Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
775
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Wird welken Dein Kranz, Du junges Gemüth?

Ob nicht Dein Frohſinn für immer verblüht?

Als gelt' es zu ſterben den ſchlimmſten Tod, Die Jungfrau ruft in der Seele Noth:

Liebwerthe Mutter, o ſteh' mir bei, Dein frommer Segen zum Heil mir gedeih'!

Sie rührt an des Kreuzes goldenem Schein, Winterkönig flieht vor Grauen und Pein.

Und fernhin eilet die Maid durch die Nacht, Winterkönig grollet mit Windesmacht.

Sie tritt in den Schnee, ſo kalt und ſchwer, Winterkönig geht ſauſend hinterher:

Mein Schloß birgt manchen kryſtall'nen Schrein Mit rothem Golde und CEdelgeſtein,

Und gehſt in den Hallen Du ab und auf, Rings liegen die Silberbarren zuhauf.

Das Silber brennt und weiß iſt die Loh', In ihrem Schein wird das Herz ſo froh.

Die weiße Frau im blendenden Kleid Hält für Dich ein prächtiges Bett bereit.

Schneefräulein kommen gar ſchön und fein, Sie ſollen der Königin Zofen ſein.

O folge mir ſchnell in das Zauberreich, Das heilige Lichtfeſt beginnt ſogleich!

Schon hat er die Jungfrau wieder erfaßt, Zum zweiten Mal ruft ſie in banger Haſt:

Liebwerthe Mutter, o ſteh' mir bei, Dein frommer Segen zum Heil mir gedeih'!

Sie rührt an des Kreuzes goldenem Schein, Winterkönig flieht vor Grauen und Pein.

Und fernhin eilet die Maid durch die Nacht, Winterkönig tobet mit Sturmesmacht:

O ſträube Dich nur und ſetz' Dich zur Wehr, Ich laſſ' Dich doch nimmer und nimmermehr!

Und wieder ſtreckt ſich ſein Arm, o Graus, Zum dritten Mal ruft die Jungfrau aus:

Liebwerthe Mutter, o ſteh' mir bei, Dein frommer Segen zum Heil mir gedeih'!

Sie rührt an des Kreuzes goldenem Schein, Winterkönig flieht vor Grauen und Pein.

Vierte Holge.

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Sein Schrei iſt ſo wild, als ob Feld und Wald Wär' der Rieſen und Drachen Aufenthalt.

Geſpenſtig tanzet der Wirbelwind Weh', der Verfluchte auf Rache ſinnt!

Er winkt, da rührt ſich's in Schacht und Kluft, Da kommt es gewogt durch die rauhe Luft,

Da tobt es ob all dem wilden Grund, Das Määgdlein tritt ſich die Füße wund.

Ich fürchte, ich fürcht', die ſtürmiſche Jagd Erfaßt und begräbt auch die feine Magd!

Sieh' da, das Kreuz zu leuchten beginnt, Der Geiſterſpuck rings wie Dampf zerrinnt.

Die Jungfrau ſtärket das himmliſche Licht, Winterkönigs hölliſche Kunſt zerbricht!

Schon hat ſie glücklich das Haus erreicht, Gottlob, nun Seele und Leib wird leicht.

Sie ſinkt an der Schwelle in die Knie', Schnell kommt die Mutter undzküſſet ſie.

Nun, klopfendes Herz, ſprich immerzu: O Mutterſegen, wie ſtark biſt du!

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Guizot's Geſchichte von Richard Crom⸗ well. Leipzig, Senf's Verlag. 1867.

Es tritt Ihnen aus dieſem Werke wie aus man⸗ chen Schriften Guizot's lebhaft der beſondere Unter ſchied entgegen zwiſchen der Art, wie ein einfach ge⸗ lehrter Hiſtoriker, ein Profeſſor der Geſchichte oder ein Politiker und Diplomat, mag er noch ſo unter richtet ſein, Geſchichte zu ſchreiben pflegen. Metter⸗ nich ſagte einmal, nur der Mithandelnde, nicht aber der Stubengelehrte fand die geheimen Fäden politi⸗ ſcher Actionen auf. Es liegt eine große, wenn auch begrenzte Wahrheit in dieſem Ausdruck, deſſen wört⸗ liche viel weiter ſpecialiſirte Faſſung ich hier übergehe. Ebenſo ſucht nun der Politiker von Fach, ſobald er Geſchichte ſtudirt und ſchreibt, auch wenn er bei der⸗ ſelben nicht mithandelndes Glied ſein konnte, eben jene geheimen Fäden zumeiſt an's Licht zu ziehen, er iſt es gewohnt, die Aufführungen des Welttheaters mehr hinter als vor den Couliſſen wahrzunehmen, und ſo findet ſich in ſolchen Arbeiten ſtets eine beſon⸗