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und ihre Bilder ſchwimmen wie Geſpenſter auf dem Meere. Sanct Marcus zeigt ſich und ſeine Gebäulichkeiten durch⸗ ſtreichen die Finſterniß, man nimmt den Platz mit ſeinen Säulen, ſeinem Campanile zwiſchen zwei Reihen Lichtern wahr. Dann läuft die Barke in die verdächtigen kleinen Straßen ein, wo in weiten Zwiſchenräumen eine Pechpfanne ihre Licht⸗ büſchel auf das Waſſer wirft; kein Geſicht, kein Geräuſch, ausgenommen der Ruf des Barkenführers, wenn er um eine Mauer herumfährt; in jedem Augenblick dringt die Gondel durch die Dunkelheit einer Brücke, dann kriecht ſie langſam, wie ein Wurm, der ſich in die Länge ausdehnt, längs der Seiten eines Palaſtes unſichtbar in dem dunkeln Schatten wie der eines Kellers. Plötzlich trennt ſie ſich davon und man entdeckt eine iſolirte Laterne, deren Licht in der Nacht traurig zittert und ihren Wiederſchein auf die Wogen fallen läßt. Eiu anderes Mal ſchlägt eine Woge gegen eine zer⸗ brochene Treppe, zernagte Grundmauern; man unterſcheidet ein vergittertes Fenſter, eine baufällige Mauer und rings um ſich her eine Menge ſich durchkreuzender Canäle, ſich krüm⸗ mende Gewäſſer, die zwiſchen unbekannte Formen eindringen.
Plätze und Straßen.
Bis zu den Gaſſen, den kleinſten Plätzen giebt es nichts,
was nicht Vergnügen gewährt. Von dem Palaſte Loredan, wo ich bin, geht man, um nach St. Marcus zu gehen, durch unregelmäßig gebaute und reizende Straßen, in denen ſich Buden mit Kramerwaaren, Melonen, Gemüſe und Orangen finden und die mit ſeltſamen Trachten, ſchlauen oder ſinn⸗ lichen Geſichtern und einer lärmenden, veränderlichen Menge bevölkert ſind. Dieſe kleinen Straßen ſind ſo eng, zwiſchen ihren unregelmäßigen Mauern ſo ſeltſam geſpannt, daß man über ſeinem Kopfe nur einen ausgezackten Streifen des Him⸗ mels wahrnimmt. Man kommt auf irgend einer Piazzetta, irgend einem verödeten Campo an, wo unter einem vom Licht weißen Himmel Alles weiß iſt. Platten, Mauern, Einfaſſung, Pflaſter, Alles iſt dort Stein; ringsherum ſind verſchloſſene Häuſer und ihre Reihen bilden ein Dreieck oder ein Viereck, je nach dem Bedürfniß oder der Art der Gebäude; eine ſehr fein gearbeitete Ciſterne bildet den Mittelpunct und geſchnitzte Löwen und nackte Nebenfiguren ſpielen auf dem Rande derſelben. Ju einem Winkel iſt irgend eine unregel⸗ mäßig gebaute Kirche, San Moſe,— eine jeſuitiſche Fagade, San Apoſtoli oder San Luca—, ein mit Statuen überla⸗ denes Portal, das von der Feuchtigkeit der ſalzigen Luft und von dem Sonnenbrande ganz braun iſt; ein ſchiefer Lichtſtrahl zerſchneidet das Gebäude in zwei Flächen und die Hälfte der Figuren ſcheint ſich auf den Giebeln zu bewegen oder aus den Niſchen herauszutreten, während die andern in dem bläulichen durchſichtigen Schatten ruhen. Man ſchreitet voran und in einer langen, ſchmalen Straße, die von einer Brücke durch⸗ ſchnitten wird, ſieht man Gondeln auf dem bunten Marmor des Waſſers ſilberne Furchen ziehen. Die Gondel läuft in den Canal ein und eine Griſette in einer ſchwarzen Mantille hebt ihren Rock auf, um ihre weißen Strümpfe, ihre feinen Knöchel und ihren Schuh ohne Abſatz ſehen zu laſſen. Sie hat nicht die ſtolze und harte Miene der Römerinnen; ſie geht unter ihrem ſchwarzen Schleier wellenförmig und zeigt unter den Locken ihrer röthlichen Haare ihren ſchneeweißen Hals. Breit, lachend und ſinnlich, hat ſie das Anſehen eines Pfaues oder noch mehr einer Taube, welche ihren Hals in der Sonne ſchillern läßt. Man verirrt ſich, um ſo beſſer; kein Cicerone; man findet endlich ſeinen Weg nach der Sonne und der Neigung des Schattens wieder. An allen Kirchen,
Zeilung.
an allen Orten, wo die Gondeln anlegen, ſind waleriſche luſtige Burſchen, wahre Lazaroni, deren ganzes Gewerbe darin beſteht, die Gondel gegen die Treppe zu halten, den Gondoliere zu rufen, wenn der Beſucher zurückkommt, ſich im Sonnenſchein herumzutreiben, zu ſchlafen und zu betteln. Sie ſtrecken ihre Hand aus und man betrachtet ihre ſchmutzigen, abgetragenen Lumpen, durch die ihr Fleiſch hindurch ſcheint; ſie ſind von einer ſchönen dunkeln Farbe und nehmen ſich auf den leeren Quais ſehr hübſch aus.— Man kommt auf dem St. Marcus⸗Platz an; die Sonne iſt verſchwunden, aber San Giorgio, die Thürme, die Gebäulichkeiten von Ziegelſteinen ſind eben ſo roth wie die Blüthe des Pfirſich⸗ baums, und im Weſten umgiebt ein purpurrother Dampf, eine Art von Lichtſtaub den Horizont. Jetzt beginnt man die Lichtguirlanden unter den Arcaden der Procuratorien anzuzünden. Man ſetzt ſich im Café Florian in eins jener kleinen Cabinete, die mit Spiegelſcheiben und lachenden alle⸗ goriſchen Figuren bekleidet ſind; mit halbgeſchloſſenen Augen läßt man in ſeinem Innern die Bilder des Tages vor ſich vorübergehen, die ſich ordnen und wie in einen Traum um⸗ geſtalten; man läßt in ſeinem Munde parfümirten Sorbet zerſchmelzen, dann erwärmt man ihn mit einem ausgezeich⸗ neten Kaffee, wie man ihn in ganz Europa nirgends weiter findet; man raucht Tabak aus der Levante und man ſieht liebenswürdige, geputzte Blumenmädchen in einem ſeidenen Kleide ankommen, die, ohne etwas zu ſagen, ein Blumenbou⸗ quet auf den Tiſch legen. Indeſſen hat der Platz ſich mit Menſchen gefüllt; eine ſchwarze Maſſe treibt ſich in dem Schatten umher, der hier und dort von einem Lichtſtrahl durchbrochen wird; wandernde Muſiker ſingen oder ſie geben mit Violinen und Harfen ein Concert.— Man erhebt ſich und hinter dem mit beweglichen Schatten bevölkerten Platze am Ende einer doppelten Reihe von erleuchteten und heitern Buden bemerkt man den St. Marcus, ſeine ſeltſame orien⸗ taliſche Vegetation, ſeine zwiebelförmigen Thürme, ſeine Stacheln, ſein Gewebe von Statuen unter dem Zittern von zwei oder drei verlornen Lampen.
Phyſiognomiſche Plandereien.
Die phyſiognomiſchen Beobachtungen, welche ſich nach und nach Freunde dieſer angehenden Wiſſenſchaft zuſammen⸗ gebaut haben, ſind ebenſo zahlreich, als für den Laien anziehend, und wir haben erſt kürzlich ein Büchelchen dieſer Art erwähnt. Hier noch einige Hypotheſen über Mund, Zähne und Ohren unſerer Mitmenſchen.
Der Mund iſt der Dolmetſcher und der Repräſentant des Geiſtes und des Herzens; er vereinigt in ſeinem Zuſtande der Ruhe und in ſeinen Bewegungen eine ganze Welt von Charakteren und iſt ſelbſt in ſeinem Schweigen beredt. Man kann ihn mit Recht als eines der erhabenſten Wunder unter den vielen andern Wundern des menſchlichen Körpers betrachten.
Was der Mund andeutet oder verräth, iſt daher von unendlicher Mannigfaltigkeit, und es gehört ein ſcharfes Auge und ein gründlich beobachtender Geiſt dazu, die ver— ſchiedenen Nüancirungen aufzufaſſen und die Zeichen richtig auszulegen. Wollte man indeß die hier möglichen Beob— achtungen erſchöpfen, ſo müßte man alle nur denkbaren
menſchlichen Regungen, Gefühle, Eindrücke und Leiden⸗
ſchaften in ihren verſchiedenen Abſtufungen durchgehen, denn alle finden mehr oder minder ihren Ausdruck durch den Mund. Wir begnügen uns daher mit dem Weſentlichſten;
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