Jahrgang 
1850
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Die Cireaſſierin.

Erzählung aus den Zeiten der Regentſchaft, von Alex.

de Lavergne, aus dem Franzöſiſchen überſetzt von P. u.

Einleitung. Der Golf von Smyrna.

Es war eine ſchöne Frühlingsnacht des Jah⸗ res 1710; der Vollmond verſilberte mit ſeinen ſanfteſten Strahlen die reizendſten Ufer des Meer⸗ buſens von Smyrna, in deſſen Gewäſſern ſich gleichſam mit Wohlbehagen die freundlichen Land⸗ häuſer zu ſpiegeln ſchienen, die ſich fächerförmig auf der Küſte des wonnigen Joniens ausbreiten. Kein anderes Geräuſch war vernehmbar, als das Plätſchern der Wogen am Ufer, und zuwei⸗ len das Lied einer einſamen Nachtigall, die ſich in dem Roſenlorbeergebüſch verbarg. Der See⸗ wind führte die balſamiſchen Düfte von Tau⸗ ſenden würziger Blumen aus Chios, Lemnos und Cythera herüber, jenen poetiſchen Blumenkörben des Joniſchen Archipels, welche durch ſo viele Erinnerungen geheiligt ſind.

In einem Landhauſe, eine kleine Meile von Smyrna, dieſem reichen Weltmarkte Kleinaſiens, öffnete ſich zwiſchen zwölf und ein Uhr Nachts ſtill und geheimnißvoll eines jener orientaliſchen Fenſter mit ſtarken eichenen Querbalken, deren feſte Verwahrung eben ſo ſehr gegen die Macht der Sonnenſtrahlen als gegen die Verſuche einer verwegenen Liebe berechnet ſcheint. Ein hoch⸗ gewachſener Mann, deſſen umfangreiche Formen jedoch nicht eben für ſein jugendliches Alter zeug⸗ ten, obgleich er noch ziemlich gewandt zu ſein ſchien, kletterte vermittelſt einer ſeidenen Strick⸗ leiter aus dem Fenſter, und ward am Fuß der Mauer ſehr ehrfuchtsvoll von einem Manne in Empfang genommen, der, in einen dunkeln Mantel gehüllt, dort ſeiner gewartet hatte. Beide durchſchritten ſchweigend den Garten, überſpran⸗ gen deſſen Umfaſſungsmauer an einer niedrigen Stelle, und ſtanden endlich am Strande des Meeres, während folgende Unterhaltung ſich zwiſchen ihnen entſpann:

Der Teufel ſoll Dich holen, La Roche, wenn Du mich bei dem ſchönſten Tete à Teie

Perlen V. Jahrg.

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ſtören willſt, ehe noch die Nacht ordentlich be⸗ gonnen hat!

Es iſt halb eins, gnädiger Herr!

Nun was thut das?

Eine Viertelſtunde ſpäter hätte der Mann Sie überraſcht.

Was? der Mann? ſollte das Thier ſich unterſtanden haben

Er hat ſich unterſtanden, zurückzukommen.

Haſt Du ihn geſehen? Wie ſieht er aus.

Ei nun wie ein Ehemann, gnädiger Herr! Es iſt eben ein langer magerer Kerl, mit dicken ſchwarzen Augenbrauen, einem hinaufgeſtrichenen Knebelbart und einer Naſe nein, gnädiger Herr, ſolch' eine Naſe haben Sie noch nie geſehen!

Haſt Du mit ihm geſprochen?

Ei, das ließ ich wohl bleiben!

Memme!

War es nicht beſſer, ich lief hierher, um Sie zu benachrichtigen?

Das iſt wahr. ihm zuvorkommen?

Nichs leichter als das. Herr Marini kam vor etwa zwei Stunden in Smyrna an, und ich hörte dort, er wolle noch heute nach ſeinem Landhauſe abgehen; alſo muß er in we⸗ nigen Minuten hier ſein. Aber ich denke, gnä⸗ diger Herr, in einigen Minuten können Sie auch geborgen ſein, denn eine halbe Meile von hier wartet Ihrer eine völlig ſegelfertige Felucke; der Patron will eine Barke hierherſchicken, um Sie abzuholen. So iſt's abgemacht.

Mit nichten, Freund! Daraus wird nichts.U Sobald Gefahr für die Kleine iſt, weiche ich ge⸗ wiß nicht; auch ſollte es mir abſonderliches Ver⸗ gnügen machen, dem Herrn Ehegemahl ins Ge⸗ ſicht zu ſchauen.

Immer Derſelbe, gnädiger Herr! Ei, mein Gott! Denken Sie denn, ich hätte heute Abend ſo viel Umſtände gemacht, wenn es ſich um wei⸗ ter nichts handelte, als um die Rückkehr eines langweiligen Ehemannes?.

Nun, was giebt es denn ſonſt, La Roche?

Sie muſſen wiſſen, daß ich Neuigkeiten aus Conſtantinopel habe. 1

So? wie befindet ſich Se. Hobeit und Allerhöchſtderen Serail?

Aber wie konnteſt Du

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