5 Der Stern Amerika's.
ſchien durch die Kunſt noch veredelt zu ſein. Der Inhalt ſeines Liedes, den deutſche Laute in ihrer ſeltſamen und doch ſo ſchönen Form kaum wiederzugeben vermögen, war ungefähr der folgende:
Mein ſüßes Lieb! Von allen Sternen am Himmel der Liebe ſtrahlſt Du leuchtend, wie der Abendſtern.
Sanſt und ſchmachtend lockſt Du das Auge des Sehnenden zu Dir hinüber, wie die reine, ſanft ſchimmernde Nymphäa auf dem dunklen Spiegel des blauen Sees das Herz des einſam träumenden Wanderers.
Der Abendſtern iſt untergegangen auf Ita⸗ liens ſchönen Fluren. Im Morgen taucht er auf mit neuem Glanze. Das Herz des Sän⸗ gers iſt ihm gefolgt über die blauen Wogen der Adria, und an Illyriens ſteilen Küſten richtet er nun ſeufzend den Blick zu Dir empor.
Du holder Stern, wann wirſt Du wieder leuchten über die heimathlichen Fluren? Und wann wirſt Du dem Sehnenden die Himmels⸗ leiter reichen, auf der er emporklimmen kann zum Paradieſe?
O thu' es bald! Sonſt löſt die ſehnende Seele ſich von der irdiſchen Hülle, und frei und feſſellos ſchwingt ſie ſich empor, um ewig in Deinem Glanze zu ruhen!“—
Joannina lauſchte in einer Art Verzückung den Tönen, die jetzt allmälig verklangen, und denen einige klagende Griffe auf der Guitarre folgten. Sie war bis auf den Balkon geeilt, und ſich über die Brüſtung legend, ſtand ſie re— gungslos da, ganz Ohr. Dann ſprang ſie plötz⸗ lich zurück, und laut in die Hände klatſchend, hüpfte ſie jubelnd wie ein Kind durch das Zimmer.
Die Stirn des Raths war noch düſterer, ſein Blick noch mißtrauiſcher geworden. Joan⸗ nina's Freude ſchien ihm wirklichen Verdruß zu machen.
— Das ſind ja ſchöne Geſchichten! rief er dann unmuthig. Seit wann drechſeln denn die Morlacken⸗Burſchen italieniſche Canzonetten? Und was noch beſſer iſt, Joannina, Sie ſcheinen den Sänger zu kennen, und am Ende gilt Ihnen ſogar dieſe Serenade? Nun, Signora?
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Aber die Signora Joannina ſchien durchaus nicht Willens, ihrem mißmüthigen Beſchützer zu antworten. Lachend und jubelnd hüpfe ſie rings um den Rath her. Dann ergriff ſie plötzlich ihre Guitarre und eilte auf den Balkon zu. Es war kein Zweifel, ſie wollte dem ſchmach⸗ tenden Sänger antworten.
Zurück, Thörin! Was wollen Sie thun! Sie dergeſſen ſich und Ihren Stand! rief der Rath heftig und vertrat ihr den Weg mit einem Blicke, deſſen Energie genugſam verrieth, daß er entſchloſſen ſei, ſogar Gewalt anzuwenden.
Aber ich muß ihm doch antworten! rief das junge Mädchen, ganz erſtaunt darüber, daß Jemand ſie hindern wollte, eine Pflicht zu er⸗ füllen, die ſich bei ihr ganz von ſelbſt verſtand.
— Wem? Wem? fragte der Rath, und hielt ihren Arm feſt.
— Wem? rief ſie, und ihr Erſtaunen ver⸗ wandelte ſich plötzlich in eine Art faſt ſpötti⸗ ſcher Zurückhaltung. Ja, das möchten Sie wohl gern wiſſen, Herr Ruſſe. Wem, ich weiß es nicht! Ich kenne ihn nicht!
Nun, wir werden dieſen Kindereien ein Ende machen! murmelte der Rath vor ſich hin, und mit einem raſchen Griff hatte er ihr die Guitarre entwunden. Dieſes Spielzeug werde ich mit mir nehmen. Es könnte uns gefährlich werden. Uebrigens ſoll Ihr Wunſch in Erfül⸗ lung gehen, Signora. Wir werden dieſen Ort vielleicht morgen ſchon verlaſſen.
— Verlaſſen? Weshalb? rief die Italienerin ganz beſtürzt.
— Nun, es war ja noch vor wenigen Mi— nuten Ihr heißeſter Wunſch! antwortete der Rath. Sie hatten mich ja deshalb rufen laſſen.
— Es war nicht ſo ernſt gemeint! ſagte Joannina kleinmüthig. Es war nur ſo eine Idee, eine Ausgeburt der Langenweile.
— Und Sie glauben, ſich dieſe Langeweile jetzt vertreiben zu können? meinte der Rath und blickte ſie forſchend an. Wir werden ſehen! Jetzt gehen Sie zu Bett, Signora, ohne weitere Umſtände! Und ich hoffe, Sie werden nicht ver⸗ geſſen, was Ihnen bei Ihrer Abreiſe von Do⸗
nato eingeſchärft worden iſt!
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