die Tugend ſo viel koſten ſoll wie das Vergnü⸗ gen, ſo iſt gar nicht mehr mit ihr auszukommen!
Bei dieſen Worten, die der Abbe mit einem ſchallenden Gelächter begleitete, bekreuzte ſich die Marquiſe andächtig.
— Freilich, ſagte ſie, hat mein Schwager nicht weiſe gehandelt, als er eine ſo hohe Summe für ein junges Mädchen bezahlte, deren Erziehung überdem uns noch Laſt genug auf⸗ bürdete, während unſer Vermögen zuſammen⸗ ſchmolz; aber Gottes heiliger Wille geſchehe; Ich hoffe, dieſes Opfer wird mir im Himmel angerechnet werden.
— Und wohlverſtanden, auch auf Erden, murmelte der Abbe, der ſich durch die heilige Comödie nicht täuſchen ließ, welche Frau von
Ferriol ohne Unterbrechung ſpielte.
Jetzt aber konnte das unglüͤckliche Weſen, das der Gegenſtand und zugleich der Zeuge dieſes Geſpräches war, ohne daß die beiden Redenden ſich im Geringſten darum zu küm⸗ mern ſchienen, dem ſchmerzlichen Eindrucke der⸗ ſelben nicht länger widerſtehen. Sie zerfloß in Thränen, nnd knieete plötzlich vor die Mar⸗ quiſe nieder.
— Vergeben Sie mir, gnädige Frau, bat ſie mit von Schluchzen erſtickter Stimme, o ver⸗ geben Sie mir, wenn ich bis heute Ihre Wohl⸗ thaten und die mir gewordene Erziehung ge⸗ noſſen habe, ohne andre Sorge, als Ihnen in Worten meines Herzens Dankbarkeit auszu⸗ drücken. Jetzt, das fühle ich wohl, habe ich andere Pflichten zu erfüllen. Nur zu ſpät er⸗ kenne ich, daß ich Ihnen hier nur zur Laſt bin. Erlauben Sie mir, gnädige Frau, daß ich nun⸗ mehr zu dem Herrn Grafen zurückkehre. Mein Platz iſt bei ihm, der mich erkauft hat. Er iſt verbannt, unglücklich, kränklich vielleicht— ich will ihn pflegen, um ihn ſein, ihn bedienen. O, gnädige Frau, laſſen Sie mich fort, und Gott ſegne Sie für Alles, was Sie an mir gethan haben!
Die Marquiſe und der Abbe ſahen ſich be⸗ ſtürzt und nicht ohne einige Rührung an. In der Stimme der Circaſſierin lag ein ſo ſüßer Wohllaut, ihre Augen, ihre zitternden Lippen
waren ſo beredtſam, ihre ganze Schönheit er⸗
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ſchien in dieſem Augenblicke in ſo bezauberndem Glanze, daß der Abbe beſonders lebhaft davon ergriffen wurde. Mit raſcher Bewegung hob er ſie auf und ſprach:
— Ich, mein liebes Fräulein, habe Sie um Verzeihung zu bitten,— und ich möchte es auf den Knieen thun, weil ich ſo unbedachtſam ein Geſpräch begann, das Sie, wie ich ſehe, ge⸗ kränkt hat, von dem Sie aber durchaus nicht alles wörtlich nehmen dürfen, hören Sie wohl? Frau von Ferriol wird Ihnen daſſelbe ſagen. Nicht wahr, liebe Marquiſe? Uebrigens iſt ja noch nicht Alles verloren; Herr von Ferriol muß über kurz oder lang doch begnadigt wer⸗ den, beſonders wenn Sie ſeine Fürſprecherin werden wollten! Der Tauſend! mit ſolchen Augen, wie Sie ſie haben, darf man nichts ver⸗ loren geben! 1
Auch die Marquiſe ſtammelte einige begüfl⸗ gende Worte.
— Nun, reden wir nicht mehr davon! un⸗ terbrach ſie der Abbe. Ich allein war an Al⸗ lem ſchuld, und glücklicherweiſe habe ich auch die Mittel, Etwas gut zu machen. Ich brachte nämlich den Vormittag im Palais⸗Royal zu, Se. Hoheit der Herzog von Orleans iſt etwas unpäßlich, und hat mir daher ſeine Loge zu der heutigen Extravorſtellung im Opernhauſe ange⸗ boten,— ich aber ſtelle ſie zu Ihrer Verfü⸗ gung, Frau Marquiſe. Ihre ſchöne Mündel kennt unſer erſtes Theater noch nicht, und ich freue mich auf den Eindruck, den der Anblick ſo vieler Pracht auf ihr empfängliches Gemüth machen wird.
— Wo denken Sie hin, Abbe! erwiderte Frau von Ferriol. Wir in der Oper! Was würde unſer Beichtvater dazu ſagen?
— Wenn es Sünde iſt, ſo nehme ich ſie auf mich. Allons! die Sache iſt abgemacht.
Einige noch von der Marquiſe verſuchte Einwendungen wurden ſiegreich zurückgeſchlagen und der Abbe entfernte ſich ſingend, nachdem er wieder einen Blick auf die Circaſſierin geworfen, der ein tiefes Erröthen derſelben zur Folge hatte.
Ihre unbeſtimmte, ſcheue Furcht vor dieſem Manne wird erklärlich ſcheinen, wenn wir be⸗ merken, daß er kein anderer war, als der be⸗
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