Jahrgang 
1850
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Pas war die einzige Leichenrede, die Lud⸗ wig dem XV. gehalten wurde.

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Charles Nodier.

An dem äußerſten Ende von Paris, da, wo ſich der Cöleſtinerquai bis zum Fluſſe hin er⸗ ſtreckt, liegt ein Gebäude von düſterem Anſehen, welches noch heute das Arſenal heißt, weil es unter Carl IV. und Heinrich III. als Zeughaus gedient hat. Bereits zur Zeit Heinrichs IV. jedoch hatte Sully darin ſein Miniſterium ein⸗ gerichtet und ſpäter ward es zur Aufnahme einer Bibliothek benutzt. An dieſe Bibliothek ward 1823 mein Freund Charles Nodier beru⸗ fen, ein geiſtvoller, genialer Mann und ausge⸗ zeichneter Gelehrter, voll eminenter Kenntniſſe und liebenswürdiger Fehler, ohne ein einziges wirkliches Laſter. Wie er, wußte Niemand zu erzählen, denn wenn er auch erfand und aus ſchmückte, ſo geſchah es auf eine ſo lebendige, anniuthige Weiſe, daß man die Wahrſcheinlich⸗ keit gern dafür preisgab. Unauflöslich kettete die Liebenswürdigkeit ſeines Charakters die Freunde an ihn. Ein enthuſiaſtiſcher Liebhaber alles Schönen und Guten, fand er ſogar aus dem Schlechten immer noch etwas Gutes her⸗ aus, wie der Chemiker aus der giftigen Pflanze den heilſamen Arzneiſtoff. Seine unerſchöpfliche Phantaſie lieh den Gebilden ſeiner Einbildungs⸗ kraft oft ein ſo wirkliches Leben, daß es ſchwer fiel die Grenze zwiſchen Erlebtem und Geträum⸗ tem zu ziehen. So erzählte er mit der feſteſten Ueberzeugung von einem mikroſkopiſchen Thiere, das er in ſeinem achtzehnten Jahre in einigen Körnern naſſen Sandes entdeckt und Taranta⸗ tello genannt habe, mit großen räderförmigen Flügeln, deren es ſich zum Fortkommen ſowohl im Waſſer als auf dem Trocknen bediente. Das Austrocknen des Sandes hatte den Tod des Thieres zur Folge gehabt; aber eine Wieder⸗ benetzung deſſelben belebte es ſogleich wieder, und das nicht nur nach Verlauf von Stunden und Tagen, ſondern mit derſelben Schnelligkeit

nach Monaten und Jahren, welches Experiment Nodier wohl zehnmal wiederholt haben wollte,

bis ein unſeliger Windſtoß der Wiſſenſchaft die⸗

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ſes unſchätzbare Thier entführte, deſſen geheim⸗ nißvolles Daſein von der Sündfluth her datiren

konnte und dem jüngſten Tage entgegenzuleben

ſchien.

Unter den Fehlern Nodiers war einer, der ſeine Frau zur Verzweiflung brachte: die Leiden⸗

ſchaft, ſeltene Bücher, einzige Exemplare, alte

Schriften u. dergl. an ſich zu bringen; an dieſe

Liebhaberei verſchwendete er unverhältnißmäßige

Summen, und die Gattin hatte nicht einmal den

Muth, recht von Herzen zu ſchmälen, wenn er wieder einmal 2 300 Francs für einen alten unſcheinbaren Band hingegeben hatte, und ihr

dann in ſeiner Glückſeligkeit gruͤndlich vorde⸗

monſtrirte: dreihundert Francs könne er wohl

wiedererwerben, nicht aber dies äußerſt koſtbare

Exemplar. Von hinreißender Liebenswürdigkeit war Nodier in ſeinem Familienleben, zu welchem ich

llach und nach unbeſchränkten Zutritt erhielt, nachdem ich im Intereſſe meiner erſten drama⸗

tiſchen Arbeit, die von den Leitern des Théatre français mit vornehmer Indifferenz abgewieſen worden, die Protection des berühmten Gelehrten mit Erfolg nachgeſucht hatte. An Nodiers Tafel waren ſtets zwei bis drei offene Couverts für zufällige Gäſte; ich aber ward bald als zum Familientiſch gehörig betrachtet, und behauptete unverändert meinen Platz zwiſchen Madame Nodier und ihre Tochter Marie; der Hausherr behauptete, meine Gegenwart ſei für ihn ein Glück, da ſie ihn von der Pflicht, die Unter⸗ haltung zu leiten, entbinde, worin freilich für die übrigen Tiſchgenoſſen ein weſentlicher Nach⸗ theil lag, denn wer hätte Nodiers Unterhaltung erſetzen können? Das zeigte ſich deutlich an dem athemloſen Schweigen der Zuhörer, wenn ich einmal nicht zum Reden gelaunt war, und Nodier ſeine Pflicht als Wirth allein erfüllen ließ. Er erzählte wie Einer, der Alles ſelbſt gekannt, Allem ſelbſt beigewohnt hat; für ihn gab es nicht Raum noch Zeit; Ereigniſſe und Menſchen aus allen Jahrhunderten und Erdthei⸗ len verſchmolzen in ſeiner Darſtellung ſo mit ſeiner eigenen Perſönlichkeit, daß es dem Hörer augenblicklich nicht einfiel, Beides zu trennen. Auch paſſirte ihm in Wahrheit mehr, als ande⸗

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