Jahrgang 
1850
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noch hatte ſie ſich die Wahrheit nicht eingeſte⸗ hen wollen, bis endlich keine Täuſchung mehr möglich war. Noch vermochte ſie ihren Zuſtand den Augen der Welt zu entziehen, bald aber, das ſah ſie ein, würde es ihr unmöglich werden.

Ihrer Mutter ſich zu entdecken, fehlte ihr der Muth; und Mathilden? O, lieber wäre ſie geſtorben! Ihr Lage war alſo verzweiflungsvoll. Da entſchloß ſie ſich, wer vermöchte ihre Ge⸗ fühle dabei zu ſchildern! an Antonio zu ſchrei⸗ ben und ſich ſeiner Ehre anzuvertrauen.

Antonio empfing den Brief, als ihm eben Ferdinand die neueſten, ſo eben aus Ungarn eingelaufenen Nachrichten mittheilte. Die tapfe⸗ ren Magyaren hatten in heiliger Begeiſterung für die Sache ihres Vaterlandes die kaiſerlichen Heere auf allen Punkten geſchlagen und dran⸗ gen ſiegend vorwärts.

Siehſt Du, rief Antonio freudig,die Ideen der Neuzeit brechen ſich Bahn, und Eu⸗ ropa wird jung und kräftig aus dem Kampfe herausgehen.

Der eintretende Diener mit dem Briefe in der Hand unterbrach das Geſpräch.

Von wem? fragte Antonio, als er das Schreiben empfing.

Ich weiß es nicht, antwortete der Be⸗ diente.

Antonio durchlief haſtig die Zeilen, und ſein Geſicht, das bis dahin die Röthe der Be⸗ geiſterung überſtrahlt hatte, überzog eine töd⸗ liche Blaͤſſe. Seine Hände zitterten krampfhaft und kaum konnte er zu Ende leſen. Dann aber ſank er faſt betäubt zurück.

Wasbeck nahm erſchrocken das Schreiben aus der kalten Hand des Freundes und las es; es lautete:

Die nachſtehenden Zeilen, Herr von Fried⸗ heim, die nur die Verzweiflung mir Kraft gab, Ihnen zu ſchreiben, werden Sie mit der fürchterlichen Lage bekannt machen, in der ich mich befinde..

Ich fühle, o, ich weiß nicht, wohin ich vor Scham mein Auge wenden ſoll, ich fühle, daß ich Mutter bin! Herr von Friedheim, bei Ihrer Ehre, bei Allem, was Ihnen werth und heilig iſt, beſchwöre ich Sie, mich nicht dem Verderben preiszugeben. Bedenken Sie,

daß Sie mit meinem Leben auch das Leben Ihres Kindes opfern! Unglücklich bin ich, doch zur Verbrecherin werden Sie mich nicht machen wollen. Wenn Sie wirklich, Herr von Friedheim, ein Mann von Ehre ſind, ſo erwarte ich Sie heute Abend in unſerm Hotel, wir werden ungeſtört ſein.

Wasbeck ſtand einige Augenblicke ſprachlos da, dann fielen ſeine Augen auf Antonio, der noch immer in dumpfer Verzweiflung da ſaß. Armer Freund, ſprach er leiſe und wehmüthig für ſich hin,früher hielt ich mich für unglück⸗ lich, aber Du biſt es doch noch weit mehr!

Jetzt ſchlug dieſer die Augen zu ihm auf, ſein Blick war ſtier und matt.

Ermuntere Dich, Antonio, rief Wasbeck, nimm Deinen ganzen Muth und alle Ent⸗ ſchloſſenheit zuſammen, was gedenkſt Du zu thun?

Ich weiß es nicht, antwortete jener, dem nun die ganze fürchterliche Wahrheit hell und klar vor der Seele ſtand.Was würdeſt Du thun in meiner Stelle?

Dem Gebote der Ehre folgen, erwiderte Ferdinand.

Antonio verhüllte von Neuem ſein Geſicht; nach einer Weile richtete er ſich wieder auf. Du haſt Recht, ſprach er trübe lächelnd,und Mathilde?

Empfiehl ſie dem Schutze des Himmels; ſie iſt für Dich verloren!

Ja, verloren, verloren auf ewig! ſchluchzte Antonio.O was für ſchwache Geſchöpfe ſind doch wir Menſchen! Schon glaubte ich das Ziel errungen, und nun iſt es mir auf immer entrückt!

Es erfolgte eine Pauſe, in welcher keiner der Freunde Worte finden konnte, um ſeine Ge⸗ fühle auszudrücken. Plötzlich erhob ſich Antonio, ſeine erblaßten Wangen uͤberflog eine leichte Röthe, ſeine Augen funkelten.Ferdinand, ſprach er,ich folge dem Rufe der Ehre; mein Herz wird brechen, aber meine Ehre iſt gerettet.