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Nun ſchickte der Capitän, welcher von Gewiſſensbiſſen ergriffen war, nach ſeiner Gattin.
Welch eine wunderbare Macht liegt nicht in der Hand einer Frau? In dem Augenblick, wo die kleine Lady die Stirn des Kranken berührte, ſchien er wieder aufzuleben.
Eine Woche ſpäter war er im Stande, auf dem Ver⸗ deck auf⸗ und abzugehen.
Einen Monat hierauf, des Abends, gleitete der Fuß des Capitäns während eines heftigen Sturmes aus und er ſtürzte in die See, doch gelang es ihm, eine Kette zu faſſen. Seine Frau, die in der Nähe, aber vor Schrecken ganz beſtürzt war, bat, es möge Jemand ihren Gatten retten— machte ſelbſt einen Verſuch, dies zu thun, wobei ſie ihr Leben ſogar gefährdete, aber ohne Erfolg.
Es ſchien, als müſſe der Capitän die Kette, welche er ergriffen hatte, bald fahren laſſen. Von der Mannſchaft war Niemand zugegen und ſie konnte nichts rechtzeitig thun, um ihn zu retten.
Derrick, welcher am Steueruder ſtand, ſprang auf das Verdeck herab, befeſtigte ein Seil um ſeinen Körper, deſſen anderes Ende er auf dem Schjijffe befeſtigte, ſprang über Bord und es gelang ihm, den Capitän ſo lange zu halten, bis Beide von der Mannſchaft aus ihrer gefährlichen Lage gerettet werden konnten.
Der Capitän umſchlang ſein halbohnmächtiges Weib mit dem einen Arm und mit ſeiner freien Hand ergriff er die des Knaben und rief:
„Gott vergebe mir meine Eiferſucht! Derrick, Du biſt ein braver Burſche, und hätte ich Dich ſterben laſſen, ſo wäre mein eigner Tod vor einem Augenblick mit Gewißheit erfolgt.“ C.
Ein Orkan auf den Bahama⸗Inſeln.
Am 1. October c. wurden die Bahama-Inſeln von einem Orkan heimgeſucht, wie man dort ſeit 1813 keinen ähnlichen erlebt hatte und der beſonders in Naſſau, der Hauptſtadt der Inſel New⸗Providence, ſchreckliche Ver⸗ heerungen anrichtete. Da in Europa etwas Aehnliches faſt unerhört iſt, ſo dürfen wir wohl annehmen, daß eine Be⸗ ſchreibung deſſelben für unſere Leſer nicht ohne Intereſſe ſein wird.
In Naſſau entwickelte ſich der Sturm nur allmälig. Am Tage vor dem Ausbruch des Sturmes blies eine friſche Briſe von der See, welche während der Nacht zunahm und am nächſten Morgen zu einem von Regen begleiteten regel⸗ mäßigen Orkan ausartete. Der Landungsplatz am Hafen glich einer Kuppe von Schaum, und der Hafen ſelbſt, obſchon gegen die offene See geſchützt, hatte keinen Schirm gegen einen Orkan, deſſen Heftigkeit ſich mit jedem Augenblicke ver⸗ mehrte. Die Schiffe, ſo weit ſie im Hafen geſehen werden konnten, begannen hin und her zu ſchwanken. Die Schiffe längs des Quai fingen bald an zu leiden.
Stabholz und verſchiedene Fragmente wurden auf dem
Landungsplatze umher zerſtreut, und geräumige Magazine und Waarenniederlagen in der Nachbarſchaft wurden ihrer Dächer
beraubt, und die Metallplatten, mit denen die Magazine bedeckt
waren, wurden von dem Sturme wie Papierblätter abgeriſſen und fortgewirbelt. Bald war der ganze Platz mit Bruchſtücken
von Schiffen und Waaren bedeckt. Sowohl die Heftigkeit des Sturmes wie die Wurfgeſchoſſe, die er nach allen Seiten
hin verbreitete, machten es gefährlich, durch die Straßen zu gehen, und die wenigen Fußgänger, die ſich gezwungen auf
Vierte Folge.
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die Straße hatten begeben müſſen, klammerten ſich dort an den Laternenpfoſten an, um ſo ein kleines Nachlaſſen des Sturmes abzuwarten.
Gegen halb zwei oder zwei Uhr war es unmöglich, ſich außerhalb des Hauſes aufzuhalten; es war gefährlich, hinter einer Mauer oder einem Hauſe Schutz zu ſuchen, und ganz un⸗ möglich, ſtehen zu bleiben, wenn man dem Sturme ausgeſetzt war, der jedes Gebäude erſchütterte. Das Gefühl im Innern eines Hauſes war den Schwingungen in einem Eiſenbahn⸗ waggon eines Schnellzugs ähnlich; das Geräuſch des Sturmes, verbunden mit den Tönen der Wogen, unterhielt einen fort⸗ dauernden Lärm, der mit donnergleichen Stößen untermiſcht war und dem von Zeit zu Zeit ein heftiges Krachen folgte, das irgend eine Art von Zerſtörung anzeigte. Nun brachen ſich die Wogen des Meeres auf den Quais der Stadt, die ihren Schaum über die Gipfel der Häuſer warfen und, ver⸗ bunden mit dem ſchweren fallenden Regen und Hagel, die Luft ſo dunkel machten wie bei dem ſtärkſten Nebel, und wenn ſich derſelbe hier und dort auf einige Augenblicke aufhellte, ſo zeigte ſich irgend eine neue Zerſtörung. Nach allen Richtungen hin waren Hänuſer niedergeriſſen und die mit Baumäſten vermiſchten Bruchſtücke derſelben wurden in einer ſchrecklichen Geſchwindigkeit mit fortgeriſſen. Die Bäume, welche ſtehen blieben, waren in einer ſehr kurzen Zeit ganz entblättert. Gegen halb vier Uhr wurde völlig der dritte Theil des Daches des Gebäudes, worin die Officiere wohnen, mit fortgeriſſen und fiel mit einem furchtbaren Krachen auf
Kleine Boote,
einem freien Platze nieder. Kurz nachher begannen die Schindeln der Caſerne der Truppen gleich Federn fortzufliegen. Die Zinnen der Chriſt⸗Church⸗Cathedrale waren abgeriſſen— ebenſo der Fahnenſtab am Gouvernements⸗Gebäude und das Dach deſſelben zeigte Symptome, daß es dem Sturme nicht mehr lange widerſtehen könne. Jedes Haus wankte, der Wind und Regen drangen überall ein, richteten großen Schaden an und wurden den Bewohnern derſelben unbeſchreiblich (läſtig. Gegen halb acht oder acht Uhr ließ der Sturm etwas nach, was glücklicher Weiſe die, welche noch geſchützt waren, V in den Stand ſetzte, ihren weniger glücklichen Nachbarn einen Theil davon anzubieten. Am nächſten Morgen bot ſich den Augen eine Scene der gänzlichen Verwüſtung dar; die bekannteſten Gegenſtände waren kaum noch wieder zu er⸗ kennen; viele derſelben hatten ſich ganz verloren. Die ſchöne Kirche der Methodiſten, ſowie viele geringere Gebäude waren eingeſtürzt; die Landſchaft erſchien bleich und traurig; die entblätterten Bäume, ein matter, grauer Himmel mit düſtern V eilenden Wolken boten einen ganz winterlichen Anblick dar, in einem tropiſchen Klima eine ganz ungewöhnliche Er⸗ ſcheinung.
Der Conſul der Vereinigten Staaten, Kilpatrick, in Naſſau, ſagt in ſeinem Berichte von 9. October an den Staatsſecretär Seward, der Orkan vom 1. October ſei einer der heftigſten und verheerendſten geweſen, den man dort ſeit 1813 erlebt habe. Er fügt hinzu: In dem hieſigen Orte und auf den Bahama⸗Inſeln findet ſich kaum ein Haus, das nicht in einer gewiſſen Ausdehnung gelitten hat, während die unter den Schiffen im Hafen und längs der Küſte ange⸗ richtete Zerſtörung eben ſo fürchterlich geweſen iſt. Der Verluſt an Menſchenleben war hier in Naſſau gering, aber auf einigen der übrigen Inſeln ſehr bedeutend. Eine große Zahl Schiffe, die ſich auf offener See befanden, ſind ge⸗ ſcheitert. C.


