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Vierte
intereſſant, noch mehr ſind es aber einzelne, auf ſeine neue Wiſſenſchaft bezügliche Actionen Rogers ſelbſt.
Wir wollen hier mit einer derſelben das ſchöne Geſchlecht erſchrecken:
Ein Lord, mit welchem Rogers bekannt war und den er halb und halb zum Anhänger der Buccomantie gewonnen hatte, beſuchte ihn in Geſellſchaft zweier Damen und eines jungen Mannes zum Mittagseſſen. Der Grund dieſes Be⸗ ſuches war, daß der Lord wünſchte, Rogers möchte den Mund der jüngeren Dame, ſowie den des jungen Mannes, nach allen Regeln der Buccomantie ſtudiren und danach die Charakterſchilderung Beider entwerfen und ihnen das Horo⸗ ſkop ſtellen.
Rogers kam dieſem Wunſche bereitwillig nach und that dann gegen den Lord heimlich den Ausſpruch:
„Der Mund der Dame iſt ein bewundernswerthes Meiſterſtück; er zeigt Iwar einige zweideutige Linien, aber im Ganzen verkünden die Lippen, die Zähne, beſonders aber der Mund ſelbſt, mehr gute enſ nichaſten als Fehler.“
Der Lord bat inde genaueres Studium und geſtand zugleich, daß es Heirath handle. Zugleich bat er Herrn Rogers, beiden andern Perſonen, einen höheren Artillerisofficier und eine Dame von etwa vierzig Jahren, ebenfalls einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen. Rogers that dies um ſo lieber, da auch ſein eigenes Intereſſe durch deren äußere Erſcheinung erweckt war, und er fand nun folgendes Reſultat:
Der wie ein Vogelſchnabel geſpaltene Mund der älteren Dame deutete auf einen beinahe unwiderſtehlichen Hang zur Schwätzerei; da ſie ſich aber trotz der angenehmen und leb⸗ haften Unterhaltung ſehr ſchweigſam gezeigt hatte, ſchloß Rogers auf Lügenhaftigkeit und choleriſches Temperament, denn nur die Beſorgniß, dieſes zu verrathen, konnte die Lippen ſo lange geſchloſſen gehalten haben. Dieſe Anſicht beſtätigte ein ſpöttiſches und ſardoniſches Lächeln, welches die Gewohnheit des Lügens auf ihrer Oberlippe zurückgelaſſen hatte. Die beiden Mundwinkel, welche ſo aufgeworfen waren, daß man die Zähne ſah, bezeichneten zugleich einen auf⸗ fahrenden, zornigen und ungeſtümen Charakter.
Die Prüfung der jüngeren Dame, die Tochter der erſt⸗ genannten, zeigte dem Beobachter ein Geſicht von der voll⸗
näßigkeit; ihre ſchwarzen Augen wurden zwimpern beſchattet, ihre Teint zeigte eine Je Reinheit. Das Ganze ihrer Phyſiognomie trug.. e der Ruhe das Gepräge ſchewmnernder Energie. Indeß von Zeit zu Zeit, je nachdem die Unter⸗ haltung ihr mißfiel oder zuſagte, ſchwollen ihre Naſenlöcher an und ihre Lippen öffneten ſich beinahe krampfhaft ein wenig; dabei zeigten ſich dann ſogleich ihre Zähne, welche weiß wie Elfenbein waren und unter einer hochroſenrothen Lippenhaut in dicht gedrängten, ſcharfen Linien erſchienen. Rogers ſchloß daraus, daß ſie noch zorniger, auffahrender und gallſüchtiger ſei, wie ihre Mutter. Er warnte den Lord vor der Verheirathung mit der Verſicherung, daß der einſtige Gemahl dieſer jungen Dame auf tägliche Stürme gefaßt ſein müßte.
„Bah!“ entgegnete der Lord lächelnd,„ich habe zwei⸗ mal die Reiſe nach Weſtindien gemacht und dabei noch ganz andere Stürme erlebt.“
Damit war die Sache für den Augenblick abgethan und Rogers hatte ſie bereits wieder vergeſſen, als ein halbes Jahr ſpäter der Lord ihn um ſeinen Beſuch bitten ließ. Er folgte ſogleich der Einladung und fand den Lord in einer
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prachtvollen Wohnung des Faubourg Saint-Honoré. Die Thür wurde durch den Lord ſelber geöffnet; dieſer hatte ein blutiges Geſicht und der Fußboden des Zimmers war mit Porcellantrümmern und zerbrochenen Gläſern bedeckt.
„Es hat einen ehelichen Kampf gegeben,“ ſagte der Lord ſogleich zu dem Eintretenden.„Ich wagte es, meiner Gemahlin zu widerſprechen; das bewirkte einen Ausbruch ihres Zornes und hier ſehen Sie das Schlachtfeld.— Ach, weshalb achtete ich nicht auf den warnenden Ausſpruch der Buccomantie!“
Herr Rogers fragte, wo ſich Mylady befände, und er⸗ hielt die Antwort: in ihrem Boudoir, am Ende der Zimmer⸗ reihe; zugleich aber warnte ihn der Lord, der Gereizten zu nahen.
Herr Rogers ließ ſich indeß nicht abſchrecken, und indem er die Verſicherung gab, daß die Buccomantie untrügliche Zaubermittel zur Beſchwörung eines ſolchen Sturmes beſitze, ging er nach dem Zimmer der Lady.
Er fand ſie halb ſitzend, halb liegend auf ihrem Sopha; ihr Blick war getrübt, ihre Geſlotsfarde bleich und ihr ganzer Körper von jener regungsloſen Schlaffheit ergriffen, welche gewöhnlich auf übermäßig heftige Ausbrüche des Gefühls folgt.
3 Die Lady wollte ihm Anfangs mit Stolz begegnen, indeß gewann ihre gewohnte Urbanität die Oberhand, und nachdem Rogers ihr geſagt, daß er auf den Wunſch des Lords zu ihr komme, entgegnete ſie:
„Das iſt ein Reſt von Gutmüthigkeit, aber ich bin dennoch eine der unglücklichſten Frauen.“
„Das weiß ich,“ entgegnete Rogers ruhig, beinahe kalt.
„Sie wiſſen es?“ fragte ſie verwundert; und ſogleich ſetzte ſie hinzu:„Ach, es iſt ja wahr, Sie ſind Buccomant und folglich eine Art von Hexenmeiſter.“
„Wenn Sie es ſo nennen wollen, Mylady. Jedenfalls kann ich Ihnen mit Ueberzeugung ſagen, daß die Schönheit, auf welche Sie mit ſo großem Rechte ſtolz ſind, binnen kurzer Zeit nicht nur verſchwinden, ſondern ſogar ſich in Häßlichkeit verwandeln wird, wenn Sie die Ausbrüche Ihres heftigen Temperamentes nicht zu unterdrücken vermögen.“
„Ich ſollte häßlich werden?“ rief die Dame erſchrocken.
„Allerdings, Mylady,“ entgegnete Rogers mit großer Entſchiedenheit.„Keine Leidenſchaft entſtellt den Mund ſo ſehr, wie der Jähzorn; er macht die Lippen welk, die Zähne ſchlecht und läßt an den Mundwinkeln allmälig eine unver⸗ tilgbare Verzerrung zurück.“
Schnell ſprang die Dame auf, blickte in den Spiegel und da ſie hier in der That die erwähnten Symptome ge⸗ wahrte, rief ſie mit ſichtlicher Aufregung aus:
„Ich komme mir in der That jetzt ſchon beinahe häßlich vor!— Ach, mein Herr, wie danke ich Ihnen für Ihren Beſuch, beſonders aber für Ihre Warnung. Halten Sie ſich überzeugt, daß ich dieſelbe beachten und meinem Jähz. Zügel anlegen werde.“
Und wirklich hielt ſie Wort, denn längere Zeit darauf gab der Lord Herrn Rogers die Verſicherung, daß ſein ehelicher Himmel nicht wieder durch Bornausbruch getrübt worden ſei..


