Weiſe.
Er war von einem jähen Schreck ergriffen worden, als der Fußboden plötzlich unter ihm wich und er pfeilſchnell in die Tiefe ſchoß. Selbſt der Ruf der Ueberraſchung erſtarb auf ſeinen Lippen und es ſchwindelte ihm vor den Augen. Es war ihm auch, als ob er fiele und gehalten werde. Aber als er wieder allein und auf ſeinen eigenen Füßen ſtand, und die Augen aufſchlug, ſah er, daß er ſich in einem faſt dunklen Raume befand, ſcheinbar ganz allein.
Aber er war weder allein, noch war der Raum ganz dunkel, wie er bemerkte, nachdem er ſich eine halbe Minute lang ſcheu umgeſehen. Das Zimmer, in dem er ſich befand, war aller⸗ dings nur durch eine Art von Dämmerung er⸗ hellt und nur wenig Licht fiel durch die dunkel⸗ grünen Vorhänge, mit denen die Fenſter geſchloſſen waren. Aber Friedrich konnte doch die Gegen⸗ ſtände im Zimmer deutlich erkennen. Sie be⸗ ſtanden vor allen Dingen in einer Bibliothek, die ſich rings an den Wänden hinzog, aus einer Menge von mathematiſchen, aſtronomiſchen und phyſikaliſchen Inſtrumenten, die zwiſchen den Büchern und auf dem Fußboden ſtanden, in


