730 Novellen
jedes Geſicht, das an ihr vorüberging, anblickend und es ſtudirend, unter andern auch das meinige und, wie ich mir ein⸗ bildete, mit mehr Intereſſe als die andern. Ihr Geſicht war ſehr blaß und ihre Augen waren ängſtlich, aber ſie blickte ruhig und voller Selbſtbeverrſchung; ihr Weſen zeigte keine Blödigkeit, doch ebenſo wenig etwas Männliches.
Wartete ſie auf ihren Reiſebegleiter, der ſie hier treffen wollte? Leute eilten hin und her, Alle dachten nur an ihre eignen Angelegenheiten. Niemand näherte ſich dieſer kleinen Dame.
Dann ſah ich, daß ſie eine ältere Frau anredete, die in ihrer Nähe ſtand und an die ſie, wie mir es ſchien, irgend eine Frage richtete. Von dieſer bekam ſie, wie ich mir ein⸗ bildete, eine kurze, nicht beſonders höfliche Antwort, denn ihr Geſicht erröthete, als ſie ſich nach einer andern Seite richtete.
Allmälig wurde der Bahnhof faſt ganz leer. Die Reiſenden, welche nach irgend einer Richtung abreiſen wollten, nahmen eine Erfriſchung ein; Andere hatten ſich in ihre Wohnung oder in ein Höôtel begeben. Die Eiſenbahnbe⸗ amten begannen dieſe einſame Dame mit Neugierde zu betrachten. Meinen Hut abnehmend, redete ich ſie mit ſoviel Höflichkeit, als mir nur zu Gebote ſtand, franzöſiſch an und wagte es, ſie zu fragen, ob ſie irgend Jemand erwarte; ob ſie irgend einer Auskunft bedürfe und ob ich ihr vielleicht einen Dienſt erzeigen könne. Ein Schatten von Verlegenheit oder Enttäuſchung flog über ihr Geſicht, als ich ſo zu ihr ſprach.
Sie antwortete mir in beſſerem Franzöſiſch, als das meinige war, während ihre Augen mit etwas mehr als Neu⸗ gierde— mit Intereſſe— in den meinigen zu leſen ſchienen:
„Ich ſollte hier Jemanden erwarten, erblicke aber Niemanden, der ſich nach mir umſieht. Ich ſehe mich getäuſcht. Ich muß hier warten; vielleicht kommt doch noch Jemand. Ich danke Ihnen recht ſehr für Ihre Güte, aber ich muß warten.“
Nachdem ich nochmals meinen Hut abgenommen hatte, verließ ich ſie. Warten! auf was wartete ſie? Jemaund, der ſie hier treffen wollte, würde an Ort und Stelle geweſen ſein, ehe der Zug ankam. Hier allein und wahrſcheinlich in Marſeille fremd, was konnte ſie thun? Mittlerweile ſtand ſie dort, wartend, gefaßt, geduldig.
Wie die Zeit verſtrich, Llaubt ich, ſie werde immer bläſſer und bläſſer; zuletzt, als ich ihr bei meinem Auf- und Abgehen etwas näher kam, als Leiwounlich, kam ſie mit ein paar Schritten auf mich zu.
„Wollen Sie ſo gütig ſein,—“ begann ſie auf Engliſch, aber ſich dann corrigirend, wiederholte ſie dieſe Worte in franzöſiſcher Sprache.
Ich lächelte. Engländerin ſind.“
„O, ich bin ſo froh!“ ſagte ſie ganz kindlich. Dann fügte ſie hinzu:„Ich kann gar keine Entſchuldigung dar⸗ bieten, daß ich Sie beläſtige; aber wollen Sie mir ſagen, was ich zu thun habe? Ich komme direct von London und bin auf dem Wege zu meinem Bruder, der in Rom krank iſt. Irgend Jemand ſollte mich in Marſeille erwarten und ich weiß gar nichts von dem Wege, den ich von hier einzuſchlagen habe. Mein Bruder iſt ſehr krank. Ich muß ſchnell reiſen, oder—“ hier machte ſie eine Pauſe oder, richtiger geſagt, die Stimme verſagte ihr.
„Wollten Sie Ihre Reiſe zu Lande machen?“ „Ja, mein Bruder hat mir verboten, zur See zu reiſen.
„Ich bin ein Engländer, wie Sie eine
„Zeitung..
Die Seereiſe tödtete ihn beinahe und er will mich dieſer Ge— fahr nicht ausgeſetzt ſehen.
„Aber,“ ſagte ich ganz ärgerlich,„es iſt für Sie ganz unmöglich, auf dieſem oder irgend einem andern We ege die Reiſe ganz allein zu unternehmen. Was haben Ihre Freunde nur gedacht?“
„Ich ſollte hier Jemanden finden, wie Sie wiſſen, und ich verließ mich mit Gewißheit darauf.“
„Aber Sie haben hier gar nichts zu thun. Wenn Sie zu Lande und geſchmind reiſen wollten, ſo hätten ſie nach Chambery, über den Mont Cenis nach Suſa, Turin und Mai⸗ land gehen müſſen..
Sie wurde ſe blaß, daß ich mit Sprechen inne hielt.
Sie ſah ſich nach einem Platze um, wo ſie etwas aus⸗ ruhen konnte; ich reichte ihr meinen Arm, führte ſie in den Warteſaal, beſtellte für ſie ein Glas Waſſer und eine Taſſe Kaffee und bat ſie, den letztern zu trinken.
Sie gehorchte mir und ſobald ſie wieder ſprechen konnte, war ihr erſtes Wort:„Sie werden mir ſagen, was ich nun thun ſoll? Mein Bruder iſt ſehr krank, vielleicht liegt er ſchon in Sterben. Wird es am beſten ſein, wenn ich zurück nach dem Orte gehe, den Sie mir nannten, oder, da ich einmal hier bin, voran zu eilen? Welcher Weg iſt am ſchnellſten?“
„Wo iſt Ihr Gepäck? In fünf Minuten geht der Zug nach Nizza ab. Ich bin nicht ſicher, ob Sie etwas Beſſeres thun können, als von hier weiter zu reiſen, da Sie einmal hier ſind.“
Sie ſtieg ſofort auf.
„Ich habe kein Gepäck weiter, als das, was in dieſer Reiſetaſche iſt,“ wobei ſie auf den Reiſeſack wies, den ich ihr abgenommen hatte, als ich ihr den Arm reichte.
Was fur eine liebenswürdige Reiſegefährtin würde ſie ſein!“ dachte ich im Stillen.
Als wir nach dem Bahnbof eilten, fügte ſie hinzu: „Ich verließ London eine Stunde nach dem Empfang eines Telegramms.“ Als ich ſie drängte, zu eilen, fragte ſie: „Reiſen Sie auf dieſer Straße auch weiter?“
„Würden Sie wohl ſo gütig ſein, während wir bis zur nächſten Station reiſen, mir den Weg, den ich nehmen muß, aufzuſchreiben?“
„Ganz gewiß.“
Da der Damenwaggon, in den ich ſah, voll war, ſo half ich ihr in einen andern und ſtieg ſelbſt mit hinein; als nun bei dieſer Gelegenheit ihre kleine Hand in der meinigen ruhete,
ſo drang eine merkwürdig feſte Ueberzeugung in meinen Geiſt,
die mir auch blieb.
Ich ſetzte mich ihr gegenüber und nachdem ich zu ihr ge⸗ ſagt hatte:„Wir werden Zeit genug haben, das zu beſprechen, ehe wir nach Nizza kommen,“ ſtellte ich mich, als ſei ich von meinen Reiſebüchern und Karten vollſtändig in Anſpruch genommen, um ihr die erforderliche Zeit zu gönnen, ſich zu erholen. 1
Die ganze Zeit, wo ich ſo beſchäftigt ſchien, dachte ich eifrig nach. Ich war nicht ſehr jung, auch niiht unnerkaren, Ich hatte von bezauberten und bezaubernden Wittwen und von kindiſch ausſehenden kleinen Abenteurerinnen gehört, welche in Orten, wie die Eiſenbahnſtation in Marſeille iſt, auf der Lauer liegen, um männliche Herzen in ihren Netzen zu fangen und von deren Börſen Gebrauch zu machen, und ich betrachtete mich als einen Mann, der ſich nicht leicht betrügen laſſen würde. Viele ruhige, fforſchende Blicke von mir ruheten auf
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oft die dinhel frron und 34 Sie hie lber ihr eſ richtete. Ich i gaube, wurde ich d ſil und als à-vis wit die Gelegen hört zu wei ihre Augen ſah ſe ſe hr b
ſie wir di wache. J meine Ha⸗ und da ich darauf ſeh erlauben.“
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