welches glücklicherweiſe durch eine Winterfeld bekannte Nebenſtraße früher, als auf dem gewöhnlichen Wege der Fall geweſen ſein würde, erreicht wurde.
Roſette gerieth außer ſich, als ſie ihre Herrin bleich und mit blutgefleckter Binde um den Arm erblickte, ſobald ſie den ſeidenen Umwurf von ihren Schultern genommen hatte. Sie war nicht eher zu beruhigen, bis ſie ſich wiederholt überzeugt, Wunde, die nur noch wenig nachblutete, kei
ſo gefährlich war, als ſie im erſten Augenblicke gedacht
hatte. Zu Roſettens vielen anderen guten Eigen⸗ ſchaften gehörte auch die Kenntniß mancher äußeren Heilmittel, die ſie von ihrem Vater, einem haunoveri⸗ ſchen Förſter, erlernt hatte, der deshalb in ſeinem Reviere bei den Landleuten in großem Anſehen ſtand.
„Etwas Charpie, ein kleines Heftflaſter und ein kühlender Umſchlag ſollen den ſchönen Arm in wenigen Tagen vollſtändig heilen— haben Sie auch keine Bange, liebe gnädige Frau, um eine Narbe, ich ver⸗ ſtehe meine Kunſt.“ Mit dieſen Worten eilte Roſette hinweg, um das Nöthige zu einem regelrechten Ver⸗ bande herbeizuſchaffen.
Die Gräfin aber ſank erſchöpft auf den Divan, zog Winterfeld neben ſich und ſagte mit kaum hörbarer Stimme:„Geliebter, es iſt vorüber— aber welch ein ſchrecklicher Abend folgte nach dem prächtigen, ſo genußreichen Morgen! Iſt's nicht ein Wunder, daß wir Beide noch leben!“
„Daß ich lebe, danke ich ja Dir allein, mein verrlicher Schutzengel, zum andern Male! Dein Leben aber haſt Du unſerem edlen Pleſſen zu verdanken; er kam im Augenblick an, wo ich Dich mir ſchon ſterbend in meinen Armen dachte, ohne weiter an mich ſelbſt zu denken,“ ſprach Winterfeld und legte den Kopf der Geliebten ſanft an ſeine Schulter.
„Es iſt doch ein ſchreckliches Land, dieſes Spa⸗ nien; wie ſchnell und wie entſetzlich bin ich erwacht aus dem Traume, den ich heute Morgen hinſicchtlich unſeres Lebensglückes träumte, als mein Blick mit Entzücken vom puente de Rio auf Valencias para⸗ dieſiſchen Fluren verweilte! Hat ſich dergleichen ſchon mehr ereignet, ſeitdem Du in dem Lande verweilſt, wohin Du auf des Königs eigenen Befehl verſetzt wurdeſt?“
„In Valencia hat man bisher noch wenig von an Franzoſen verübten Mordthaten gehört,“ entgegnete Winterfeld;„in Catalonien waren ſie eine Zeitlang an der Tagesordnung, bis der Marſchall ein ſchreck⸗ liches Gericht übte an der Stadt Martorell, deren Bewohner eine ganze Reiterescadron in derſelben Nacht erſchlugen, in welcher der Prior des Kloſters, wo die Officiere ihr Quartier genommen, ſeine arg⸗
Dierte Jolge.
daß die nannten Großthaten der Spanier ſe neswegs Hand mit im Spiele. Denn die jetzige Erhebung
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loſen Gäſte durch vergifteten Wein tödtete, den er ihnen als noch etwas ganz Beſonderes nach dem Abendeſſen vorſetzte. Es iſt die Folge des Fanatis⸗ mus, der, genährt durch die Pfaffen, mit dem inner⸗ ſten Leben des Volkes ſo verwachſen iſt, daß noch ein Jahrhundert dazu gehören kann, ehe es ganz davon befreit iſt. Der Fanatismus hat auch bei den ſoge— hr bedeutend die
des Volkes gegen den Kaiſer und gegen die gewiß wohlthätigen Inſtitutionen des Königs Joſeph— was iſt ſie anders, als angeborener Fanatismus, der durch Prieſterwort und Beiſpiel zu cannibaliſcher Wuth entflammt iſt!“
„Und doch haſt Du mir viele Officiere genannt, die ſich in Barcelona mit Spanierinnen verheirathet haben, und andere, ſogar von Deinem Regimente, die nahe daran ſind, ſich mit ſchönen Spanierinnen zu verloben.“
„Giebt es doch trotz Allem Ausnahmen unter den Frauen des romantiſchen Landes, ſchöne, wahrhaft edle Damen, z. B. die junge Condeſſa Perez de Caſtro, die wahrſcheinlich unſer Freund Pleſſen heimführen wird. Glaube mir, theure Inlie, ſeinem Beiſpiele werden noch Manche folgen, wenn es noch länger danert mit unſerm Aufenthalte hier.“
„Da könnte mir ja faſt dangen um Dein Herz, lieber Winterfeld, bei Deinem täglichen Umgange mit ſo vielen außerordentlichen Schönheiten,“ ſagte die Gräfin, lächelnd zu ihm aufblickend.
„Ich kenne nur Eine Liebe, meine Liebe zu Dir, meine vortreffliche Julie, und wahre in dem meinigen das Herz, das Du mir geſchenkt, deſſen Treue Du heute mit Deinem Blute beſiegelt haſt.“
Roſette trat jetzt mit den nöthigen Verband⸗ requiſiten ein und ſetzte ferneren Herzensergüſſen der Liebenden ein Ziel, indem ſie verſicherte, daß nach dem jetzt vorzunehmenden regelrechten Verbande der Schlaf das beſte Heilmittel für die verwundete Ge⸗ bieterin ſei.
Winterfeld ging, nachdem er von der Gräfin das Verſprechen erhalten, wenigſtens noch einige Tage über die ſchon für die zur Abreiſe beſtimmte Zeit in Va⸗ lencia zu bleiben. 3
Bei ihrer kräftig geſunden Conſtitution und unter der treuen Zofe ſorgſamer Pflege war die Wunde der Gräfin, die keine edlen Theile verletzt hatte, ſchon nach einigen Tagen verharſcht. Sie ſchrieb an die Königin, daß ihr Aufenthalt im ſchönen Valencia ſich um zwei bis drei Tage verzögern könne und ſprach die feſte Hoffnung aus, unter huldvoller Berückſich⸗ tigung der Verhältniſſe der Verzeihung für die ſchein⸗


