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milie ſeine Ankunft erſehne. Nur der Hauptgrund, daß der Vater in zunehmender Abnahme der Lebens⸗ kräfte ihn zurückwünſche, um noch einige Zeit von Anna's Glück Zeuge zu ſein, erfüllte ihn mit Weh⸗ muth. Anna's eingeſchloſſener Brief, von dem jede
Zeile die Beſtätigung zarter Liebe enthielt, gedachte
des Vaters Zuſtand wohl mit einiger Beſorgniß, doch erwähnte ſie keiner Gefahr; Freiwald, aber erkannte“ aus den in Heinrichs Schreiben gemachten Andeu⸗ tungen, daß er mit erfahrenem Blick die Sachlage überſchaut hatte. Sein Entſchluß war ſchnell gefaßt. Noch zwei Tage erforderte ſein Bild zur Vollendung und zum Trocknen; dann wollte er reiſen.
Freiwald hatte in ſeiner Antwort den Tag ſeiner Ankunft auf dem Schloſſe beſtimmt. Stunde um Stunde verſtrich und keine hatte den Erſehnten ge⸗ bracht, als der Oberſt gegen den Abend des ſchönen Sommertages vorſchlug, einen Spaziergang nach Anna's Lieblingsplatz unter den Erlen im Wieſenthale zu machen. Auch Vater Wi terfeld deſſen Kräfte ſich durch eine Badecur in letzker Zeit wieder merklich ge⸗ hoben hatten, ſchloß ſich der Geſellſchaft an. Die Eltern weilten mit innerer Zufriedenheit auf dem ge⸗ ſegneten Landſtrich, den ſie zum größten Theil ihr Eigenthum nannten. Die Baronin freute ſich des melodiſchen Geläutes der heimkehrenden Heerden. Der alte Herr deutete mit Wohlgefallen auf die glatten Geſpanne, die heute die letzten Erntewagen zu den Scheunen führten, während das junge Ehepaar und Anna etwas ſeitwärts in einem lebhaften Geſpräche begriffen waren. Da nahete aus dem Erlengebüſch, durch welches von der Landſtraße ab ein Weg nach dem Herrenhauſe führte, ein Mann mit ſchnellen Schritten. Anna ſah ſich um und—— erblickte Freiwald; ſie wollte in ſeine Arme fliegen, aber ihre Füße verſagten den Dienſt, ſie ſank auf den Sitz zurück, als Freiwald Anna's Hand an ſeinen Mund drückte. Nach dieſer Begrüßung ſtellte Heinrich dem Freunde ſeine Gemahlin vor, die mit um ſo größerer Theilnahme auf dem jungen Manne verweilte, als ſie ihn augenblicklich mit dem Bilde vergleichen mußte, welches der Oberſt von ſeinem kriegsmuthigen Freunde entworfen hatte.
Höchſt wohlthuend war für Freiwald der Empfang, der ihm von den Eltern zu Theil wurde. Die Mutter hatte ihre Freude an den männlich gewordenen Zügen, der alte Baron pries ſcherzend die militäriſche und doch ungezwungene Haltung, die er jetzt mehr wie früher mit ſeinem Freunde Heinrich theilte; in⸗ deſſen fielen durch die Wipfel der Bäume die Strahlen der Abendſonne auf Anna's ſchönes Geſicht, ſo daß
Zeitung.
ihre Hand gefaßt hatte und, in ihrem Anſchauen ver⸗ loren, kaum bemerkte, daß ein junger Mann in Jagd⸗ kleidung in nicht großer Entfernung langſam vorüber⸗ ging.
„Lieber Freiwald, ſieh, dort der Herr, der eben vorübergeht,“ flüſterte der Oberſt,„hat wiederholt um Anna's Hand angehalten; aber ſie hat ihre Hand nicht ohne ihr Herz weggeben wollen. Du weißt es jetzt.“
Anna ſenkte ihren Blick und als Freiwald ihre Hand an ſeine Bruſt drückte, fühlte ſie den raſchen Schlag ſeines Herzens.
„So, lieber Freiwald,“ ſprach Herr v. Winter⸗ feld freundlich,„haben Sie Anna endlich doch auf der Stelle gefunden, zu deren kleinen Göttin Ihre kunſtreiche Hand ſie gemacht hat.“
„Ja,“ ſprach Freiwald,„aber ſie war ſchon die Göttin und meine Kunſt nur eine Anbetung.“
Ein halbes Jahr ſpäter, nachdem Heinrich von Winterfeld die Geliebte, der ſchon lange ſein Herz gehört hatte, als ſeine Gattin auf das väterliche Schloß geführt, hatte Freiwald ein ſchönes Landgut in Winterfelds Nachbarſchaft gekauft, wo er an Anna's Seite, ohne der Kunſt untren zu werden, zu einem Landwirthe ſich ausbildete, wie es der Oberſt ſchon mit ganzer Seele und der ihm eigenen Energie ge⸗ worden war.
Der alte Herr aber lebte noch einmal wieder auf und erfreute ſich mit der treuen Gattin noch manches Jahr des Glückes ſeiner Kinder.
Was wir unſerer Geſchichte noch hinzuzufügen haben, iſt wenig. Graf O., obgleich er ſich mit der Dame ſeiner Neigung vermählte, iſt ohne einen männ⸗ lichen Erben als der Letzte ſeines alten Stammes vor nicht langen Jahren unter feierlichem Nachtgepränge in der Gruft ſeiner Väter beigeſetzt. Seine zweite Gemahlin folgte ihm bald nach in das ſtille Reich, wo alle irdiſchen Täuſchungen aufhören, nachdem ſie mit würdevoller Ergebung manch herbes Leid ertragen hatte, das ihr vom Schickſale auferlegt ward.— Dagegen iſt der glücklichen Ehe des Oberſten Heinrich v. Winterfeld eine zahlreiche Nachkommenſchaft ent⸗ ſproſſen, die in den verſchiedenſten Gauen von Deutſch⸗ land zu Hauſe iſt. Winterfelds zweiter Sohn, der auf den Wunſch der Mutter ein derſelben in Han⸗ nover zugefallenes Erbgut übernahm, hat in dieſem Jahre den herben Schmerz erlitten, ſeinen Erſtgebo⸗ renen, der wegen ſeltener geiſtiger und körperlicher Begabung von Allen, die ihn kannten, geliebt und hochgeehrt wurde, in der ſchönſten Blüthe des Lebens zu verlieren. Er fiel an der Spitze einer öſterreichi⸗
ſie wie eine Heilige an Freiwalds Seite ſtand, der
ſchen Schwadron in der Schlacht von Cuſtozza, mit
von


