Jahrgang 
1850
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Tauſend und ein Geſpenſt. Aus dem Franzöſiſchen des Alexander Dumas, von P. U.

(Fortſetzung.)

Darauf nahm Bonbonne das Teſtament in ein Couvert, nahm ſein Licht auf, und winkte ſeinen Gefährten, zu gehen.

Wir haben hier nichts mehr zu thun, ſprach er, laſſen Sie uns die Wittwe und die Waiſen auſſuchen.

Sie werden doch dies Dokument nicht der Marquiſe einhändigen wollen? rief der Abbe. O mein Gott, thun Sie das um's Himmels

Willen nicht!

Seien ſie ruhig, erwiderte der Intendant, dies Paquet ſoll aus meinen Händen nur in die des Notars übergehen; mein Herr hat mich zum Teſtamentsexecutor eingeſetzt, indem er mir geſtattete, zu hören und zu ſehen, was ich ge⸗ hört und geſehen habe. Ich werde nicht ru⸗ hen, bis ſein letzter Wille erfüllt iſt und dann denke ich ihm bald zu folgen. Welche Augen dergleichen Dinge geſchaut, die ſchließen ſich bald.

Während deſſen hatten die Drei das Zim⸗ mer verlaſſen, das Bonbonne ſorgfältig ver⸗ ſchloß; ſchweigend gingen ſie die Treppe hinab, warfen einen ſcheuen Blick nach der ſtehen ge⸗ bliebenen Uhr, und ſchritten über den Flur nach dem Orangeriehauſe hinaus, wo die Marquiſe mit ihren Kindern ihrer wartete.

Alle Drei beteten noch, die Mutter auf den Knieen, die beiden Knaben ihr zur Seite ſtehend.

Nuns? rief ſie, und erhob ſich ſchnell bei der Annäherung der drei Kommenden nun? Wie war es denn? riefen die Kinder. Fahren Sie fort zu beten, ermahnte Pa⸗ ter Delar, Sie hatten ſich nicht getäuſcht. Durch Gottes beſondere Gnade, wahrſcheinlich zum Lohne Ihrer Frömmigkeit, iſt es der Seele des Herrn von Chauvelin vergönnt geweſen, Ihnen

Lebewohl zu ſagen.

O, mein Vater! rief die Marquiſe, und

hob die Hände zum Himmel, Sie ſehen alſo jetzt, daß ich mich nicht irrte!

Und wiederum auf die Kniee ſinkend, be⸗ gann ſie aufs Neue zu beten, indem ſie ihren Kindern winkte, ein Gleiches zu thun.

Zwei Stunden ſpäͤter ertönte im Schloßhofe Schellengeklingel und Peitſchenknall, und weckte die Marquiſe, die zwiſchen den Betten ihrer ſchlafenden Kinder ſaß, aus der dumpfen Be⸗ täubung des Schmerzes.

Auf der Treppe rief eine laute Stimme:

Courier vom Könige!

Gleich darauf trat ein Kammerdiener ein, und überreichte der Frau von Chauvelin ein großes ſchwarzgeſtegeltes Schreiben. Es war die offizielle Anzeige, daß um 7 Uhr Abends der Marquis von Chauvelin, am Spieltiſch des Königs vom Schlage getroffen, plötzlich verſtor⸗ ben ſei.

Des Königs Tod.

Seit dem Hinſcheiden Chauvelins ſah man den König ſelten lächeln. Wohin auch ſeine Schritte ihn trugen überall war es, als folge ihm der Schatten des Verſtorbenen. Nur im Fahren ſchien er etwas Zerſtreuung zu fin⸗ den; die Reiſen wurden immer häufiger. Der König ging von Rambouillet nach Compiegne, von Compiegne nach Fontaineblau, von Fon⸗ tainebleau nach Verſailles doch nie nach Paris. Paris war Ludwig XV. verhaßt, ſeit dem Aufſtande, welcher dort in Folge der Blut⸗ urtheile Statt gefunden hatte.

Doch alle dieſe ſchönen Oertlichkeiten fuͤhr⸗ ten ihn anſtatt der gehofften Zerſtreuung von der Erinnerung an die Vergangenheit zu der ernſten Betrachtung der Gegenwart; und aus dieſer für ihn nur zu bitteren, traurigen Be⸗ trachtung vermochte ihn nur Madame Dubarry zuweilen zu ziehen. Es war jämmerlich mit anzuſehen, wie mühſelig die junge hübſche Frau daran arbeitete, dem hinfälligen Greiſe nicht den Körper, ſondern das Herz wieder zu er⸗ wärmen.

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