Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
759
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18 Uran Drang ang,

Alahl

ott Banck.

ew, deutſch von Riegel'ſche Uni⸗ in werden, ſchon geplaudert beit über

8₰

Gelegen

Der Stoff iſt reich und wird ganz beſonders von Turgénjew bereichert, den Bodenſtedt ſo vorzüglich überſetzt hat, daß ſich jede Erzählung wie ein deutſches Original lieſt und dabei doch alle jene Einzelheiten möglichſt wiedergegeben ſind, die wie eine liebens⸗ würdige Dämonie dem Sprachgenius jedes Volkes an⸗ hangen. Und gerade dieſe Novellen, welche uns hier in einer höchſt nobeln und für den Leſer angenehmen Ausſtattung vorliegen, waren ſehr ſchwer zu überſetzen, da Turgénjew neben aller ſcharfen Charakteriſtik und einer nur den Ruſſen eigenthümlichen Realität ein Lyriker in Proſa iſt.

Nicht in allen Stoffen tritt ſein phantaſtiſches Element, das ſich ſo gern mit dem dunkeln Weben der Naturſeele vorbindet, gleich lebhaft hervor. Zu⸗ weilen aber dominirt es ganz, wie in einer kleinen Erzählung, dieErſcheinungen betitelt iſt. Der Poet hat es uns zu rathen überlaſſen, ob er nur Träume, oder die Idee der Vampyrfabel oder der Williſage dichteriſch umkleiden wollte. Er wird halb im Traum und halb im Wachen unter den Einflüſſen des Mond⸗ lichts und ſeiner wandelbaren Gebilde von einem leiſe flüſternden weiblichen Schemen eingeladen, Nachts an die Waldesecke zur einſamen Eiche zu kommen. Die Cinladungen wiederholen ſich mehrere Tage und erfüllen den Erzähler mit Schauer. Endlich gehorcht er dem Drängen dieſer geheimnißvollen Gewalt und ſchreitet durch die Dämmerung zur Eiche. Folgen wir nur dem Anfang dieſer Scenen, um die Schilderungen des Dichters kennen zu lernen.

In dieſe Eiche, ſo erzählt er, hatte vor vielen Jahren der Blitz eingeſchlagen. Der Wipfel war zer⸗ ſchmettert und verdorrt, aber im Stamme war noch Leben auf Jahrhunderte geblieben. Als ich mich ihr näherte, flog ein Wölkchen über den Mond; unter den weitausgeſtreckten Zweigen lag tiefes Dunkel. Anfangs fiel mir nichts Beſonderes auf; aber ich blickte zur Seite und das Herz ſank mir in der Bruſt: die weiße Geſtalt ſtand unbeweglich neben einem hohen Strauche, zwiſchen der Eiche und dem Walde. Die Haare ſträubten ſich mir leicht auf dem Kopfe; doch ich faßte mir ein Herz und ging auf den Wald zu.

Ja, ſie war es, meine nächtliche Erſcheinung. Als ich näher an ſie herantrat, erglänzte der Mond wieder. Sie ſah aus, wie aus halbdurchſichtigem, milch⸗ weißem Nebel gebildet; durch ihr Geſicht hindurch konnte ich einen leiſe vom Wind bewegten Zweig ſehen nur die Haare und Augen dunkelten ein wenig und an einem Finger ihrer zuſammengelegten Hände glänzte ein ſchmaler Ring von mattem Golde. Ich blieb vor ihr ſtehen und wollte ſie anreden; allein

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Vierle Folge.

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die Stimme erſtarb mir in der Bruſt, obwohl ich keine beſondere Furcht mehr fühlte. Ihre Augen hefteten ſich auf mich: in dem Blicke lag weder Gram noch Freude, aber eine gewiſſe lebloſe Aufmerkſamkeit. Ich wartete, ob ſie nicht reden werde, aber ſie ſtand unbeweglich und ſtumm, mich unausgeſetzt mit ihrem ſtarren Blicke anſehend. Mir wurde wieder unheimlich zu Muthe.

Ich bin gekommen! rief ich endlich mit An⸗ ſtrengung. Meine Stimme ertönte dumpf und ſeltſam.

Ich liebe Dich, ließ ſich ein Geflüſter ver nehmen.

Du liebſt mich? wiederholte ich verwundert.

Gehöre mir an! gab das Geflüſter zur Antwort.

Ich Dir angehören? Aber Du biſt ein Geſpenſt ohne Körper. Ich fühlte mich ſeltſam bewegt und belebt.Was biſt Du, Rauch, Luft, Dampf? Ich Dir angehören? Zuvor ſag' mir, wer Du biſt. Haſt Du auf Erden gelebt? Woher biſt Du gekommen?

Gehöre mir an. Ich werde Dir kein Leides zufügen. Sag' nur dieſe drei Worte: Nimm mich hin!

Ich ſah ſie an.Was redet ſie da? dachte ich.Was bedeutet dies Alles? Und wie will ſie mich nehmen? Oder gilt's einen Verſuch?

Nun wohlan, ſprach ich deutlich, ja unerwartet laut, als ob Jemand von hinten mich ſtieße:Nimm mich hin!

Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als die geheimnißvolle Geſtalt mit einem inneren Lachen, von welchem auf einen Augenblick ihr Geſicht erbebte, vorwärts ſchwebte, ihre Hände löſte und nach mir ausſtreckte. Ich wollte entfliehen, allein ich war ſchon in ihrer Gewalt. Sie umſchlang mich, mein Körper erhob ſich eine halbe Elle über die Erde und wir wurden Beide leicht und nicht allzu raſch über den unbeweglich feuchten Boden hinweggetragen.

Anfangs wirbelte mir der Kopf und unfrei⸗ willig ſchloß ich die Augen; nach etwa einer Minute ſchlug ich ſie wieder auf. Wir ſchwebten wie früher dahin. Aber der Wald war ſchon nicht mehr zu ſehen: unter uns dehnte ſich eine Ebene aus, mit ſchwarzen Puncten beſprengt. Mit Schrecken nahm ich wahr, daß wir uns zu einer ſchauerlichen Höhe erhoben hatten.

Ich bin verloren, ich bin in der Gewalt des Böͤſen, durchzuckte es mich wie ein Blitz. Bis zu dieſem Augenblicke war mir der Gedanke von der Obmacht dämoniſcher Kräfte, von der Möglichkeit des Verderbens nicht in den Kopf gekommen. Wir ſchwebten unaufhaltſam weiter und ſchienen uns immer mehr zu erheben.

Wohin trägſt Du mich? ſtöhnte ich endlich.

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