llegt er ſchon 3 zurück zurüch nach
ven laſſe betrügen laſſen
rruheten auf
dem Geſicht, dem Anzug, dem ganzen Weſen meiner Be— gleiterin gegenüber. 3
Sie ſprach uicht mit mir, ſondern richtete ihr Geſicht nach dem Fenſter. Ich glaubte, ſie intereſſire ſich ernſtlich für die bezaubernden romantiſchen Scenen, an denen wir vorüber flogen,— die felſigen Anhöhen, die Felſen, die wie Burgen und die Burgen, die wie Felſen ausſahen, die blauen Buchten, und die mit Olivenbäumen bedeckten Ebeuen, was ſie Alles wahrſcheinlich zum erſten Mal ſah. Dan bemerkte ich eine verſtohlene Bewegung von ihr, ſie ſteckte ihre kleine Hand in eine Taſche und dann erhob ſie ihr Taſchentuch nach ihrem Geſicht, was mich davon überzeugte, daß ſie weine.
Es iſt mir immer vor einer Frau bange, welche weint. Ein Mann, der einer Frau, welche weint, ein hartes Wort ſagen kann, iſt ein Barbar, und ein gütiges Wort verändert oft die einzelnen, verſtohlenen Thränen in einen Thränen⸗ ſtrom und deshalb überließ ich ſie ganz ſich ſelbſt.
Sie hielt ihre Hand und das Taſchentuch in derſelben über ihr Geſicht, das ſie ſo viel wie möglich nach dem Fenſter richtete. Ich begann zu hoffen, daß ſie einſchlafen werde. Ich glaube, ich ſelbſt ſchlief auf einige Augenblicke ein. Dann wurde ich dadurch erweckt, daß mir ein Buch aus der Hand fiel, und als ich meine Augen öffnete, ſah ich die meines vis- à-vis mit einem Blick auf mich gerichtet, als warte ſie auf die Gelegenheit, mich anzureden. Sie hatte demnach aufge⸗ hört zu weinen; daß ſie viel geweint hatte, erzählte ihr Geſicht, ihre Augenlider waren an kleinen Stellen ganz geröthet; ſie ſah ſehr bleich und leidend aus.
Sie hatte ihre Geldbörſe offen in ihrer Hand.
„Werde ich Geld genug haben?“ fragte ſie mich, indem ſie mir dieſelbe reichte, als ich Zeichen gab, daß ich ganz wache. Ich nahm die kleine, ſehr ärmlich verſehene Börſe in meine Hand.„O ja, wenn Sie ſich nicht betrügen laſſen; und da ich auf dieſem Wege mit nach Rom reiſe, ſo will ich darauf ſehen, daß das nicht geſchieht, wenn Sie es mir erlauben.“
„Sie gehen mit nach Rom?“ Ihre Augen wurden hell und eine liebliche Röthe überzog ihr Geſicht.„Sie machen die ganze Reiſe, die ich zu machen habe?“
„Ja.“ Der Zuſtand ihrer Börſe hatte mich ſchließlich n beſtimmt. Sie ſteckte die Börſe, die ich ihr zurückgab,
ihre Reiſetaſche. Als ich dann mich ſtellte, als
n eine andere Richtung, ſah ich, daß ſie ihre Hände fauee war überzeugt, daß ihre Lippen murmelten:„Gott ſei Dank!“ Ich war davon mehr gerührt, als ich hätte dafür Gründe angeben können.
„Haben Sie unterwegs auf Ihrer Reiſe geſchlafen?“ fragte ich nun.
„Nein, ich war zu ängſtlich.“
„Verſuchen Sie es und ſchlafen Sie nun, oder Sie werden ſich ganz aufreiben. Ich will nach meinen beſten Kräften für Sie Sorge tragen. Bilden Sie ſich ein, ich ſei der Freund, den Ihr Bruder Ihnen entgegen geſchickt.“ Es war kein Fall für halbe Maßregeln; ich lehnte mich vorwärts, daß ſie mich ordentlich hören möge und ſprach ſeyr ernſt.. „Sie ſind ſehr gut,“ ſagte ſie und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Ich ſetzte meine Hutſchachtel zu iyren Füßen und deckte ſie mit meinem Ueberzieher zu; dann ver⸗ ſenkte ich mich wieder ganz in meine Bücher.
Zwei alte Damen ein alter Herr nickten in der andern Abtheilung des gons.
Vierte Folge.
Eine lange Zeit regte
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ich weder Hand noch Fuß, noch blickte ich nach meiner Begleite⸗ rin, denn ich hoffte, da ihr Geiſt jetzt beruhigt, ſei, ſo würde ſie Schlaf finden. Dies geſchah. Als ich es wagte, nach ihr zu ſehen, ſchlief ſie. Ihr Hut lag auf ihren Knieen; ihr Kopf war in die Ecke des Wagenkiſſens geſunken. Das Licht der brennenden Lampe in dem Waggoͤn— es war in der Zwiſchenzeit dunkel geworden— fiel von dem glänzenden Haar herab, warf einen Schatten der langen Augenbrauen auf die blaſſe Wange, ſiel auf den hübſchen, runden, weißen Hals; aber es ſchien kein ruhiger Schlaf zu ſein: der Mund zeigte Linien der Aengſtlichkeit und Niedergeſchlagenheit. Ich blickte nicht lange nach ihr; ich befürchtete, ſie zu ſtören, und außerdem ſchien es mir, als ſei es ein ſehr unritter— liches Verfahren, einen Vortheil von dem Unbewußtſein einer Dame zu ziehen, die in einer ſo ſeltſamen Art auf meinen Schutz angewieſen worden war. Ihr Hut war von ihrem Knie herabgefallen; ich hob ihn behutſam auf und legte ihn auf meinen Hut, der auf dem Sitze neben mir ſtand. Ich betrachtete ihn; es war ein beſcheidnes, hübſches Hütchen, aber ohne irgend etwas Kokettirendes: einfach, geſchmackvoll, mit Vermeidung alles Grotesken und Unpaſſenden, wie man es ſo oft an Damenhüten ſieht. Ihr ganzer Anzug hatte meine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, als ich ſie zuerſt auf dem Bahnhofe bemerkte, als ſei er ganz beſonders paſſend, ganz vollſtändig, ohne irgend etwas Ueberflüſſiges und doch kein Mangel an weiblicher Liebenswürdigkeit.
„Wer iſt ſie? Was iſt ſie?“ fragte ich mich, und als ich ſo nachgrübelte, fielen meine Augen zum erſten Mal auf eine Karte, die an dem Henkel ihres Reiſeſacks befeſtigt war, den ich auf den Sitz neben mir gelegt hatte, um ihr mehr Raum zu verſchaffen, als ich ſie bat, ſie möchte zu ſchlafen verſuchen.
Der Name— keineswegs ein gewöhnlicher— war mir nicht unbekannt, aber die Bekanntſchaft damit führte mich weit in die Vergangenheit zurück.
„Harkneß?“ wiederholte ich. Ich fragte und quälte mich ganz nutzlos, aber als ich das Nachdenken darüber ganz aufgegeben oder wenigſtens mir eingebildet hatte, fiel mir Alles ein.
Harkneß war der Name meines alten Zeichnenlehrers, Harkneß war auch der Name eines meiner jungen Schul⸗ cameraden, Harkneß war ein Name, den ich vor zwei oder drei Jahren in dem Katalog der königlichen Akademie als den Maler von Gemälden gefunden hatte, die mir ganz beſonders gefallen, meiſtens Scenen aus der Gegend von Rom, Bauern und Vieh aus der Campagna. Eben ſo viel um des Namens wie um der Bilder ſelbſt willen hatte ich zwei oder drei davon gekauft,— ich vergeſſe, welche Gemälde dies waren—(ſpäter kaufte ich deren um ihretwillen mehr), neugierig, ob dieſer Maler Harkneß wohl mein Schulcamerad Harkneß ſei.
Ich ſchloß nun, daß dieſe Beiden ſicher eine und die⸗ ſelbe Perſon und Bruder meiner kleinen Reiſegefährtin ſein mußten, die keine andre ſein konnte, als„Schweſter Ruth“, von der er oft geſprochen hatte, und die damals noch ein kleines Kind, aber dennoch der Gegenſtand einer faſt abgötti⸗ ſchen Liebe für ihn war.
Während ſie ſchlief, ſuchte ich in meinem Gedächtniß Alles zuſammen, was ſich auf die beiden Harkneß, Vater und Sohn, bezog; es dauerte einige Zeit, eye ich mich auf den Taufnamen des Sohnes beſinnen konnte, was mich nicht wenig plagte; doch zuletzt kam er auch: Harold— Harold Harkueß. Ich triumphirte, beinahe wünſchte ich ängſtlich, daß die ermüdete kleine Schläferin aufwachen möchte, um


