Jahrgang 
1850
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Diener in reicher Livre ſprang herunter und hob aus dem Wagen ein kleines Mädchen in orientaliſchem Coſtüm; beide traten in den Vor⸗ ſaal, wo ſie von der verwittweten Marquiſe von Ferriol empfangen wurden. Es war La Roche und Aiſſe, die kleine Circaſſierin.

J. Eine Extra⸗Vorſtellung im Opernhauſe.

Wir fuͤhren den Leſer, im Jahre 1715, in eines jener hohen Zimmer mit vergoldeten Ver⸗ kleidungen in der Straße Culture⸗Saint⸗Cathe⸗ rine, deren jetzt nicht mehr gebräuchliche Grö⸗ ßenverhältniſſe für Rieſenfamilien berechnet ſchei⸗ nen, und aus denen ein Baumeiſter unſerer Tage recht gut ein halbes Haus machen könnte.

Vor einem Schirm von verſchloſſenem Sam⸗ met, deſſen einzelne Fächer jedes mit einer my⸗ thologiſchen Schilderei in Tapiſſeriearbeit geziert war, ſaßen zwei Frauengeſtalten an einem brei⸗ ten Fenſter mit kleinen grünlichen Scheiben, aus dem man in den nach damaligem Geſchmacke in geometriſchen Figuren angelegten Garten ſchaute. Buchsbaumhecken und ſpiralförmig geſchnittene Taxusbäume faßten ihn ein, einige uralte Lin⸗ den breiteten ihr Blätterdach darüber aus, und ließen unterhalb die Ausſicht auf eine hohe Buchenwand, im Geſchmacke des berühmten Le Notre.

Die eine der beiden Frauen, groß, mager und ſteif, ſaß kerzengrade auf einem mit ver⸗ blichenem Damaſt bezogenen Seſſel, während die Andere, von mittlem Wuchs und weichen, anmuthigen Umriſſen, auf einem Feldſtuhle mehr lehnte als ſaß. In den kleinen, zarten und weißen Händen hielt ſie ein Buch, aus dem ſie ihrer Gefährtin laut vorzuleſen ſchien.

Die Aeltere der Beiden, deren Runzeln eine dicke Lage von Schminke nicht zu verbergen ver⸗ mochte, ſchien wenigſtens ſechzig Jahre zu zäh⸗ len, ihre kalte, ſtrenge Haltung, das dunkel⸗ braune Seidenkleid und die tief⸗ſchwarze Spitzen⸗ haube, auf deren dunklen Schatten das ſcharf⸗ geſchnittene Geſicht ſich abzeichnete, verliehen ihr eine flüchtige Aehnlichkeit mit dem Portrait der Frau von Maintenon, das im Schloſſe zu Ver⸗ ſailles hängt.

Das roſige, bluͤhende Mädchen ihr zur Seite mochte kaum 15 Jahre alt ſein. Ihre Klei⸗ dung war mit der größten Einfachheit gewählt, das lockige blonde Haar wob um die glän⸗ zendweiße Stirn einen anmuthigen Heiligen⸗ ſchein. 1

Der Leſer hat in unſerer Schilderung ohne Zweifel die Marquiſe von Ferriol(Wittwe eines Gerichtspräſidenten von Metz) und Aiſſe, die Circaſſierin erkannt.

Mit der Letzteren war, wie wir ſehen, eine große Veränderung vorgegangen ſeit dem Tage, wo ſie, blos durch ihre kindliche Anmuth ge⸗ ſchmückt, ſich am Ufer des Golfs von Smyrna dem Grafen Ferriol zu Füßen warf. Fünf Jahre waren ſeitdem verfloſſen, während welcher

ihre reiche Organiſation ſich herrlich entwickelt

hatte. Mit den koſtbaren Vorzügen, die ſie der Natur verdankte, den großen ſchwarzen Augen mit den feingezeichneten Brauen, den Zähnen, die ihren heimathlichen Perlen glichen, der ta⸗ delloſen Geſtalt und dem lieblichen Oval des Geſichtes, verband ſie noch die geiſtigen Reize, mit denen der Aufenthalt in Frankreich ſie ge⸗ ſchmückt hatte.

Sei es, daß die Marquiſe von Ferriol mit ihrem Schwager die Ehre einer guten That theilen wollte, ſei es, daß ſie damit nur dem Auftrage deſſelben nachkam, ſie hatte keine Sorgfalt vernachläſſigt, um ihrer Schutzbefoh⸗

lenen eine Erziehung zu geben, die in allen

Punkten des Ranges ihrer Beſchützer würdig ſei. Gründlicher Unterricht und die Entwicke⸗ lung angenehmer Talente hatten ihren Verſtand entwickelt, wahrend die Wunder europäiſcher Ci⸗

viliſation ihre Einbildungskraft aufregten unnd

beſchäftigten. Gleichwohl hatten die neuen Ideen, welche auf die junge Fremde in der un⸗ bekannten Welt eindrangen, nicht die natürliche Lebhaftigkeit ihres Gefühls abſtumpfen können. Unter der blendenden Stirn dachte der Geiſt einer feingebildeten Europäerin, aber im Buſen ſchlug ihr unverändert das glühende Herz der Tochter des Morgenlandes.

Die kleine Zahl der Freunde, welche der Marquiſe ſeit dem Sturze ihres Schwagers treu geblieben war, ſchloſſen ſich mit lebhaftem In⸗