den Nudeln, dordringen, 7, lännende
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Vierte
ſie her neigt ſich ein Kreis von jungen Frauen mit einem wollüſtigen und dennoch ſtolzen Lächeln, mit dem ſeltſamen venetieniſchen Reiz, dem einer Göttin, in deren Adern das Blüt einer Courtiſane fließt, die aber auf ihrer Wolke ein⸗ hergeht und die Männer zu ſich lockt, anſtatt bis zu ihnen herabzufallen. Auf ihren blaßvioletten Gewändern in der Nähe ihrer azurblauen und goldnen Mäntel erſcheinen ihr lebhaftes Fleiſch, ihre Rücken und Schultern im vollen Lichte oder ſchwimmen im Halbſchatten, und die weiche Rundung ihrer Nacktheit begleitet die friedliche Munterkeit ihrer Hal⸗ tungen und Geſichter. In ihrer Mitte ſcheint die prunkvolle und dennoch ſanfte Venetia eine Königin, welche in ihrem Range nur das Recht in Anſpruch nimmt, glücklich zu ſein und welche diejenigen glücklich machen will, die ſie betrachten; zwei in umgekehrter Stellung in der Luft ſchwebende Engel ſetzen eine Krone auf ihren ſchönen Kopf.
Welch ein erbärmliches Inſtrument iſt doch das Wort! Ein atlasartiger Fleiſchton, ein Lichtſchatten auf einer nackten Schulter und ein Zittern der Durchſichtigkeit auf einem be⸗ weglichen Seidenſtoff ziehen die Augen eine Viertelſtunde an, halten ſie feſt und rufen ſie wieder zurück, und man hat nur unbeſtimmte Worte, um das auszudrücken. Womit vermag man die Harmonie eines blauen Gewandes auf einem gelben Rock oder eines Armes, deſſen eine Hälfte im Schatten und die andere unter dem Sonnenlicht iſt, zu zeigen? Und dennoch iſt faſt die ganze Macht der Malerei in der Wirkung eines Tons in der Nähe eines andern, wie die der Muſik in der Wirkung einer Note auf eine andere; das Auge erfreut ſich körperlich wie das Gehör und die Schrift, welche zu dem Geiſte gelangt, berührt die Nerven nicht.
Unter dieſem idealen Himmel, hinter einem Geländer ſind Venetianerinnen in dem Coſtüme der Zeit, den Hals und die Bruſt entblößt mit einem ſteifen Schnürleib. Das iſt die wirkliche Welt, und ſie iſt eben ſo verführeriſch wie die andere. Sie blicken geneigt und lächelnd, und das Licht, welches ihre Kleider und ihr Geſicht theilweiſe beleuchtet, fällt oder breitet ſich mit ſo koſtbaren Contraſten aus, daß man vor Vergnügen ganz aufgeregt wird. Bald iſt es die Stirn, bald ein ſchönes Ohr, ein Halsband, eine Perle, die aus dem Schatten hervortreten. Die Eine, in der Blüthe der Jugend, hat die anziehendſte Geſichtsbildung. Eine Andere, breit und vierzig Jahre alt, hebt die Augen in die Höhe und lächelt mit der ſchönſten Laune von der Welt. Dieſe, in ihren rothen, goldgeſtreiften Aermeln prächtig, ſteht ſtill und ihr Buſen hebt das Hemd unter ihrem Schnürleibe. Ein kleines blondes, nicht friſirtes Mädchen hebt ihr niedliches Händchen mit der eigenſinnigſten Miene empor und ihr friſches Geſicht iſt eine Roſe. Es giebt nicht Eine darunter, die ſich nicht ihres Lebens freut und die nicht luſtig iſt. Und wie dieſe ſteifen, ſchillernden Seidenſtoffe, dieſe weißen, klaren Perlen auf dieſen durchſichtigen Geſichtsfarben, die delicat wie Blumenblätter ſind, ſich ſo gut ausnehmen!
Ganz unten endlich treibt ſich die lärmende männliche Welt unſerer Krieger, ſich bäumende Roſſe, ein Soldat, welcher eine in Draperien eingehüllte Trompete bläſt, ein nackter Mannesrücken neben einem Helm und in allen
Räumen eine Menge zuſammengepreßte kräftige und leben⸗
dige Köpfe; in einem Winkel eine junge Frau mit ihrem Kinde, das Alles zuſammengehäuft, geordnet und mit einer Leichtigkeit und einem Reichthum des Genies vielfach ver⸗ ändert, das Alles leuchtet wie das Meer im Sommer von einer verſchwenderiſchen Sonne. Das müßte man mit ſich fortnehmen können, um eine Idee von Venedig zu bewahren.
Jolge. 811
Ich ließ mich in den öffentlichen Garten führen; nach einem ſolchen Gemälde kann man nichts weiter ſehen, als natürliche Gegenſtände. Derſelbe iſt ein ebener Platz am Ende der Sadt, dem Lido gegenüber. Grüne Sträucher bilden Hecken; auf den Rabatten öffnen ſich ſchon gelbe und rothe Blumen, die Wipfel der Platanen und Eichen ſpiegeln ſich in dem glänzenden Meere wieder. Am öſtlichen Ende iſt eine Terraſſe, von welcher man den Horizont und die fernen Inſeln ſieht. Von dort betrachtet man unter ſeinen Füßen das Meer, das in langen und dünnen Wogen auf einem röthlichen Sande einherrollt und den Augen ein Schau⸗ ſpiel bietet, deſſen Schöhnheit ſich nicht beſchreiben läßt. Ein azurblauer Himmel dehnt ſeinen Bogen aus, deſſen Ende auf dem Lido ruht und drei oder vier unbewegliche Wolken ſcheinen Bänke von Perlmutter zu ſein.
Ich drang weiter voran und endigte dieſen Tag auf der See.
Endlich erhob ſich der Wind und die Nacht ſtellte ſich ein. Blaſſe Tinten, gelblichgrau und grünlich, ließen ſich auf das Waſſer herab; es ſtürmt in der Ferne undeutlich und ſeine ſchwärzlichen, hoch gehenden Wogen laſſen ein langes Gefühl der Beſorgniß zurück. Der Wind kämpft und treibt am Himmel die großen Wolken fort; die letzte Spur der Feuersbrunſt, welche den weſtlichen Himmel röthete, iſt verſchwunden. Von Zeit zu Zeit zeigt ſich der Mond zwiſchen einer ſich zertheilenden Wolke, verſchwindet aber faſt eben ſo ſchnell, wie er ſich gezeigt, nachdem er eine Minute lang ſein Licht über die ſtürmiſchen Wogen verbreitet hat.
Nichts vermag die Farbe des Waſſers in einer ſolchen Nacht auszudrücken, braun, dunkel jaspisfarbig, zuweilen bleich, aber brauſend von zahlloſen Bewegungen der Wogen hört man es anfangs, ohne es faſt zu ſehen, ohne in dieſer großen Wüſte wogender Formen etwas zu unterſcheiden. Allmälig gewöhnen die Augen ſich daran und fühlen das unvergängliche Licht, das ſtets aus demſelben herausdrängt. Wie ein Spiegelglas in einem verſchloſſenen Zimmer, wie einer jener Zauberſpiegel in unbekannten Tiefen, welche die Legenden uns beſchreiben, glänzt es dunkel, geheimnißvoll, aber es glänzt immer; bald iſt es die Spitze einer kleinen auftauchenden Welle, bald der Rücken einer großen Woge, bald die polirte Seitenwand einer ruhigen Waſſerfläche, bald auch das Hin⸗ und Herſpringen eines wirbelförmig aufgeregten Waſſers, das einen Blitz, einen fernen Wieder⸗ ſchein ergreift. Alle dieſe ſchwachen Lichtſtrahlen durchkreuzen, bedecken, vermiſchen ſich und ſo geht aus der großen Schwärze eine zweifelhafte Helligkeit hervor, wie aus einem in dem Schatten bemerkten Metall ein ſchwaches, blaſſes Licht, der unauslöſchliche Glanz des Waſſers, den der todte Himmel vergebens zu trüben ſucht.
Zwei⸗ oder dreimal trat der Mond ganz hinter den Wol⸗ ken hervor und dann erſchien ſein langer, wankender Licht⸗ ſchweif wie der einer Trauerlampe, die vor der ſchwarzen Bekleidung eines ſehr großen Katafalks angezündet worden wäre. Am Horizont erſchien Venedig mit ſeinen Lichtern und Gebäuden in einer unbegrenzten Entfernung, wie eine Proceſſion von Fackeln.
Die Barke nähert ſich; zur Linken liegt in einer außer⸗ ordentlichen Stille der Canal Orfano unbeweglich und ver⸗ ödet; die Ruhe des ſchwarzen und glänzenden Waſſers durch⸗ dringt alle Nerven mit Vergnügen und Schrecken. Der Geiſt verſenkt ſich unwillkürlich in dieſe kalten Tiefen. Welch ein ſeltſames Leben iſt das dieſes ſtummen und nächtlichen Waſſers! Indeſſen vergrößern ſich die Kirchen und Paläſte


