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ihr mittheilen zu können, daß Harold Harkneß einer meiner liebſten Freunde unter meinen Schulcameraden geweſen ſei. Glücklicher Weiſe konnte ich mich erinnern, ihm zuweilen Dienſte erwieſen zu haben; daß ich den Knaben ſehr lieb gehabt hatte; daß er ein ſehr lebhafter Knabe mit einem ſchönen Geſicht und blonden Haaren geweſen ſei, der mit großer Liebe an mir gehangen habe.
Die kleine Ruth Harkneß— daß ſie es war, bezweifelte ich keinen Augenblick mehr— ſtöhnte in ihrem Schlafe ſchwach.
Ich neigte mich zu ihr; der Zug hielt eben an einer Station, ich glaube in Cannes. Sie erwachte.
„Könnten Sie mir wohl ein Glas Waſſer verſchaffen?“ fragte ſie.„Es beunruhigt mich, Sie beläſtigen zu müſſen.“
„Sie fühlen ſich unwohl, einer Ohnmacht nahe? Ich werde ſogleich wieder da ſein.“ Ich ſprang aus dem Waggon und brachte ihr ein Glas Waſſer, in das ich ein wenig Cognac hatte ſchütten laſſen.„Sie müſſen nicht darüber erſchrecken, es iſt nicht zu ſtark, es wird Iynen gut thun. Ich bin ein halber Arzt.“
Sie nahm es mit einem dankbaren, vertrauenden Blick und trank. Nachdem ich den Kellner bezahlt und das Glas zurückgetragen hatte, ging ich auf dem Perron in der Nähe
der Waggonthür herum, ohne auf die Ermahnungen, wieder
einzuſteigen, Rückſicht zu nehmen, indem es mich beluſtigte, die große Eile Anderer zu ſehen und von dem Wunſche beſeelt, mich ſelbſt als einen alten, erfahrnen Reiſenden zu zeigen, wenn ſie vielleicht herausſehen würde.
„Wenn Sie zurückblieben oder ſich verletzten, wenn Sie in der Eile einſteigen wollten!“ ſagte ſie. Ich war in dem Waggon, ehe ſie zu reden aufgehört hatte, ihr ängſtliches Geſicht ſchon trieb mich dazu. Das Gefühl, für irgend Jemanden von einer ſo großen Wichtigkeit zu ſein, war mir etwas ganz Neues, eine ganz neue, wohlthuende Em⸗ pfindung.
Ich kaufte ihr einen kleinen Blumenſtrauß von Roſen⸗ knospen, Jasmin und Veilchen aus der Provence, aber ich nahm ihr denſelben ſogleich wieder weg, indem ich ihr ſagte: „Der Geruch iſt zu ſtark.“
Sie ließ mich ganz nach meinem Gefallen handeln, aber ſie blickte mit großem Vergnügen auf die Blumen.
„Sie fühlen ſich nun wohler?“
„O ja, ich danke Ihnen. Ich träumte ſehr ſchmerzlich von Harold, meinem Bruder.“
„Ich möchte wohl wiſſen, wann Sie zuletzt ſpeiſten?“
„Ich habe einige Zwiebacke gegeſſen, die ich mitgenommen hatte; man ſagte mir, ich würde unterwegs Zeit genug zum Eſſen haben, aber ich befürchtete, ich möchte meinen Platz verlieren, und der Lärm betäubte mich.“
„Demnach haben Sie, ſeitdem Sie London verlaſſen haben, nur von Zwieback gelebt?“
„Ich war nicht hungrig.“—
„Ich habe, während Sie ſchliefen, eine ſehr erfreuliche Entdeckung gemacht, Miß Hartneß,“ ſagte ich, indem ich auf die Karte an ihren Reiſeſack zeigte.„Das iſt Ihr Name?“
„Ja.“ 3
„Es iſt ein mir ſehr bekannter Name. Mein liebſter Schulcamerad hieß Harald Harkneß; mein Lieblingsmaler, deſſen Werke ich ſehr bewundere, heißt Harold Harkneß.“ Nun ſagen Sie mir, ob Sie nicht ⸗Schweſterchen Ruth⸗ ſind, von der er ſo oft ſprach?“
„Ich bin nur allzu ſehr erfreut und ſtolz darauf, daß ich es bin.“ 4
Novellen⸗
Zeitung.
„Sie fragen mich nicht, wer ich bin, noch ſcheinen Sie von meiner Entdeckung überraſcht?“
„Nein,“ antwortete ſie lächelnd. bereits.“
„Sie kannten mich?“
„Ja, Harold hat oft genug mit mir von Ihnen geſprochen, ſo daß ich mich Ihres Namens recht gut erinnerte; und während Sie auf dem Bahnhofe in Marſeille auf und ab gingen, las
ich Ihren Namen auf Ihrem Gepäck.“
„Aber wie ging es zu, daß Sie den rechten Eigenthümer dee Gepäckes erriethen? Ich ging gar nicht in die Nähe deſſelben.“
„Aus Juſtinct theilweiſe, wie ich vermuthe, und theil⸗ weiſe, weil Harold einmal verſuchte, Ihr Bild aus dem Ge⸗ dächtniß zu malen, und Sie gleichen ſeinem Bilde noch genug, daß mir Ihr Geſicht ein bekanntes war, ehe ich Kenntniß von Jyrem Namen auf dem Gepäck nahm.“
Als wir Nizza erreichten— wie wundervoll lieblich erſchienen uns nicht manche Theile der Siraße im hellen Mondenſchein!— die Seealpen mit ihren ſcharfen Linien gegen den klaren, ſternhellen Himmel, die Wogen der See in den kleinen Buchten, die kryſtalliſirten Abhänge von Oliven, die bedeutungsvoll blickenden ſchwarzen Reihen von Cypreſſen, die einer trauernden, mit einem Leichentuche bedeckten Proceſ⸗ ſion glichen— als wir Nizza erreichten, fragte ich mich, wie ich am beſten für Miß Harkneß ſorgen könne. Ich ſtudirte die Geſichter der alten Damen, unſerer Reiſegefährtinnen, aber ſie blickten auf mich und mein Mündel— ats ſolche betrachtete ich meine Begleiterin— mit finſtern, unfreundlichen Miene ſie ſprachen zuſammen von uns und ſchüttelten ihre Köpf Ich wagte es nicht, ſie zu bitten, Miß Harkneß bis morges« unter ihren Schutz zu nehmen, denn ich wünſchte nicht, ihnen zu geſtehen, daß ich nicht ihr geſetzlicher Beſchützer— ihr Bruder oder ihr Gatte ſei.
Als ich meiner Begleiterin die Hand reichte, um ihr aus dem Woggon zn helfen, fühlte ich, daß ſie zitterte.
„Sie können von hier erſt morgen früh um acht Uhr mit der Diligence weiter reiſen. Ich werde Ihnen ein Zimmer in einem Hötel verſchaffen, wo ich mich darauf ver⸗ laſſen kann, daß Sie daſelbſt ſicher und gut aufgehoben ſind. Ihren Platz in der Diligence will ich dieſen Abend löſen und morgen früh werde ich Sie abholen.“ Das ſagte ich ihn während ich ſie nach einem Fiaker führte.
„Wie kann ich Ihnen je für Ihre Güte danken?“
„Es iſt nicht der Rede werth. Ich bin ganz ohne Be⸗ ſchäftigung und ſtehe Jedermann zu Dienſten— ganz be⸗ ſonders der Schweſter Ihres Bruders.“
„Wenn er nur noch am Leben iſt, um Ihnen danken zu können! Sie glauben, ich kann dieſen Abend nicht weiter reiſen?“
„Ich weiß, daß Sit dies nicht können.“ Ich wußte es nicht, wohl aber wußte ich, daß ſie eine Nacht der Ruhe be⸗ durfte.
„Ich kannte Sie
(Schluß folgt.)
Ein Damenmund als Charakterverrüther.
Als ein weiteres Anhängſel zur Phyſiognomik Lavaters und der Schädellehre Galls edirte vor einiger Zeit ein be⸗ rühmter und in der That ſcharfſinniger Zahnarzt Namens Rogers ein Syſtem der Buccomantie oder der Kunſt, aus der Geſtalt des Mundes die Charaktereigenthümlichkeiten eines
Menſchen zu offenbaren.
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