Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
807
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Wahrlich! ſtolze Rede führt Ihr! Sprach der Kurfürſt höhniſch lachend, Und gar ſchlimme Poſten hätt' ich, Ferner Euer Herz bewachend.

Eure Schuld iſt klar bewieſen; Doch wir wollen glimpflich richten, Und nur ſtete Haft verordnen,

Die Euch mahne an die Pflichten.

Dorothea's Lippen beben,

Ihre dunklen Augen blitzen. Glaubet nicht, daß ich erzitt're Vor der Meuchler Dolchesſpitzen.

Nur die Schande beugt mich nieder. Bis zu meinem letzten Odem

Schwör' ich, daß ich ſchuldlos leide, Schwör's bei Gott und dieſem Todten!

Kurfürſt Georg zuckt die Achſeln, Ruft dann durch die off'ne Thüre Den Befehl,daß man die Dame Hier, in ihre Zimmer führe

Und bei Strafe ſeines Zornes, Jeden Eingang wohl behüte. Alſo kalten Herzens brach er

Seines Landes ſchönſte Blüthe!

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Catull's Gedichte, überſetzt und erläutert von Weſtphal. Breslau, bei Leuckart(Conſtantin Sander). 1867.

Wir haben ſchon mehrere Male bei tonangebenden Veranlaſſungen Gelegenheit genommen, über deutſche Uebertragungen antiker Poeſien in Reim und deutſchen Rythmus zu reden. Sie erinnern ſich, daß das Re⸗ ſultat des Urtheils nicht immer zu Gunſten dieſes Principes ausfallen konnte. Es kommt indeß ganz auf die Gründlichkeit der Arbeit und auf die Frage an, ob der Ueberſetzer Ingenium und Künſtlerſchaft genug beſitzt, Charakter und Stimmung des antiken Metrums richtig empfinden und in denſelben Farben, wenn auch in einem andern Sprach⸗ und Versmedium, wiedergeben zu können.

In Weſtphal haben wir nun einen Mann von eminenter Begabung, verbunden mit großem deutſchen Sprachtalent, vor uns, einen keineswegs trockenen

Vierte SFolge.

Gelehrten, ſo innig er ſich auch in das Studium der alten Metra( ſogar ſchon in einem früheren Werke in die Ergründung der antiken Muſik) vertieft hat. Ich will dieſes ſtarkklingende Lob gleich beweiſen, indem ich die Verdeutſchung des bekannten, nach der Handſchrift achten Gedichtes von Catull hier einflechte. Der vortreffliche Lateiner hat es:Ein Talent, doch kein Charakter überſchrieben:

Hör' auf, Catull, zu denken wie die Thoren

und was verloren iſt, das iſt verloren.

Ja einſtens lachte ſonnig dir die Welt:

Du gingſt, wohin dich Lesbia beſtellt

und triebſt mit ihr ſo manchen tollen Scherz,

zur Freude dir, der Liebſten nicht zum Schmerz;

o wie ich die geliebt, ſo liebt kein zweites Herz!

Ja wahrlich, ſonnig lachte da die Welt.

Jetzt ſagt ſie: Nein. Du wirſt dich drein ergeben, laß fliehn was flieht, führ' ein gemüthlich Leben, ertrag's mit ſtarker Seele, ſei ein Held.

Leb' wohl, mein Kind, Catull iſt ein Charakter.

Er mag dich nicht mehr, da du nicht mehr ſein biſt. Doch dich wird's reu'n, wenn du fortan allein biſt; dein harrt ein ödes Daſein, das nicht fein iſt,

der Liebe baar iſt etwas abgeſchmackter?

Wer wird nun kommen? Wer dich an ſich reißen? Wen wirſt du lieben? Weſſen Traute heißen? Wen wirſt du küſſen? Wem die Lippen beißen? Catull bedankt ſich der iſt ein Charakter.

Dies iſt in der That eine reizende Arbeit der Ueberſetzungskunſt. Trotzdem der Verfaſſer das Ori⸗ ginal der Form nach ganz frei behandelt hat und dem Reim ſogar ein gewiſſes Spiel geſtattete, ſo wirkt doch ſelbſt dies dienſtbar und bezeichnend und der Totaleindruck harmonirt ganz mit dem Lateiniſchen. Dazu kommt noch bei dieſen und ſo vielen andern aus⸗ gezeichneten Uebertragungen dieſes Dichters von Weſt⸗ phal, daß er einen gewiſſen Geiſt römiſcher Modernität, ſatyriſch⸗frivolen Witzes und vornehm eleganter Sou⸗ veränetät ausathmet, der ns an ähnliche Klänge und ironiſirende, ſich ſelbſt krinſch beſpiegelnde Lyrika einiger neuer Poeten erinnert. Man ſteht bei Catull mitten in der Converſation des luxuriöſen Roms und ſeiner Glanz, Verderbniß und Lebensgenuß nach⸗ äffenden Provinzialhauptſtädte, und man hört von dem ebenſo anziehenden als in ſittlicher Beziehung abge⸗ härteten Manne in der Toja einzelne Wendungen und gloſſirende Ausſprüche, daß man glauben könnte, es ſpräche Byron, Puſchkin oder Heinrich Heine.

Gerade ſolche Stellen hat Weſtphal köſtlich

wiedergegeben und ſchon um ihretwillen war es noth⸗

wendig, von dem ſteifen undeutſchen Kothurn der ſchulmeiſterlichen Nachahmung antiker Strophen abzu⸗ weichen.

Aber auch in den wenigen Momenten, in welchen