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tereſſe an ihre Pflegetochter und wußten nicht, was ſie mehr an ihr bewundern ſollten, ihre Schönheit, ihre Reinheit, oder ihre Talente. Doch nur in einem engen Kreiſe ſtrahlte dies liebliche Geſtirn. Das Vermögen der Frau von Ferriol war größ⸗ tentheils in dem Schiffbruche des Ex⸗Geſandten mit verloren gegangen, ihr Hausweſen hatte ſeit⸗ dem große Beſchränkungen erfahren, und deſſen⸗ ungeachtet ſah die Marquiſe, ſelbſt bei der ein⸗ gezogenſten Lebensweiſe, mit ſchweren Sorgen, die ihre große Selbſtbeherrſchung kaum zu ber⸗ gen vermochte, das Geſpenſt künftiger Mittel⸗ loſigkeit immer drohender heranſchreiten.
Lange hatte ſie auf den Beiſtand der Frau von Maintenon gehofft, und hieraus erklärt ſich der Geiſt der Frömmelei und Scheinheiligkeit, 8 das Höôtel in der Straße Culture⸗Sainte⸗
atherine durchwehte; aber, entweder weil die
Concurrenz in dieſem Punkte zu groß war, oder aus irgend einem andern Grunde hatte Frau von Maintenon bis jetzt die zahlloſen Bittſchrif⸗ ten um Befürwortung der Begnadigung des Grafen von Ferriol ſtets unberückſichtigt gelaſ⸗ ſen. Was war in dieſer dringenden Noth zu thun?— Dieſe Frage beſchäftigte Frau von Ferriol innerlich ohne Aufhören, während ſie äußerlich nur der Ausübung ihrer frommen Pflichten hingegeben ſchien; dieſer Gedanke lag auch jetzt ihr allein am Herzen, während Aiſſe ihr eine vortreffliche Predigt über die Nichtig⸗ keit aller irdiſchen Größe vorlas.
Schon über eine Stunde lang währte die fromme Vorleſung und das junge Mädchen kämpfte tapfer gegen das unwillkürliche Gäh⸗ nen, als unangemeldet, wie Jemand, der zu den vertrauteſten Hausfreunden gehört, eine Perſon von ziemlich ſonderbarem Aeußern eintrat.
Ess war ein langer, magerer Mann mit gelb⸗ lichem Geſicht und weibiſchen Zügen; ſein Coſtüm war das eines Weltgeiſtlichen, aber Redeweiſe und Manieren bezeichneten ein Glied jener Miſch⸗ lingskaſte, welche ſich nicht ſcheute, dem heiligen Beruſe zum Trotz, mit dem ſie bekleidet war, profanen Ehrgeiz und weltliche Neigungen und Laſter zur Schau zu tragen. In den Pflichten ihres Standes nur das Anrecht auf künftige Stan⸗ deserhöhung erblickend, war das Gelübde der Ehe⸗
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loſigkeit fuür ſie nur die Entſchuldigung der Untreue und der Schutz vor Feſſeln. Mit einem Worte, die Perſon, welche wir eintreten ſahen, war ein Abbé in der ganzen Bedeutung, welche dieſer Name ſeit dem 18. Jahrhundert angenommen hat. Nachdem der Ankömmling den Damen die Hand geküßt, und dieſe Vertraulichkeit mit einem Blicke begleitet hatte, vor dem die Jüngere un⸗ willkürlich die Augen ſenkte, warf er ſich, eine Opern⸗Arie trällernd, und ſich Luft zufächelnd, in einen Seſſel. 4 — Nun, Abbél rief die Neues? Haben Sie mit Herrn von Torcy ge⸗ ſprochen? Duͤrfen wir endlich hoffen? — Ich komme eben von dem Miniſter, er⸗ widerte der Abbé mit geckenhaftem Weſen; das müſſen wir uns aus dem Sinn ſchlagen. Der König iſt unerbittlich, und ſo wird der liebe Schwager auch diesmal wohl noch nicht wieder angeſtellt werden. Bei dieſen, mit leichtfertiger Gleichguͤltigkeit geſprochenen Worten fiel eine Thräne aus Aiſſe’s f ſchönen ſchwarzen Augen. Die Marquiſe ſeufzte tief, und ſprach zerknirſcht:. — Ich hatte gehofft, daß die neuntägige Andacht, die ich Aiſſe habe abhalten laſſen, den königlichen Zorn beugen würde. — Ja, in ſolchem Falle hilft keine neun⸗ tägige Andacht, ſagte achſelzuckend der Abbé. Uebrigens muß man auch geſtehen, daß der arme Graf niemals ſeine fünf Sinne beiſam⸗ men gehabt hat. Er hätte doch wiſſen müſſen, daß es für einen Geſandten, der in Gunſt blei⸗ ben will, weniger darauf ankommt, Frankreich, als vielmehr ſeinen Gebieter wohl zu repräſen⸗ tiren. Unter einer frömmelnden Regierung den Libertin zu machen, und noch dazu auf Koſten dieſer Regierung, das iſt ſtark. Und zum Ueber⸗ fluß richtet Ferriol in einer Stellung, wo gute Handlungen etwas einbringen muſſen, ſich ſo ein, daß ſie ihm noch Geld koſten. Für eine kleine Sklavin zwanzigtauſend Livres zu bezah⸗ len, das iſt nicht Wohlthätigkeit, ſondern Ver⸗ ſchwendung. Freilich hat unſer lieber Graf ſo viele Seelen des Teufels werden laſſen, daß er wohl den Ungläubigen eine dafür abjagen konnte. Aber es muß Alles ſein Maaß haben; wenn
Marquiſ e, nichts


