Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
819
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Vierte Folge.

ſowohl dieſer als ſein Vater noch immer Hoffnungen Raum gaben. Der alte Winterfeld ſah ſich dadurch in eine gezwungene Stellung verſetzt. Es fehlte ihm an Feſtigkeit, ſich durch ein mänliches Wort und durch Offenheit aus der Verlegenheit zu ziehen, und nur ein äußerer Anſtoß konnte ihn dazu bringen.

Im März kam endlich ein Brief von Denld an Heinrich aus dem Feldlager von Laon. Ein⸗ geſchloſſen war ein ſolcher an Anna, den ſie dem Bruder mittheilte, nachdem ſie ihn mit klopfendem Herzen geleſen hatte. Er ſchrieb:Nach jeder Gefahr, der ich entgangen bin, ſind Sie, theuerſte Anna, mein V erſter Gedanke. Eben geht die Sonne auf und in einer dürftigen Hütte, vor welcher meine tapferen Waffengefährten von der heißen Arbeit des geſtrigen Tages noch ausruhen, ſende ich Ihnen dieſen Morgen gruß hinüber. Die beſcheint ſo heiter das blutgetränkte Feld, als ob ſie einen weiten Garten belenchte, wo glückliche Menſchen ſich freuen ſollen. Da könnte auch ich jetzt in ewigem Schlafe ruhen wie ſo Viele, wenn mich die Kugel getroffen hätte, die dicht neben mir einen edlen jungen Mann nieder⸗ ſtreckte, deſſen letzter Seufzer einer geliebten Braut in der Heimath gehörte. Er bat mich ſterbend, das Bildniß, das er auf dem Herzen trug, ihr einſt zu übergeben, und ich will das theuere Pfand bewahren, bis ich heimkehre. ein Bildniß, das mich in allen Gefahren begleitet

Sonne

und vielleicht als ein Talisman mich bisher geſchützt theure

hat. Ich hatte Ihr liebes Bild, vollendet, Anna, mein erſter Verſuch auf dieſem Kunſtgebiete,

der mir nur gelingen konnte, weil Sie mich begeiſterten. Anna's Hand in allen Stücken zu billigen.

Ich kam mit friſchem, offenem Herzen aus den ſchleſiſchen

Bergen und ſah Sie, Anna! O, es waren ſelige,

unvergeßliche Stunden, als ich Ihnen täglich gegen⸗ Herr von Hallwig aber war ein

über ſaß, als ich in Ihren Augen den ſtillen Frieden eines edlen Gemüthes, in Ihren Zügen die Heiterkeit einer edlen Seele las. Ich malte für mich ein Miniaturbild, auch ein erſter Verſuch, der mir über raſchend gelang. Werden Sie mir dieſen Raub ver⸗

zeihen? O, wie Pygmalion hätte ich niederknieen

mögen vor meinem Werke, als ich in jedem Zuge die Reize des geliebten Urbildes ſah, das meiner Seele unauslöſchlich eingeprägt iſt! Ja, geliebte Anna! In dieſer Stunde, wo ich eben noch dem Tode in's An⸗ geſicht geſchaut habe, wo Verderben auch auf meinen nächſten Schritten lauern kann, thue ich das heilige Gelübde, daß Dir mein Herz auf ewig geweiht ſein ſoll. Anna, wirſt Du es annehmen? Sende mir ein Wort der Liebe mit des Bruders Briefe, und es wird meine Seele erheben, wenn es mein Loos iſt, auf dem Schlachtfelde einſam zu ſterben, und es ſoll

beigefügt hatte. Freiwalds bisher ſchon günſtige Verhältniſſe ſich durch eine ihm zugefallene Erbſchaft um ein ſo Großes ge⸗ hoben hätten, daß ſie ihn gänzlich unabhängig von allem Erwerbe durch ſeine Kunſtfertigkeit machten. Er wußte, daß ſein Vater, auch ſchon wegen der Standes⸗ verhältniſſe, legte, ſprach entſchloſſener von der Liebe des Freundes

Auch ich trage auf dem Herzen

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mir ein Pfand ſein, daß ich Dich jenſeits als Braut begrüßen kann.

Heinrich v. Winterfeld, als erfahrener Krieger

gewöhnt, raſch alle Dinge zu Ende zu bringen, wo die Umſtände es zulaſſen, gab den Brief dem Vater, nachdem er und erwies ſich als eifriger Sachwalter ſeines Freundes. Zuletzt zeigte er auch noch eine Nachricht, die Freiwald auf einem beſondern Blatte dem Briefe an den Oberſt

darüber Anna's Bedenken beſiegt hatte,

Sie enthielt die Mittheilung, daß

doppeltes Gewicht auf dieſen Umſtand

und endete mit der dringenden Bitte, daß er Anna's

Neigung nicht ferner entgegentreten möchte.

Der Brief und die orte des von ihm ſehr hochgeachteten Sohnes hakten einen tiefen Eindruck auf den alten Baron gemacht. Als Hallwig einige Tage ſpäter ſeine Werbung wiederholte, wurde die Entſcheidung ganz in Anna's Hände ſelbſt gelegt. Zu Anfang des Frühlings verließ die Familie Dresden, da Frau v. Winterfeld bei ihrer durch die andauernden Kriegsleiden geſchwächten Geſundheit der reinen Landluft bedurfte. Der Baron war über alle häuslichen Einrichtungen einverſtanden und die nahe Ausſicht auf den Frieden verſetzte ihn in eine ſo heitere Stimmung, daß er der Gattin aus ſich ſelbſt das Verſprechen gab, Freiwalds Bewerbung um Beide Gatten bemühten ſich jetzt, ihren wackeren Gutsnachbar Wünſche zu verſöhnen; verſtändiger und wohlgeſinnter Mann, und da er wußte, daß ſein Sohn

mit der Vereitelung ſeiner

einer feurigen Liebe nicht fähig war, ſo ward es ihm

nicht ſchwer, ihn von der Nothwendigkeit der Ent⸗ ſagung zu überzengen und ihm andere Pläne annehmlich zu machen. Herr von Winterfeld mit dem Oberſten von einem längeren Ausritt zurück, den ſie in der Abſicht gemacht hatten, ſich von umfaſſenden Aenderungen zu überzeugen, die in gegenſeitiger Ueber einſtimmung angeordnet waren, nachdem der Vater zu dem Entſchluß gekommen war, die Güter bei dem nahe bevorſtehenden Ablauf der Pachtzeit dem nach Thätigkeit ſich ſehenden Sohne zu übergeben. Damit wären wir fertig, lieber Heinrich! ſagte der Baron, als ihnen in einiger Entfernung die Zinnen des Schloſſes aus den es umgebenden Baum⸗

Eines Tages kehrte